Die sanf­te, unheil­vol­le Bewe­gung von wei­ßen Laken in der Abend­luft; eine Per­son, die als unge­be­te­ner Gast mit in Far­be getauch­ten Hän­den zwi­schen hel­len Stof­fen hin­durch­stol­pert; ein Dach, auf dem bun­te Wäsche trock­net als Rück­zugs­ort; das gemein­sa­me Auf­hän­gen von Wäsche als Bezie­hungs­pfle­ge; der Duft von frisch gewa­sche­ner Wäsche; nahen­der Regen, der alles aufs Neue durch­nässt. In Not­hing But a Man befin­det sich der Wäsche­platz im Gar­ten hin­term Haus. Duff und Josie neh­men zusam­men getrock­ne­te Lein­tü­cher und Klei­dungs­stü­cke von den quer gespann­ten Lei­nen ab. So frisch wie die Wäsche sind auch ihre Ehe und die Reno­vie­rung des Hau­ses. Sei­ne vori­gen Bewohner*innen haben es ver­las­sen, um den Jim Crow Süden für den Nor­den ein­zu­tau­schen. Duff und die Pfar­rers­toch­ter und Leh­re­rin Josie sind gegen den Wil­len ihres Vaters zusam­men­ge­zo­gen und trotz sei­ner Skep­sis gut gelaunt. Auch wenn Duff am ers­ten Tag in sei­nem neu­en Job gemerkt hat, wie per­fi­de sei­ne Schwar­zen Kol­le­gen, hier, in die­ser Klein­stadt nahe Bir­ming­ham, den Demü­ti­gun­gen der Wei­ßen aus­ge­lie­fert sind. Als Gleis­ar­bei­ter ist Duff durch die Lan­de gereist, kennt unter­schied­li­che Ver­hält­nis­se, auch im Nor­den, hat in Japan gekämpft und zehrt von sei­nen Erfah­run­gen als Gewerk­schaf­ter. Wenn sie es in Bir­ming­ham geschafft haben, dann kön­nen wir auch hier etwas ver­än­dern, wird Duff spä­ter zu sei­nem Kol­le­gen sagen. Sein Mut zum Wider­stand wür­de ihn schnell sei­ne Stel­le kos­ten. Er wür­de sich selbst dafür ver­flu­chen, dass er sich ver­liebt, nie­der­ge­las­sen, sei­ne emo­tio­na­le Unab­hän­gig­keit und finan­zi­el­le Fle­xi­bi­li­tät auf­ge­ge­ben hat. Er wür­de eine Anstel­lung nach der ande­ren ver­lie­ren und sein ehe­ma­li­ges Gehalt nur noch in Träu­men grei­fen kön­nen. Die Sess­haf­tig­keit und gleich­zei­ti­ge Aus­weg­lo­sig­keit durch den erdrü­cken­den Ras­sis­mus wür­den ihn in die Flucht schla­gen. Und dann wür­de der Anblick des eige­nen, alko­hol­ab­hän­gi­gen Vaters ihn ver­ste­hen las­sen, dass er sich genau­so der Ver­ant­wor­tung ent­zieht und dass im für­sorg­li­chen Mit­ein­an­der Wert und Wär­me lie­gen. Dass es manch­mal leich­ter ist weg­zu­lau­fen als zu blei­ben. Aber noch – hier am Wäsche­platz – spürt Duff kei­ne Über­for­de­rung und Frus­tra­ti­on, noch beun­ru­higt ihn das trau­ri­ge Bild sei­nes Vaters nicht, wenn er sei­nen eige­nen klei­nen Sohn vor Augen hat. In die­sem Moment zwi­schen der fri­schen Wäsche über­wiegt noch die Eupho­rie und Neu­gier des Anfangs sei­ner neu­en Bezie­hung. Duff und Josie sind ihre Gefüh­le ins Gesicht geschrie­ben. Man meint in dem Flirt zwi­schen den bei­den Schauspieler*innen Ivan Dixon und Abbey Lin­coln die Gren­zen von Spiel und Rea­lis­mus ver­schwim­men zu sehen. Zwi­schen ihren Bli­cken knis­tert es in der Luft und ihre Kör­per­be­we­gun­gen zei­gen uns, was Leich­tig­keit bedeu­tet, das Im-Moment-Sein. Alles ist offen und mög­lich. Anfan­gen kann sich so unbe­schwert anfüh­len. Die Füße tra­gen eine*n leich­ter über den Boden und das Unglück der ande­ren kann unmög­lich auch eine*n selbst ereilen.

