Text: Leo­nard Krähmer

Neun Mona­te hat Har­ry ein­ge­ses­sen. Neun Mona­te zwi­schen Zeu­gung und Geburt eines Men­schen. Nur ist das Zucht­haus kein Mut­ter­leib und der Klein­kri­mi­nel­le kein Klein­bür­ger. Ein neu­er Mensch ist aus Har­ry nicht gewor­den. Sei­ne Devi­se nach der Frei­las­sung, wei­ter­ma­chen wie bis­her, schei­tert an der Welt, die sich in Har­rys Abwe­sen­heit wei­ter­ge­dreht hat und ihn jetzt, da er in sie zurück­ge­wor­fen wird, mit dem Alter kon­fron­tiert. Die new kids on the block spre­chen Spa­nisch, ihre Loya­li­tät gegen­über Har­ry hat die Sei­ten gewechselt.

Gene­ra­tio­nen­wech­sel noch in den ers­ten Film­mi­nu­ten: Har­ry rasiert sich auf der Rück­bank sei­nes Wagens, drau­ßen hüp­fen zwei attrak­ti­ve, jun­ge Frau­en vor­bei. Sein Blick folgt ihren Kör­pern, die er zwar noch begeh­ren, aber nicht mehr „haben“ kann. Auf ihn kommt das zu, was im Bild zurück­bleibt, als die Frau­en ins New Yor­ker Gewim­mel ver­schwin­den: ein Sarg, der in einen Lei­chen­wa­gen gescho­ben wird. Das ist einer­seits ein ele­gan­ter Gag auf Kos­ten der fleisch­li­chen Ansprü­che und höl­zer­nen Wirk­lich­kei­ten eines Man­nes in den bes­ten Jah­ren. Der male gaze wird ein­ge­sargt, wür­den die jun­gen Leu­te viel­leicht sagen, aber zu die­sen jun­gen Leu­ten gehört Har­ry nicht mehr. “It’s a film in which every frame is fun­ny”, hat A. S. Ham­rah über­schwäng­lich behaup­tet. Es stimmt, zumin­dest für die­sen Frame.

Ande­rer­seits ist die mühe­los auf­ge­nom­me­ne Sequenz eine Ver­dich­tung des­sen, was in The Plot Against Har­ry erzäh­le­risch auf dem Spiel steht, näm­lich nicht mehr viel. Das Spiel, das der Glücks­spiel-Gangs­ter spielt, ist bereits ver­lo­ren, ohne dass es des­we­gen vor­bei wäre; der Plot, an dem es die­sem Film wahr­lich nicht man­gelt, läuft nicht für, son­dern gegen Har­ry Plot­nick. Bis in den eige­nen Nach­na­men haben sich die Hand­lungs­fä­den gegen ihn ver­schwo­ren. Sie hal­ten ihn in dem Spiel, das sein Leben ist. Und so nah die­ses Leben dem Tod im Film­ver­lauf auch kommt: vor­bei ist es erst, wenn man stirbt.

Eine Beer­di­gung gibt es nicht zu sehen, sonst aber bei­na­he jedes Ritu­al, das der ide­al­ty­pi­sche jüdi­sche Lebens­weg vor­sieht. Der reli­giö­se Gehalt der Beschnei­dun­gen, Bar Miz­was und Hoch­zei­ten ist dabei neben­säch­lich – und eben das Neben­säch­li­che ver­leiht die­ser Dar­stel­lung des New Yor­ker jüdi­schen Lebens Ende der 1960er Jah­re Kon­tur. Ent­schei­dend an den Fes­ten ist, dass es einen Anlass zum Fei­ern gibt, einen Anlass für kosche­res Cate­ring. Aus­ge­rech­net sein Ex-Schwa­ger Leo, der samt Har­rys rest­li­chem, ver­dräng­ten und eini­ger­ma­ßen ver­korks­ten Fami­li­en­le­ben in einer absur­den Sze­ne als Auf­fahr­un­fall ex machi­na wie­der­kehrt, führt genau ein sol­ches Unter­neh­men. Har­ry möch­te ein­stei­gen, das ent­spre­chen­de Geld hat er durch nicht ganz kosche­re Geschäf­te bei­sam­men. Aus mimi­schen Gesichts­punk­ten spre­chen Har­rys unschul­di­ges De Niro-Stirn­run­zeln und Leos seli­ges Dau­er­grin­sen für eine Zusam­men­ar­beit. Alles Wei­te­re wird auf den Fei­ern verhandelt.

“You got­ta hand it to ‘em, they put on a beau­tiful cerem­o­ny”, heißt es ein­mal über die Katho­li­ken. Für den über­kon­fes­sio­nel­len Reiz von Bil­dern des Zere­mo­ni­el­len lie­fern Roe­mer und Kame­ra­mann Robert M. Young Bewei­se noch und nöcher. Gerichts­saal, Des­sous-Moden­schau, U‑Bahn-Umtrunk, TV-Spen­den­ga­la – alles das­sel­be: gesel­li­ge Hin­ter­grün­de, vor denen man sich unter­hal­ten kann. Sogar Har­rys Auf­nah­me in den frei­mau­rer­ar­ti­gen Orden sei­nes Ex-Schwa­gers wird säbel­schwen­kend und schwü­re­schwö­rend began­gen. Dass die­ses sur­re­al anmu­ten­de Ereig­nis im Bei­sein einer Krä­he kaum aus der Rei­he fällt, ist der Erzähl­struk­tur zu ver­dan­ken, die am ehes­ten einer Ver­kno­tungs­lo­gik folgt. Jede noch so apar­te Aus­stül­pung fügt sich umstands­los in das Nach‑, Neben- und Durch­ein­an­der des Plots gegen Harry.