Das rote Zimmer von Rudolf Thome

Meis­tens habe ich nach­dem ich einen Film gese­hen habe eine sehr kla­re Vor­stel­lung davon, was ich aus dem Film mit­neh­me. Ein kla­res Gefühl, das man in sich ein­schließt und lan­ge mit sich her­um­trägt. In so einem Fall ist es erstaun­lich ein­fach, über einen Film zu schrei­ben. Als ich Das rote Zim­mer von Rudolf Thome zum ers­ten Mal vor eini­gen Jah­ren gese­hen hat­te, beschlich mich ein eben solch kla­res Gefühl. Hät­te ich damals einen Text zum Film ver­fasst, wür­de er sicher­lich völ­lig anders ausfallen.

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Nun ist aber alles natür­lich ganz anders gekom­men: Den Film ein zwei­tes Mal zu sehen, frisch­te das Gefühl nicht wie­der auf, es erset­ze es durch ein ande­res Gefühl, ein sehr vages, unbe­stimm­tes Gefühl der Ver­wir­rung. Hil­fe­su­chend wand­te ich mich an das Inter­net um Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und ande­re Mei­nun­gen über den Film ein­zu­ho­len, gewis­ser­ma­ßen als Ansporn oder Inspi­ra­ti­on für mei­nen Text. Dabei stieß ich auf ein Inter­view mit Regis­seur und Dreh­buch­au­tor Thome, das mir aus mei­ner Mise­re half. Auch wenn Thome in dem Inter­view (glück­li­cher­wei­se) kei­ne ein­deu­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on des Fil­mes vor­legt, so lässt er doch ein­zel­ne Grund­ge­dan­ken erken­nen, die das Fun­da­ment des Films bil­den. Dabei erweist sich Tho­mes Sicht auf sei­nen Film mei­nem Gefühl, mei­ner eige­nen Sicht, als dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt. Dadurch wur­de mir klar, dass eben­die­se Band­brei­te an Sicht­wei­sen, die in mir sol­che Ver­wir­rung ver­ur­sacht hat­te, die Qua­li­tät eines Fil­mes aus­macht. Also ent­schloss ich mich dazu, die­se Ver­wir­rung zuzu­las­sen und das vage Gefühl zu ergrün­den, wel­ches Das rote Zim­mer in mir aus­löst. Wie ent­steht die­se eigen­ar­ti­ge Wir­kung des Films? Um die­ser Fra­ge nach­zu­ge­hen möch­te ich im Fol­gen­den mög­lichst klar und ver­ständ­lich mei­ne sub­jek­ti­ve Seh­erfah­rung wiedergeben:

Das rote Zim­mer beginnt mit einem schein­bar plum­pen Ein­stieg. In Par­al­lel­mon­ta­ge wer­den die drei Prot­ago­nis­ten des Films expo­niert: Wir sehen, wie der Phi­le­ma­to­lo­ge (zu Deutsch: Kuss­for­scher) Fred Hin­ter­mei­er zusam­men mit einer Pro­sti­tu­ier­ten bei sich zu Hau­se sei­nen Geburts­tag fei­ert. Dem gegen­über­ge­stellt wird eine Sze­ne in der die Schrift­stel­le­rin Luzie und ihre jun­ge Freun­din Sibil in trau­ter Zwei­sam­keit kif­fend in einem Bett lie­gen. Anschlie­ßend erhal­ten wir einen Ein­blick in Freds Arbeits­all­tag, der sich auf­grund sei­nes außer­ge­wöhn­li­chen Berufs als völ­lig gro­tesk erweist. Der All­tag von Sibil und Luzie erweist sich als eine uto­pi­sche Mischung aus üppi­gem Früh­stü­cken, Wald­wan­dern und Angeln. Fred ist mit sei­ner Schei­dung beschäf­tigt, die sich für ihn als beson­ders schwie­rig erweist, weil er sei­ne Frau noch liebt, wäh­rend Luzie und Sibil glück­lich zusam­men sind.

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Die Unter­schie­de zwi­schen den bei­den Lebens­wel­ten sind krass, die Cha­rak­te­re schei­nen ein­fach und klar, fast zu klar, gezeich­net. Doch Thome ver­steht es mit jeder neu­en Sze­ne sei­ne Prot­ago­nis­ten in ein völ­lig neu­es Licht zu set­zen und den Zuschau­er immer wie­der hin­ters Licht zu führen.

Für mich sind die Sym­pa­thien zu Beginn des Fil­mes klar ver­teilt: der ver­klemm­te Fred, der tags­über den gefühls­kal­ten For­scher spielt und abends sei­ne (Ex)Frau mit Lie­bes­an­ru­fen beläs­tigt und ger­ne Pro­sti­tu­ier­te zu sich nach Hau­se ein­lädt, kann mei­ne Sym­pa­thie nicht für sich gewin­nen; dage­gen erscheint mir das Leben von Sibil und Luzie als sehr erstre­bens­wert. Doch die Gren­zen begin­nen zu ver­schwim­men, als die bei­den Hand­lungs­strän­ge auf­ein­an­der­tref­fen: Luzie und Sibil fah­ren in die Stadt, um in Buch­hand­lun­gen und Biblio­the­ken Män­ner auf­zu­rei­ßen; Luzie schreibt näm­lich ein Buch über die See­le des Man­nes und ist stän­dig auf der Suche nach Ver­suchs­sub­jek­ten. Im Zuge des­sen trifft Luzie auf Fred und sofort wird klar, dass die bei­den mehr gemein­sam haben, als man zu Beginn des Fil­mes ver­mu­tet hät­te. Bei­de befas­sen sich auf ihre Wei­se mit der Lie­be; Fred über den medi­zi­nisch-phy­sio­lo­gi­schen, Luzie über den lite­ra­risch-phi­lo­so­phi­schen Weg. Prompt lädt sie ihn zu sich und Sibil auf ihr Land­haus ein.

