Kurzer Kommentar zur Magie von Filmen: Als wir uns Alexandre Koberidzes What do we see when we look at the sky? vor einigen Jahren zuhause ansahen, wurde währenddessen unsere Katze überfahren. Sein neuer Film Dry Leaf beginnt nun mit einer Katzensequenz. Ich blinzelte einige Male beziehungsweise konnte nicht alles im Pixelrauschen des Films erkennen, bin mir aber sicher, dass unsere Katze dort auch zu sehen war.
Cinephilie ist eine Krankheit, hat der ehemalige Direktor dieses Festivals einmal gesagt. Ihre Symptome sind wohl nicht im Sehen von Filmen zu finden, sie äußern sich vielmehr dann, wenn man Filme nicht sieht, die man sehen könnte.
Le Tempestaire und Mor-Vran jeweils auf 35mm zu sehen, ist ein Ereignis. In letzterem tauchen einmal einige alte Männer auf, die mit Gehstöcken zwischen zwei Mauern hervortreten wie eine letzte Erinnerung an längst verblasste Leben. Diese Männer sind im vorletzten Jahrhundert geboren. Epsteins Objektive, mit ihren im Wirbel einer Unschärfe sich auflösenden Konturen, tragen nur dazu bei, dass sie wie Geister in den Kinoraum treten. Aber sie sind Geister, das ist dokumentarisch.
Dry Leaf ist ein richtiger Film. Es erfordert den ganzen Geist und Körper, um ihn entgegenzutreten. Man darf sich von Koberidzes ästhetischen Einlullstrategien (vor allem der alles romantisierenden Musik) nicht täuschen lassen, hier wird ständig über das Verhältnis von Bild und (Un-) Wirklichkeit nachgedacht.
Es ist auch ein Film darüber, dass Fußballtore Leinwände sind. Hätte ich das früher gewusst, hätte ich deutlich mehr Tore geschossen in meinem Leben.
Mir fällt auf, wie schwer es ist, einen Film wirklich zu sehen und wie seltsam zu glauben, dass man das mehrmals am Tag schaffen kann.
Das Empfinden von Schönheit hängt oft am Unverbrauchten der Bilder. Die Pixel von Koberidze zeigen, dass das Sehen immer mit dem zu tun hat, was man nicht sehen kann; dem Begehren, mehr zu sehen.
Eine junge Frau mit Twilight-T-Shirt hat sich in Cœur fidèle von Jean Epstein verirrt und den Saal nach vier Minuten verlassen. Das Melodramatische scheint ein Ablaufdatum zu haben. Aber stimmt das? Hat sich nicht gerade verpasst, dass auf Film gebannte Gefühle länger halten? Oder erkennt man mit der Zeit, dass sie konstruiert sind, so wie wenn man nach langer Zeit eine geliebte Person wiedersieht und nicht mehr versteht, wie sie einmal im eigenen Herz wohnen konnte?
Seltsam, wie gut sich die Filme von Epstein mit jenen von Koberidze reimen. In ihnen gibt es diese Schleifen, in denen die Lust am Bild jedwedes Bestreben um erzählerische Ökonomie überlistet.
Live-Musikbegleitungen irritieren mich. Die Instrumente und die Körper der Musiker drohen, den Film zu kapern, egal wie sehr sie sich zurückhalten. Ich verstehe, dass das eine kulturhistorische Praxis ist, aber die Gegenwart stört die Geister.
Kurzer Besuch bei der Vienna Art Book Fair, wo ich ein schönes Buch mit Fotografien von Kazumasa Harada entdecke. Auf einem der Bilder sieht man eine Krähe, die sich fast nicht vom wie aus ihr hervorgehenden Geäst unterscheiden lässt. Es sind auch im Fotografischen die Bilder, auf denen man nicht viel erkennen kann, die etwas Wirklichkeit enthalten.

