Die ver­letz­ten Hun­de meh­ren sich. In Vet­re, pričaj sa mnom von Ste­fan Djord­je­vic fährt der Regis­seur und Prot­ago­nist einen Hund an und pflegt ihn dann gesund. Die Wun­de wird mit Honig ver­sorgt. Das Jam­mern des Hun­des hallt durch den Wald. Der Film ist sehr grün, der grüns­te Film des Fes­ti­vals. Ser­bi­en wirkt hier wie ein süd­ost­eu­ro­päi­scher Dschungel.

Djord­je­vic macht einen unge­wöhn­li­chen Vor­schlag, was die Gren­zen aus Doku­men­ta­ri­schem und Fik­tio­na­lem betrifft. Die Fami­lie spielt sich selbst als Trau­ern­de. Aber sie trau­ern wirk­lich. Die Mut­ter ist noch da, obwohl sie nicht mehr da ist. Der Film ist eine Mög­lich­keit, die Toten bei sich zu halten.

Die Prä­senz von Tie­ren, nicht nur in die­sem Tage­buch, son­dern in den Fil­men, bleibt auch die­ses Jahr auf­fäl­lig. Eine Mon­ta­ge mit süß­kar­tof­fel­steh­len­den Kühen in Tóc, Giấy và Nước… von Nico­las Graux und Trương Minh Quý sticht dabei her­vor, weil sie eine Art mys­ti­sche Phy­sio­gno­mie erzeugt, die den Tie­ren eine Prä­senz ver­leiht, die nicht funk­tio­nal oder meta­pho­risch ist. Statt­des­sen die Begeg­nung einer Anders­ar­tig­keit, ungreif­bar und doch kör­per­lich nah.

Der Hund mei­nes Nach­barn bellt weiter.

Wahr­schein­lich ist es leich­ter, sich auf die tech­ni­schen Ver­fah­rens­wei­sen von Vik­to­ria Schmids zwei­ter Arbeit mit dem Tech­ni­co­lor-Drei­far­ben-Prin­zip zu kon­zen­trie­ren. Aber Rojo Žalia Blau stellt dar­über hin­aus ziem­lich essen­ti­el­le Fra­gen an die Wahr­neh­mung, bei­spiels­wei­se, ob wir bei Dis­kus­sio­nen um die evo­zier­te Wirk­lich­keit in Fil­men dem räum­li­chen Aus­schnitt und der Zeit­lich­keit (wie­wohl sie hier auch eine Rol­le spielt) zu viel Bedeu­tung bei­mes­sen und uns nicht eigent­lich auf die eigen­tüm­li­chen, ins Mate­ri­al ein­ge­schrie­be­nen Ver­for­mun­gen kon­zen­trie­ren soll­ten. Und Far­ben, die alles ver­än­dern und die doch immer so erschei­nen, als wohn­ten sie in den Din­gen selbst.

Was in einem nar­ra­ti­ven Film wahr­schein­lich genutzt wer­den wür­de, um einen Dro­gen­trip zu erzäh­len, trans­for­miert sich bei Schmid zu schwer zu grei­fen­den Kipp­bil­dern, bei denen man nie weiß, ob man gera­de der Welt oder dem Film begegnet.

Ich wür­de gern eine Bril­le haben, mit der ich die­se Far­ben und Zeit­lich­kei­ten sehen könn­te, wenn mir die schein­ba­re Ein­deu­tig­keit der Welt zu viel wird.

Apro­pos Bril­len: Der Umgang mit Bril­len bei Jean Epstein wür­de einen gan­zen Essay ver­die­nen. Was mit dem Bild geschieht, wenn sie abge­nom­men wer­den, wenn sie auf­ge­setzt wer­den und was sich alles dar­in spie­gelt und dahin­ter ver­steckt. Epsteins Bril­len sind die Mon­okel bei Mar­cel Proust. Fetisch­ob­jek­te, die viel erzäh­len, wenn man sie ein­mal wirk­lich betrachtet.

Geor­ges Lucas heißt einer der Stamm­ka­me­ra­män­ner von Epstein. Ich wür­de ger­ne nach ihm suchen, etwas über ihn her­aus­fin­den. Ich wür­de mir auch gern vor­stel­len, was gesche­hen wäre, hät­te Epstein Star Wars gefilmt. Das All wäre wie ein Meer. Licht­ge­schwin­dig­keit wäre wirk­lich erreicht worden.