Es bräuch­te wohl min­des­tens zwan­zig Wör­ter, die das l’eau scin­til­lan­te, also jenes auf Was­ser­ober­flä­chen glit­zern­de Son­nen­licht in all sei­ner Ver­schie­den­heit benann­ten, um über­haupt beschrei­ben zu kön­nen, was Jean Epstein in einem Film wie Chan­son d’Ar-Mor und sei­nem Werk gene­rell unter­nimmt. Da die Wör­ter in mei­ner Spra­che feh­len, bleibt mir nur fest­zu­stel­len, dass die­se tan­zen­den Lich­ter (ähn­lich wie das Feu­er im Kamin) bereits Kino sind. In ihm fal­len ver­lo­cken­de Irr­lich­ter und die Schön­heit des Unste­ten zusam­men. Und doch ist es etwas, was ein­fach da ist. Nur ein opti­scher Effekt auf­grund der Elemente.

In La bel­le Niver­nai­se zeigt Epstein die fei­ne Linie zwi­schen Leben und Tod als Ver­hält­nis von Schär­fe und Unschär­fe. Man kann sich heu­te nur noch vor­stel­len, wie sehr man an die Mit­tel der Kame­ra glau­ben muss­te, um deren Funk­tio­nen ein­zu­set­zen, wenn man die wich­tigs­ten Din­ge erzäh­len möch­te. Ich bin mir nicht sicher, ob das Kino die­ses Pro­blem schon gelöst hat: Wie den Tod zeigen?

Sieht man die Fil­me Epsteins, könn­te man fast mei­nen, das Kino wäre eine Sprache.

Es war jeden­falls ein Feh­ler, das Über­blen­den groß­teils aus dem Kino zu ver­ban­nen. Epstein spart sich tau­send Wor­te, wenn er dop­pel­be­lich­tet. Ich ver­ste­he anhand sei­ner Fil­me bes­ser, was Jac­ques Rivet­te mein­te, als er schrieb, dass wir heu­te viel mehr Zeit brau­chen, um eine Geschich­te zu erzäh­len. In die­sen Fil­men liegt nur eine Blen­de zwi­schen Leben und Tod, Lie­be und drei­ßig Jah­ren Trau­er. Nichts muss erklärt wer­den, weil die Figu­ren wie in den Mythen für grö­ße­re Ideen ste­hen, die man nicht indi­vi­du­ell psy­cho­lo­gi­sie­ren muss.

Knapp über den Pis­soirs im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um hän­gen frei­lie­gen­de Dräh­te in der Wand. Wer nicht zielt, begibt sich womög­lich in Lebensgefahr.

Mit dem zu durch­kom­po­nier­ten, dra­ma­tur­gisch aus­ge­reiz­ten und bis­wei­len den­noch kom­ple­xen Un Poe­ta von Simón Mesa Soto hält sich das Fes­ti­val über ein Poe­sie-Fes­ti­val irgend­wie den Spie­gel vor. Zur Debat­te steht die Heu­che­lei des Kunst­be­triebs. Wenn er ganz böse ist, ist der Film am beglü­ckends­ten (eine Auf­nah­me des Kon­ter­feis von Gabri­el Gar­cía Már­quez auf dem 50 000 pesos colom­bia­nos Schein sagt eigent­lich fast alles, was der Film sagen will.).

Im Film bleibt auch der Schwanz­ver­gleich zwi­schen den alten Lyri­kern auf dem Pis­soir hän­gen. Hof­fent­lich zielt kei­ner zu hoch, die Dräh­te hän­gen tief.

Noch­mal zu Epstein: Wenn er Volks­lie­der in sei­ne Hand­lung ein­baut, kom­men­tie­ren sie nur ganz sel­ten direkt die Erzäh­lung. Er nutzt sie eher wie ein eth­no­gra­phi­sches Echo oder so, wie wenn man einen Hand­lungs­ort mit­er­zählt. Sie sind da, set­zen die Stim­mung, legen fest, was über­haupt geträumt wer­den darf und lau­fen so als Sub­text zwi­schen dem Gene­ri­schen. Genau anders­her­um ver­hält sich das bei den Fil­men, die Lie­der adap­tie­ren, also La Vil­a­nel­le des Rub­ans oder Les Ber­ceaux. Dann zei­gen die Bil­der eine Welt, in der die­ses Lied kein Lied ist son­dern gefilm­te Wirklichkeit.

Der Film Une Visi­te à L’Ouest Éclair wur­de selt­sa­mer­wei­se ohne Unter­ti­tel gezeigt, obwohl eine fran­zö­si­sche Erzähl­stim­me dort aller­hand erklärt. Ich habe das als sehr ange­nehm empfunden.

Dass ein gro­ßer und nach den Voka­beln der übli­chen Ver­mitt­lung «bedeu­ten­der» fran­zö­si­scher Stumm­film mit Live-Beglei­tung an einem Sonn­tag­abend­ter­min zur bes­ten Zeit weni­ger Zuschau­er hat als eine unbe­kann­te Komö­die aus Kolum­bi­en aus die­sem Jahr erzählt viel von dem über­all herr­schen­den und lei­der auch von den Film­in­sti­tu­tio­nen befeu­er­ten Aktua­li­täts­den­ken, das gera­de im Kino jede Idee von Zeit­lo­sig­keit unter sich begräbt. Was dann eben bleibt, ist kei­ne Spra­che (und schon gar nicht die Arbeit dar­an) und etwas, das mein Freund Vic­tor Morozov unlängst in Hin­blick auf die jüngs­ten Arbei­ten Paul Tho­mas Ander­sons oder Ari Asters fest­ge­stellt hat: Ein Gewicht der soge­nann­ten Aktua­li­tät, das die eige­ne Spra­che ver­hin­dert. Das gilt auch für Un Poe­ta.

Ich erin­ne­re den kürz­lich ver­stor­be­nen Har­ry Tomic­ek, der ein­mal außer sich geriet, als bei einem Podi­ums­ge­spräch im Film­mu­se­um zu Stan Brak­ha­ge, des­sen Rele­vanz über einen Aktua­li­täts­be­griff defi­niert wur­de. Sein Furor war berech­tigt, aber er hat nichts gehol­fen. Heu­te gewinnt man den Ein­druck, dass die Din­ge nur noch inter­es­sant sind, wenn sie ganz akut mit dem Jetzt spre­chen, was auch immer die­ses Jetzt sein soll.

Es ist unge­wöhn­lich kalt für die Vien­na­le. Fast scheint es, als wäre Herbst.