Lissabonner Kleinigkeiten: Santos Populares

San­tos, mit vol­lem Namen die „Fes­tas dos San­tos Popu­la­res“, ist heu­er schon wie­der vor­bei. Dabei han­delt es sich um die Stra­ßen­fes­te zu Ehren der Stadt­hei­li­gen, die über­all in Por­tu­gal im Juni statt­fin­den. In Lis­sa­bon ist das der hei­li­ge Anton, der fran­zis­ka­ni­sche Mis­sio­nar aus einer por­tu­gie­si­schen Adels­fa­mi­lie, aber erst offi­zi­ell seit den 1980er Jah­ren, davor war es der hei­li­ge Vicen­te, von dem im Stadt­wap­pen die zwei Raben zeugen. 

Als Eck­pfei­ler der San­tos gel­ten: Gir­lan­den, gegrill­te Sar­di­nen, Basi­li­kum­topf­pflan­zen als Glücks­ge­schen­ke, und nicht zuletzt die Músi­ca Pim­ba. Eine Mischung aus volks­tüm­li­cher Musik und Schla­ger, oft auch mit dem Akkor­de­on oder der Gitar­re beglei­tet, befeu­ert Pim­ba auf den Büh­nen der Stadt jeden Abend und in jedem Win­kel der Stadt die Stim­mung. Manch­mal wird auch in For­ma­ti­on Kudu­ro getanzt, manch­mal in einer Polo­nai­se Schul­ter an Schul­ter geschun­kelt, die Win­ter­de­pres­si­on von mona­te­lan­gem, frie­ren­dem Regen­wet­ter abge­schüt­telt und das son­ni­ge Herz wie­der­be­lebt. Bei genaue­rem Text­stu­di­um der dar­ge­bo­te­nen Lie­der, sei es live oder aus der Kon­ser­ve, ent­wi­ckeln sich erstaun­li­che Assoziationen. 

Schau­en wir uns ein­mal ein paar Aus­zü­ge der popu­lärs­ten Pim­ba-Gas­sen­hau­er an – man­che mit ver­steck­ten, ande­re mit unmiss­ver­ständ­li­chen sexu­el­len Anspie­lun­gen (Video­links inklusive):

Toy – És tão sensual

Ich pres­se mei­ne Lip­pen, süß
Auf dei­nen Mund in einem bren­nen­den Kuss
Und las­se mich mit­rei­ßen von dem Wunsch
Dei­nen gan­zen Kör­per in einem Kuss zu lie­ben
Und spü­re dei­ne zar­te Hand
Auf mei­ner feuch­ten Haut
Und die Lei­den­schaft beginnt zu steigen

Refrain

Sinn­lich, du bist so sinn­lich
Du hast die Aus­strah­lung einer Femme Fata­le
Sinn­lich, du bist so sinn­lich
Dass sogar dein ein­fa­cher Blick mich krank macht

Ruth Mar­le­ne – A Moda do Pisca-Pisca

Alle Män­ner haben ihre Tricks
Um sie zu erobern, tun sie genia­le Din­ge
Aber Frau­en ken­nen ihre Tricks schon
Vor allem das Zwin­kern, das sie am meis­ten benut­zen.
Das Zwin­kern, sagt man, geht nie fehl
Und es ist eine Ges­te, die gar nicht schlecht aus­sieht
Des­halb hän­gen sie über­all ab, wo sie sind
Wo immer es schö­ne Frau­en gibt, siehst du nur die­ses Zeichen

Refrain

Sie schau­en nach rechts und zwin­kern, zwin­kern, zwin­kern
Sie schau­en nach links und zwin­kern, zwin­kern, zwin­kern
Sie zwin­kern, um zu sehen, ob sie eine Erobe­rung fin­den
Es scheint sich durch­ge­setzt zu haben, und es ist hier, um zu blei­ben
Die Art des „Zwin­kern, Zwinkerns“

Quim Barreiros – A Cabritinha

Als ich gebo­ren wur­de, hat­te mei­ne Mut­ter kei­ne Milch
Ich wuchs als abge­wie­se­nes Kalb auf
Ich säug­te Kühe und alles, was Brüs­te hat­te
Ich wuchs auf die­se Wei­se auf
Ich gewöhn­te mich dar­an.
Heu­te bin ich ein Mann und habe eine klei­ne Zie­ge (Fofinha=die „Flau­schi­ge“)
Und ich ver­brin­ge den Tag damit,
an Fof­in­has klei­nen Brüs­ten zu saugen

