Rotterdamnation: Grégoireisation

  • Vom Bildschirm eines Festivalrechners schaut mich Grégoire Colin böse an und das freut mich sehr.

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  • Oberfächlich passend zu Philippe Garrels L’ombre des femmes war L’Accademia delle Muse von José Luis Guerin, in dem, unter anderen, auch das Verhältnis vom persönlichen und professionellen Leben ‘untersucht’ wird. Die Beziehungen zwischen einem Universitätsprofessor und seinen Studentinnen, die er zum Musewerden auffordert, springen aus dem rein intellektuellen Kontext raus und landen im Leben. Die Hauptfrage, mit der der Film spielt, bleibt eine, die schon in den anfänglichen Seminardiskussionen und Küchengesprächen (die sicher keine sind) zwischen dem Professor und seiner Frau formuliert wird: Inwiefern ist Liebe ein intellektuelles Konstrukt? Der Sprung von der theoretischen Behandlung des Musentums zum Exerzieren des Musentums im Leben, zu den in Affäre/n des Professors mit seinen Studentinnen, ist eigentlich gar kein Sprung. Einerseits bleibt man im theoretischen Bereich, andererseits fragt man sich, ob der theoretische Bereich jemals theoretisch genug war. All diese Verwirrungen bezüglich Beziehung und Bildung bringt L’Accademia delle Muse mit viel Humor und Spielfreudigkeit auf die Leinwand.

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  • Das Festival ist doch nicht aus, diese viele Menschen, die ich nicht kenne, hatten sich alle nur vor mir versteckt. Ich weiss es jetzt, weil ich zufällig im Festivalzentrum war, als sie alle von der Preisverleihung rausgekommen sind.
  • Notfilm, von dem ich schon vor einem Jahr erfahren hatte und dessen stark mediatisierten Förderungskampagne ich neugierig beobachtet hatte, war letztendlich eine ziemlich bittere Erfahrung. So erfreulich es sein mag, dass Ross Lipman noch nicht gesehene Outtakes von Film gefunden hat, sowie Voice Recordings von Beckett, dessen Stimme man bislang nicht kannte (das waren die Gründe für meine bislang immer steigernde Neugierde auf diesen Film), so dubios sind Lipmans Entscheidungen für wie diese Entdeckungen präsentiert werden sollen. Notfilm wird von sentimentalen Eskapaden und merkwürdige Hypothesen über die Ähnlichkeit zwischen Beckett und Keaton (als Menschen) erschwert. Dass der Film eine Powerpoint-Ästhetik hat, macht aber Sinn, schließlich erwähnt Lipman immer wieder, dass sein Film kein (not) Film ist, sondern ein digitales Werk. Notfilm ist weder poetisch, noch informativ genug, um genießbar zu sein. Die unglaubliche Unterstützung aus der Filmwelt, die das Projekt bekommen hat, bleibt unbelohnt.

 

  • 22:30 war eine gute Uhrzeit um den positiv überraschenden Évolution von Lucile Hadzihalilovic zu sehen. (Das Positive kommt größtenteils davon, dass Hadzihalilovics‘ Innocence, den ich vor einigen jahren gesehen habe, in meinem Gedächtnis Jahr für Jahr schlechter wird). Ich hatte Angst im Film, obwohl ich richtige Angst bei einem Film eigentlich nur dann habe, wenn viel mehr Leben eindringt. Die Insel in Évolution hat mich daran erinnert, dass ich am Mittag wieder auf dieser entfernten traurigen Insel mit den zwei Kinos war und gedacht habe, dass die Nacht mich nicht dort finden darf.
  • Das Critics’ Choice Heft sieht dieses Jahr wieder sehr spannend aus, ich bringe es mit.12665802_10206824797353392_706107552_n

