Über Realismus – Alice Rohrwacher

Wovon es abhängt, ob man einen Film mag, kann an vie­lem lie­gen: Der Stadt, in der man lebt, der Stadt, in der man nicht mehr lebt, der Jah­res­zeit, ob man hung­rig ist oder nicht, ob man im Kino ist oder nicht, ob man allein ist oder nicht, ob man etwas wie­der­erkennt oder nicht, ob man gut sehen oder bes­ser hören kann. Wovon es viel­leicht nicht abhängt, ist, ob der Film hell ist oder dun­kel, ob man den Wind rau­schen hört, in wel­cher Zeit der Film spielt, was im Film geges­sen oder getrun­ken wird, ob die Men­schen Namen haben, oder ob man wäh­rend­des­sen viel­leicht an etwas ande­res dachte.

Über Ali­ce Rohr­wa­chers Fil­me ist viel gesagt und geschrie­ben wor­den. Oft spal­ten sich die Mei­nun­gen. Was für den einen beson­ders nah an der Wahr­heit steht, ist für die ande­re womög­lich unfass­ba­rer Kitsch. Doch ob die Fil­me dabei auch wirk­lich gese­hen und gehört wur­den, ist frag­lich. Denn sel­ten sieht man Fil­me, wäh­rend man über sie spricht oder schreibt. Viel­mehr ver­mischt sich der in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­de Ein­druck mit den Wor­ten, die man dafür gebraucht. Wor­te – die eige­nen wie die frem­den – die immer nur eigen­ar­ti­ge Behel­fe sind, um etwas zu begrei­fen, wenn­gleich sie einem etwas ande­res vor­täu­schen. Das könn­te einen Anlass dafür geben, nicht nur bei den oft star­ken Emp­fin­dun­gen, die Rohr­wa­chers Fil­me aus­lö­sen, son­dern auch in ihnen selbst, nach­zu­se­hen, was im Zwi­schen­raum steht.

Die­se cha­rak­te­ris­ti­sche Unent­schie­den­heit ihrer Fil­me ent­fal­tet aber kei­ne Ago­nie, son­dern eher einen kaum zu umrei­ßen­den Kos­mos. Natür­lich: Moti­ve wie­der­ho­len sich, ein Rhyth­mus wird wie­der­erkannt, Atmo­sphä­ren flie­ßen inein­an­der über. Den­noch wirkt nichts dar­an ein­engend. Statt­des­sen sind Rohr­wa­chers Fil­me oft unheim­lich bewegt. Sind sie zeris­sen? Was das mit Rea­lis­mus zu tun hat, könn­te man an die­ser Stel­le fra­gen. In der Regel kann man an den Din­gen zwei­feln, die man in ihren Fil­men zu Gesicht bekommt. So sol­len die Bil­der nicht mit rhe­to­ri­schen Auf­ga­ben bela­den wer­den. Viel mehr öff­nen sie aber den Blick dafür, wie Wirk­li­ches ent­steht. Manch­mal kippt es. Sie sind leicht.