Als Fred sich dazu ent­schließt die bei­den Frau­en zu besu­chen, beginnt ein per­fi­des Spiel um Macht und Lie­be über das alle Betei­lig­ten bald die Kon­trol­le ver­lie­ren. Zunächst zeich­net sich eine klei­ne Lie­be­lei zwi­schen Luzie und Fred ab, wor­auf­hin sich die bei­den ihre Lie­be geste­hen. Die eifer­süch­ti­ge Sibil beob­ach­tet die­se Ent­wick­lung mit Unmut. Schließ­lich möch­te Luzie auch dafür sor­gen, dass sich Fred und Sibil näher­kom­men, schein­bar nicht ahnend, dass ihr Ver­such, die bei­den zusam­men­zu­brin­gen dazu führt, dass die jun­ge Sibil mit Fred schläft.

Ich schrei­be bewusst „schein­bar“, da Thome uns stets im Unkla­ren dar­über lässt, was zu Luzi­es Plan gehört und wohin die­ser schluss­end­lich füh­ren soll. So führt uns das Dreh­buch von einer Fin­te zur nächs­ten und es ent­steht eine gro­ße Ver­wir­rung zwi­schen den drei Prot­ago­nis­ten des Films, die bald ihr eige­nes Spiel nicht mehr unter Kon­trol­le haben. Die­se Ver­wir­rung über­trägt sich auch auf den Zuschau­er, der bald nicht mehr weiß, wer in wel­cher Situa­ti­on die Über­hand hat, wer nun Spie­ler und wer Opfer des Spiels ist. So ent­steht in den ein­zel­nen Sze­nen des Films eine situa­ti­ve Span­nung, wel­che von den Dar­stel­lern durch Bli­cke und klei­ne Ges­ten per­fekt trans­por­tiert wird.

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Die­se Span­nung gip­felt in der Sze­ne, als die bei­den Frau­en Fred in das namens­ge­ben­de rote Zim­mer ihres Hau­ses füh­ren und Fred sich plötz­lich in einer ihm völ­lig unge­wohn­ten Rol­le wie­der­fin­det. Er, des­sen Beruf dar­in besteht, ande­re Men­schen beim Küs­sen zu beob­ach­ten, wird selbst zum Beob­ach­te­ten, als Luzie ver­langt, ihn und Sibil beim Küs­sen beob­ach­ten zu dür­fen. Der Zuschau­er weiß an die­ser Stel­le bereits, dass sich zwi­schen Sibil und Fred mehr abge­spielt hat, als die­se vor Luzie zuge­ben dür­fen; so ent­steht ein Moment vol­ler Sus­pen­se, der exem­pla­risch für den Rest des Fil­mes steht, in dem die Hand­lung durch Irrun­gen und Wir­run­gen immer wie­der in sol­chen span­nen­den Momen­ten gipfelt.

Die­ser Ver­wir­run­gen über­drüs­sig ver­sucht Luzie am Ende des Films die Drei­ecks­be­zie­hung in einem Ver­trag zu regeln. Sie schafft es dadurch nicht nur, Fred und Sibil an sich zu bin­den, son­dern bringt Fred durch eine Klau­sel auch dazu, Sibil und ihr lebens­lan­gen Unter­halt zuzu­si­chern. Ob die­ser Ver­trag nun von Anfang an zu Luzi­es Plan gehör­te oder nur eine Not­lö­sung dar­stellt, bleibt unklar; doch durch ihn wird der Kreis der Erzäh­lung geschlos­sen. Das unkon­trol­lier­ba­re Lie­bes­spiel ist zu Ende und alle Spie­ler ste­hen als Ver­lie­rer da; alle völ­lig abhän­gig von­ein­an­der: Sibil und Luzie in finan­zi­el­ler Hin­sicht und Fred durch den Ver­trag gebun­den. Ob man den Ver­trag nun als Pro­sti­tu­ti­ons­ver­trag oder Ehe­ver­trag ver­steht, bleibt jedem Zuschau­er selbst über­las­sen. Tat­sa­che ist, dass Thome mit Das rote Zim­mer einen Film kre­iert hat, der es schafft, den Zuschau­er durch unbe­re­chen­ba­re (und dadurch erstaun­lich rea­li­täts­na­he) Cha­rak­te­re, immer neue Wen­dun­gen und sei­ne Unein­deu­tig­keit immer wie­der zu über­ra­schen und viel­leicht, wie mich, mit einem unbe­stimm­ten Gefühl der Ver­wir­rung zurückzulassen.