Im Hin­ter­grund hören wir Mary Wells Motown Klas­si­ker You Beat Me To The Punch als käme die Musik direkt von der Veran­da. Josie nimmt es wört­lich: “You know how to box?”, fragt sie Duff. Ihre Schüler*innen möch­ten es von ihr ler­nen. Er zeigt ihr, wie sie ihre Hän­de hal­ten muss und Josie übt sanf­te Angrif­fe auf Duff. Sie lachen und tän­zeln zwi­schen der Wäsche und dem Korb umher. Die Kame­ra wech­selt in eine Vogel­per­spek­ti­ve, um die Sze­ne von oben zu beob­ach­ten. Josie jagt Duff wei­ter beschwingt hin­ter­her, er weicht rück­wärts aus. Die Wäsche­lei­nen bil­den den drei­ecki­gen Box­ring, zwei Paar Socken ver­de­cken kurz die Sicht auf Josies Ober­kör­per, der aber ohne­hin nicht lan­ge in einer Posi­ti­on bleibt. Dann wech­selt die Ein­stel­lung und wir sind mit­ten im Gesche­hen. Die Kame­ra blickt zwi­schen den bei­den hin und her, ver­liert den Fokus, sucht die Akti­on. Auf ein­mal hören wir die Nach­ba­rin ihren Mann anschrei­en. Die Kame­ra wech­selt zu ihm, der in sei­nem Over­all stumm auf der Veran­da sitzt. Sein Blick ist leer, rich­tet sich gen Boden. Die Musik stoppt, als Josie und Duff ihre Auf­merk­sam­keit auf die­se nahe Sze­ne rich­ten. Damit ist ihre eige­ne zu Ende, in der Stil­le sam­meln sie schnell die letz­ten Klei­dungs­stü­cke ein.

Micha­el Roe­mers ers­ter Spiel­film als Regis­seur und Dreh­buch­au­tor (nach sei­nem Abschluss­film A Touch of the Times in Har­vard) erzählt von der US-ame­ri­ka­ni­schen Schwar­zen Lebens­rea­li­tät in den 1960ern, von Vater­schaft, von Ver­ant­wor­tung. Von abwe­sen­den Vätern. Vom Wider­stand und Kampf gegen Ras­sis­mus. Von wei­ßer Domi­nanz und wirt­schaft­li­cher Abhän­gig­keit. Roe­mer ver­ar­bei­tet den Ver­lust des Vaters (so schreibt das Har­vard Film Archi­ve), der die Fami­lie in sei­ner Kind­heit ver­ließ, noch bevor Roe­mer 1939 mit dem Kin­der­trans­port nach Eng­land gebracht, völ­lig auf sich gestellt war. Im Jahr 1945 konn­te er in die USA emi­grie­ren und in Har­vard Film stu­die­ren, wo er auch sei­nen Kopro­du­zen­ten und Kame­ra­mann Robert M. Young ken­nen­lern­te. Mit Abbey Lin­coln enga­gier­ten sie eine Jazz-Musi­ke­rin und Schau­spie­le­rin, deren künst­le­ri­sche Arbeit genau­so wie bei Ivan Dixon untrenn­bar mit ihrem Enga­ge­ment im Civil Rights Move­ment ver­bun­den war.