Refrain

Ich sau­ge ger­ne
An den Brüs­ten der klei­nen Zie­ge
Ich mag es, an den
Brüs­ten der klei­nen Zie­ge zu sau­gen
Ich nuck­le ger­ne
An den Brüs­ten der klei­nen Zie­ge
Ich nuck­le, wann immer ich will, denn die klei­ne Zie­ge gehört mir.

Zuge­ge­ben sind die­se Tex­te so gewählt, um die Band­brei­te der so leicht­fer­tig mit­ge­sun­ge­nen Lie­der etwas her­vor­zu­he­ben. Schla­ger haben das offen­bar so an sich, im Guten wie im Bösen. Ein­gän­gig und leicht zu mer­ken, las­sen sie über die Men­ta­li­tät einer Gesell­schaft und deren Pro­ble­me durch­bli­cken. Nir­gend­wo anschau­li­cher als beim unschul­dig zele­brier­ten Kolo­nia­lis­mus im Euro­vi­si­ons-Song Con­test Bei­trag „Con­quis­ta­dor“ der Band Da Vin­ci aus dem Jahr 1989. Dort wer­den in Popro­man­tik – und im Musik­vi­deo ganz expli­zit auf einem Segel­schiff sowie vor den Estado Novo-Monu­men­ten – die ehe­ma­li­gen por­tu­gie­si­schen Kolo­nien aus der Sicht von Festlandportugies*innen zele­briert. Frei von Iro­nie und offen für rechts­na­tio­na­lis­ti­sche Gefühle:

Da Vin­ci – Conquistador

Es war eine neue Welt, ein Traum der Dich­ter
Den gan­zen Weg zu gehen, von neu­en Sie­gen zu sin­gen
Und stol­ze Fah­nen zu his­sen
Krie­ge­ri­sche Aben­teu­er zu erle­ben
Es waren tau­send Epen, das Leben so voll
Es waren Ozea­ne der Liebe

Refrain

Ich war in Bra­si­li­en, Pra­ia und Bis­sau
Ango­la, Mosam­bik, Goa und Macau
Ai, ich war in Timor
Ich war ein Eroberer

Die loka­le Empire-Nost­al­gie ist bis heu­te ein Teil des por­tu­gie­si­schen Main­streams. Aller­dings tref­fen Geschich­te und Musik nicht ein­fach so auf­ein­an­der und wer­den in einer San­tos­nacht zur Tra­di­ti­on. Ritua­le wie Refrains benö­ti­gen Wie­der­ho­lung, um sich in Kul­tur und Gesell­schaft zu mani­fes­tie­ren und Iden­ti­tät zu stif­ten. Dahin­ge­hend kommt wohl den San­tos eine gewis­se Vor­rei­ter­rol­le zu: im nai­ven Fei­ern ver-Fes­ti­gen sich gesell­schaft­li­che (Un-)Gewissheiten durch eben jene tex­tu­el­le Wie­der­ho­lun­gen, gera­de­hin unschul­dig und unge­trübt. San­tos ist damit ein Hoch­amt des So-Sind-Wir-Seins, nicht unähn­lich dem Ischgler Aprés-Ski, dem Bal­ler­mann-Mal­lor­ca der deut­schen See­le oder dem unent­weg­ten Hym­nen­sin­gen in den USA. 

So wie der hei­li­ge Anton den hei­li­gen Vicen­te im 20. Jahr­hun­dert nach und nach die Popu­la­ri­tät aus­stach und zum Stadt­pa­tron wur­de, so zeu­gen auch die zwei Raben im Stadt­wap­pen, die dem hei­li­gen Vicen­te bei sei­nem Mar­ty­ri­um bis zum Tode bei­wohn­ten, von sei­ner End­lich­keit. Es schwingt die zeit­lo­se Gewiss­heit mit, dass alles ein­mal vor­bei sein wird – auch das schöns­te Fest des Jahres.