Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Viennale 2018: Your Face von Tsai Ming-liang

Vor kur­zem erwisch­te mich im Traum, die Sehn­sucht ein Gesicht zu sehen. Ich ging in Wien durch den Nebel spa­zie­ren, da husch­ten anony­me, gleich­gül­ti­ge Augen an mir vor­über. Ich streng­te mich an und ver­such­te in ihren flüch­ti­gen Bli­cken etwas zu erken­nen, etwas, das ich mir mer­ken und mit zu mir nach Hau­se neh­men könn­te, zum Bei­spiel ein Bild, eine Erin­ne­rung für mei­ne klei­ne Schach­tel. Sie sahen aber alle gleich aus. Hin­zu kam, dass sie ihren Kopf gen Boden neig­ten, was dazu führ­te, dass ich mich sehr anstren­gen muss­te, um über­haupt etwas in ihren Gesich­tern zu erken­nen. Hät­te ich nur eine Kame­ra, dach­te ich bei mir, hät­te ich nur ein Stu­dio, einen Schein­wer­fer, ich wür­de sie alle ein­la­den, um Por­träts von ihnen zu machen. Nur sie und ich. Ich wür­de ihnen Fra­gen stel­len oder sie ein­fach betrach­ten. Ihr Gesicht betrach­ten, mir Zeit für ihr Gesicht neh­men. Ganz behut­sam müss­te ich vor­ge­hen, ganz sanft, weil eine Nah­auf­nah­me des Gesichts nack­ter ist als es ihre Nackt­heit wäre. Sie ist als wür­de man ein Geheim­nis in ein Mikro­fon flüstern.

Nur dann hät­te ich Zeit, ihre Gesich­ter zu stu­die­ren. Die Fal­ten wie leben­de Nar­ben der Zeit, all die klei­nen Här­chen, von denen wir nie spre­chen, die Feuch­tig­keit in den müden Augen, die unter­schied­li­chen Rot­tö­ne der Lip­pen, die ver­welk­te Saat des zurück­ge­hen­den Haar­an­sat­zes und die unter der Haut schim­mern­den Kno­chen. All das und vor allem die tie­fe Trau­rig­keit, die ihre Bli­cke ver­bin­det. Sie spricht erst aus den Augen, wenn wir sie län­ger betrach­ten. Man ahnt noch ver­gan­ge­ne Trä­nen, erlo­sche­nes Feu­er, letz­te Hoff­nungs­lich­ter in den Pupil­len. Bereits Ver­lo­re­nes hält sich in den Gesichtern.

Was das Gesicht preis­gibt und was es ver­birgt. Wie bei der Haut habe ich mich das immer gefragt: Ver­ste­cken wir mit dem Gesicht oder öff­nen wir uns? Man sagt, dass man durch die Augen in die See­le sehen kann. Viel­leicht schla­gen wir des­halb immer unse­re Augen nie­der, wenn wir ehr­lich sind? Ich wür­de sie alle betrach­ten. Jeden Men­schen für sich. Alle sind ganz ver­schie­den. Wir wür­den gemein­sam ein­schla­fen im Frie­den unse­rer geteil­ten Gesich­ter. Ein­zig hät­te ich Angst davor, dass sie gleich­zei­tig mein Gesicht sehen, die Unför­mig­kei­ten, die sich auf­lö­sen­den Gewiss­hei­ten, die Ängs­te. So wür­de ich mei­ne Augen schlie­ßen, obwohl ich sehen will. Ich hät­te Angst, dass ich mich durch mein Schau­en, durch mei­ne Neu­gier ver­ra­te, dass ich mich am Ende selbst sehen könn­te. Dann bin ich wohl auf­ge­wacht und als ich im Kino Tsai Ming-liangs Your Face sah, war ich mir nicht sicher, ob mein Traum von Neu­em begann.