Text: Rahel Jung

Ster­ben als Pro­zess, dann Tod als Ereig­nis: end­li­ches Vor­her, unend­li­ches Nach­her; für man­che. Über­all dazwi­schen Unbe­greif­li­ches. Auch dazwi­schen: Kate, wie sie – ein­ge­rahmt vom Line­ar­be­schleu­ni­ger zur Bestrah­lung des Tumors – ins Bild tritt. Kurz dar­auf stellt sie die Fra­ge: “How long do I have?”

Ab da ent­fal­tet sich Pil­grim, Fare­well mit gewis­ser Dring­lich­keit als eine melo­dra­ma­ti­sche Beob­ach­tung zer­rüt­te­ter Fami­li­en­ver­hält­nis­se. Mann, Schwes­ter und Toch­ter tan­zen um die ener­gisch leben­de und ster­ben­de Kate her­um; sie kom­man­diert, bricht, fängt sich, wird weich, ver­här­tet. Ansons­ten töp­fert sie pas­sen­der­wei­se, wäh­rend Paul mit Holz arbei­tet und Rebec­ca ein­fach da ist, um da zu sein.

Aber auch der Tod ist über­all und er wird gehasst. Unter Impres­sio­nis­ten und neben Rodins Bal­le­ri­na hasst Annie die Kunst, denn sie sei nur eine Art, Din­ge umzu­brin­gen. Sie hasst auch ihre Mut­ter, kann sie nicht lie­ben, auch wenn sie es noch so sehr ver­sucht. War­um hat sie nicht ein­fach abge­trie­ben? Wie hat sich ihr Vater das Leben genom­men? Mit einem Schuss in den Kopf.

Kate hat als Teen­age­rin ihre neu­ge­bo­re­ne Toch­ter ver­las­sen, Annie ist durch das Erbe ihrer Oma zwar mitt­ler­wei­le reich, aller­dings depres­siv. Erst der nahen­de Tod lässt die bei­den Frau­en sich ver­zwei­felt annä­hern. Es wird viel geweint und viel weg­ge­fah­ren, Roe­mer insze­niert das Ster­ben mit weitaus­ho­len­den Ges­ten und in einer Dra­ma­tik, die sei­nem vier Jah­re zuvor erschie­ne­nen Doku­men­tar­film Dying fremd ist. Wo letz­te­rer sich zurück­hält, trägt Pil­grim, Fare­well dick auf, erzählt unter­legt von gro­ßen Kom­po­si­tio­nen von kon­stan­tem Weg­sto­ßen und Wie­der-an-sich-zie­hen, gera­de­zu Fest­klam­mern. Ins­be­son­de­re Kate sucht Halt, den sie nicht aus­hält. Meis­tens ist es Paul, den sie wie­der von sich weist, bis auch er irgend­wann ent­gleist; mit ihrer Krank­heit kön­ne er leben, nicht aber mit ihrer Ver­rückt­heit. Stän­di­ge Umschwün­ge, vom Wut­aus­bruch zum Bana­na Split, vom Nasen­blu­ten zum absicht­li­chen Umfah­ren aller gel­ber Hüt­chen mit­ten auf der Straße.

Und über allem ein von sat­ten Far­ben strot­zen­der Som­mer; Wei­te, Wol­ken und immer wie­der Was­ser als wie­der­keh­ren­de Moti­ve – Grö­ße­res, das über das Leben hin­aus­wächst. Nur die Schlan­ge, die Kate beob­ach­tet, kann ein­fach so zynisch-zün­gelnd vom Land ins Was­ser glei­ten. Sie wird der­weil, wie von Cha­ron auf dem Styx, von den ande­ren über den See geru­dert, Spa­zier­fahr­ten mit ihrer Fami­lie als Beglei­ten­de im Über­gang. Ein­mal rudert sie auch allein, übt ihre Abwe­sen­heit und legt sich ins dahin­trei­ben­de Boot als wäre es ein Sarg. Über ihr zie­hen die Baum­kro­nen hin­weg. Sieht so Tod­sein aus?

Viel­leicht. Kate stirbt und es kehrt eine archai­sche Ruhe ein. Das auf­dring­li­che, melan­cho­li­sche Debus­sy­ge­klim­per ver­stummt (fast) und macht Vögeln, dem Geräusch vom Sarg­schrei­nern und einem Gedicht Platz. Ihre Lie­be gefun­den, ent­lässt Annie in vier schlich­ten Zei­len ihre Mut­ter, die Wan­dern­de, samt all ihren Ängs­ten mit einem Fare­well ins Grab.