A Question of Space: Videoessay zu White Out, Black In von Roger Koza

In der Untergangsstimmung des Kinos gibt es nur selten noch die euphorische Entdeckung eines Potenzials. Der Hype um den audiovisuellen Essay, der in den letzten Jahren rund um Größen wie Catherine Grant, Kevin B. Lee und Adrian Martin entstanden ist, gehört sicherlich dazu. In Videoform vermag eine neuartige Kritik entstehen, die ihrerseits filmisch arbeitet und einen ganz anderen und dennoch kritischen, reflexiven, über den Film hinausragenden Zugang zu einzelnen Arbeiten oder ganzen Filmemachern, Motiven etc bieten kann. Auf dem Filmfestival in Rotterdam wurden im Januar im Rahmen der Critic’s Choice einige solcher Arbeiten gezeigt. Inzwischen gibt es diese Videos fast alle online zu sehen und so konnte ich mir in der Zwischenzeit auch ein Bild vom Status Quo dieses Feldes machen und davon, was die Möglichkeiten denn überhaupt sind. Um es kurz zu machen: Ich bin überwältigt. Nicht alle Arbeiten sind wirklich interessant, aber wenn sich die Kritiker wirklich darum bemüht haben, sich in die Versprechen dieser Auseinandersetzung mit Film zu werfen, dann sind spektakuläre Arbeiten entstanden, die gleichermaßen sinnlich, poetisch und analytisch wirken. Ich hätte hier auch ohne weiteres über den Essay von Cristina Álvarez López und Adrian Martin schreiben können. Ich entscheide mich aber dafür, über jenen von Roger Koza zu schreiben. Der Grund dafür ist, dass mir sein gewählter Film Branco sai, preto fica von Adirley Queiros beim erste Sehen auf der Viennale 2014 so gar nicht gefallen wollte, obwohl er mir unter anderem von Roger Koza enorm angepriesen wurde. Wenn für mich die Kritik eines Films trotz unterschiedlicher Meinung dennoch funktioniert, dann kann das mit drei Dingen zusammenhängen. Die erste Möglichkeit ist, dass ein Kritiker Wahrheiten oder Hintergrundinformationen über Film an sich ausspricht, die mich interessieren oder bewegen. Die zweite Möglichkeit ist, dass die Auseinandersetzung mir einen neuen Blick auf den Film ermöglicht und meine bisherige Meinung überdenken lässt. Und die dritte Möglichkeit ist, dass die Kritik in sich zu einem Kunstwerk wird, aus dem ich Inspirationen ziehen kann, die gar nichts mit dem Film zu tun haben müssen. Das Video von Koza hat mir alle drei Möglichkeiten auf einmal vor Augen geführt und zudem hat es diese Möglichkeiten in einer Art und Weise bedient, die nur durch Ton und Bild bei mir ankommen konnte.

A Question of Space ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit Branco sai, preto fica, sondern auch ein Spiegel auf die Arbeit des Kritikers und über Denk- und Fühlprozesse eines Cinephilen. Das Video arbeitet mit Assoziationen, mit dem eigenen Körper, mit Recherche, aber vor allem mit der Fähigkeit, zu sehen und zu hören:

White Out, Black In: A Question of Space from Roger Koza on Vimeo.

Zunächst stellt Koza im Stil von Manny Farber eine „Question of Space“. Nach einer unkommentierten Aufzugfahrt aus dem Film sehen wir eine weitere Einstellung daraus, in der ein Protagonist durch ein Wohnviertel geht. Durch den Titel, der dem vorangestellt wird, kann unser Blick auf den „Space“ gelenkt werden. Wir beginnen, wie das in den besten Kritiken der Fall ist, schon hier mit frischeren oder besser veränderten Augen zu sehen, angetrieben von einer faszinierenden Idee. Nochmal erscheint dort „Space“. Koza setzt die Bilder des Films zusammen wie ein Mosaik. Man sieht zwei Einstellungen desselben Ortes aus unterschiedlichen Kamerapositionen. Nun habe ich diese so nicht mehr in Erinnerung, aber der Essay ruft sie in Erinnerung, noch mehr: Er macht sie sichtbar, ermöglicht einen Blick auf die Arbeit des Filmemachers. Dann erscheint „Poetics“ auf dem Bildschirm. Im Ton hören wir einen Alarm und zunächst scheint Koza dasselbe Spiel noch einmal zu treiben. Er zeigt zwei Bilder übereinander, die jeweils den gleichen Ort aus unterschiedlichen Kameraperspektiven zeigen. Nur die Bewegungen sind anders und es entsteht ein Rhythmus. Da die rechte Seite des Bildschirms bislang Schwarz blieb, scheint etwas zu fehlen. Koza führt es nun zusammen, er nennt es „Poetics of Space“. Stumme Flüge über „Spaces“ beleben dann die rechte Seite des Bildschirms und zudem versetzen sie einen in den hippen SciFi-Flair des Films. Nur die linke Seite bleibt diesmal Schwarz. Zurück zu „Space“.

Es ist als würde Koza die Zeit, die für den Film eine Rolle spielt, in seine essayistische Analyse eingliedern. Damit folgt er kinematographischen Gesetzen und offenbart uns die Möglichkeiten des audiovisuellen Essays: Die Kritik ist nun auch an die Zeit gebunden (und ich meine damit nicht den Abgabetermin…). Damit muss man arbeiten. In der Folge öffnet sich der Space auf Bilder eines nationalen brasilianischen Kinos. Brasilien im Film. Gewalt und Armut und wie sie gefilmt wurden. Jeder kennt die Formulierungen der Kritik, wenn sie darauf verweisen will, was es sonst so gibt, wenn sie Vergleiche anbietet und so weiter, aber niemand kann mit diesen Formulierungen die Kraft eines Bildes erreichen, das wie ein Madeleine in unsere Wahrnehmung des besprochenen Films einfällt und in Bild und Ton vor uns lebt. Koza scheint seine Begeisterung für die fliegenden Bewegungen gefunden zu haben, ganz so als wären die brasilianischen Slums, nur von Ufos aus zu betrachten.

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Mit welchem „Space“ haben wir es hier zu tun? Es stellen sich Verbindungen her zwischen einem politischen, geographischen und filmischen Raum. „Politics“ lautet der nächste Titel, weil das die logische Fortsetzung dieses Raumes ist. Die Kamera blickt weiter von oben auf das Geschehen, als etwa Bilder aus City of God von Fernando Meireilles oder Elite Squad von José Padhila zu sehen sind. Die logische Folge, wir haben sie bereits erahnt: „Politics of Space“. Hier führt Koza sein Argument zu einem ersten Ende. Nur seinen wahren Trumpf hat er noch nicht ausgespielt (es ist als würden diese Bilder einer argumentativen Logik folgen). Wir sehen Karten auf denen gezeichnet wird, eine Karte als ultimativer Topshot, so weit oben, dass die Idee des Raumes abstrahiert und politisiert werden kann. Dieser „Space“ bei Koza ist eine Frage der Distanz, der räumlichen und der zeitlichen Distanz.

Dann folgt der in sich außergewöhnlichste und gelungenste Teil des Videos. Eine Szene aus Branco sai, preto fica zeigt den Protagonisten, der HipHop-hörend durch die Straßen fährt. Es folgt ein Schnitt auf ein Radiogerät im Auto und nach einem „Volkswagen“ Schriftzug, der bei allem Humor dennoch von einer weiteren Distanz erzählt, einer Distanz, die ein Kritiker immer hat und haben muss zu seinem Film, sehen wir  Koza selbst im Auto sitzen und aus dem Radio dringt seine Stimme mit Gedanken zum Film. Diese Gedanken führen uns zum Argument, dass wir aus schriftlichen Filmkritiken kennen, aber zugleich führt es uns auch zur Entfernung von diesem Argument, da wir zum einen den Kritiker selbst vor uns sehen, der sozusagen die Welt des Films bereist und zum anderen dann sogar in den Film selbst geht, weil Koza wieder zurück schneidet, aber weiterhin seine Stimme hörbar wird. Um dem Ganzen noch eine kleine Krone aufzusetzen, entspricht dieser Bruch mit der bisherigen Form auch dem Vorgehen von Branco sai,preto fica von dem Koza aus dem Radio erzählt: Eine filmische Rekontextualisierung, die sich eben nicht von der eigenen Wahrnehmung des argentinischen Kritikers lösen kann, der sich selbst in ganz ähnlichen Gegenden (vermutlich in Argentinien) findet und damit den „Space“ des Films nach außen lagert. Damit stellt er nicht nur Fragen an den Film, die Filmgeschichte, den Raum, die Politik oder die Filmkritik, sondern letztlich an sich selbst.

In der Folge führt er seine Argumentation in Kreisbewegungen weiter. Zunächst mit Hilfe weiterer scheinbar assoziativ gewählter Ausschnitte aus East Wind der Dziga Vertov Gruppe um Jean-Luc Godard und Road to Ythaca von Pedro Diogenes, Guto Parente, Luiz Pretti und Ricardo Pretti. Letzterer könnte als Anschauungsmaterial dienen wie aus einer Poesie ein Space wird, wie ein Gedicht in Wege und Reflektionen übersetzt wird. Er gibt weitere Beispiele und Koza definiert seine These genauer (rekontextualisiert sie): A Poetics of Space is always a Politics of Space and a Space of Politics. Die Geräusche und Bilder des Films und jene aus Kozas tatsächlicher Umgebung beginnen ineinander zu verschmelzen. Der Kritiker und der Film folgen jetzt einem Gedanken, einer Möglichkeit. Eine wunderbare Arbeit, die es tatsächlich versteht Räume zu öffnen und damit gleichermaßen poetisch und politisch zu sein. Und dann darf man durchaus enthusiastisch sein, was die Zukunft einer leidenden Branche betrifft.

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