In den sel­tens­ten Fäl­len sieht man in die­sem Film ein ein­zel­nes Gesicht. Groß­auf­nah­men ver­wen­det Micha­el Roe­mer hier nur in Aus­nah­men. Vor allem sind es zahl­rei­che Grup­pen, die von der Kame­ra in Halb­to­ta­len gedrängt wer­den. Die­se könn­ten nicht unter­schied­li­cher sein. Lebens­rea­li­tä­ten ste­hen sich mit den Bil­dern gegen­über: sei­en es ortho­do­xe Juden, Kib­buz­niks, Sephar­dim oder Ara­ber. Roe­mers Film legt gro­ßen Wert dar­auf, ein viel­sei­ti­ges Por­trät zu zeich­nen und kommt dabei ohne einen ein­zi­gen Kom­men­tar aus. Man könn­te mei­nen, die Bil­der kom­men­tie­ren sich gegen­sei­tig, was ein erzäh­le­ri­sches Vor­an­kom­men ermög­li­chen wür­de. Jedoch bewe­gen sich die Bil­der eher in einem Kreis oder in einem dia­lo­g­ähn­li­chen Hin und Her, wodurch sich Geschlos­sen­heit und Offen­heit als zugleich ent­ge­gen­ge­setzt wie zusam­men­ge­hö­ri­ge Cha­rak­ter­zü­ge des jun­gen jüdi­schen Staa­tes zu erken­nen geben. Dis­zi­pli­nie­ren­de Stren­ge bei­spiels­wei­se in den Tho­ra­schu­len oder bei den Appel­len der Tsa­hal liegt visu­ell unmit­tel­bar neben der leben­di­gen Aus­ge­las­sen­heit, die man etwa bei der Ern­te­ar­beit beob­ach­ten kann oder den reli­giö­sen Ritua­len und Fes­ten – Roe­mers Lieblingsmotive.

Plötz­lich liegt ein leb­lo­ses Klein­kind am Boden einer Hüt­te, die ver­mut­lich von einer ara­bi­schen Fami­lie bewohnt wird. Flie­gen haben sich auf sei­nem Gesicht abge­setzt. Das Bild ver­stört und stellt damit in jeder Hin­sicht den Anlass des Films infra­ge. Eine poli­ti­sche Aus­sa­ge­kraft stellt sich aller­dings kaum ein. Höchs­tens eine gene­rel­le Absa­ge an den poli­ti­schen Film, was womög­lich pro­vo­kan­ter, wenn­gleich näher an der Wirk­lich­keit ist. Das Bild des toten Kin­des lässt an das ers­te Bild von Faces of Isra­el den­ken, in dem der aus­ge­mer­gel­te Kör­per eines Toten ver­mut­lich in einem deut­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger zu sehen ist. Es han­delt sich aber nicht um eine blo­ße Ana­lo­gie, son­dern gehört viel­mehr zu Roe­mers stän­di­gen Ver­su­chen, zu ver­ste­hen, wie Leben und Tod dem Auge einer Kame­ra begeg­net. Sei­ne Bil­der erhal­ten aber weder vom einen noch vom ande­ren eine Ant­wort. Es gibt viel­leicht die Hoff­nung, dass sich durch das Kino etwas vom Gespräch über den Tod und sei­nen Quel­len ver­ste­hen lässt. Bleibt es letzt­lich doch nur eine Infor­ma­ti­on und nichts, wovon sich ein Bild nach­träg­lich beein­flus­sen lässt? Zwar mag der Film inhalt­lich an Chris Markers ‌Descrip­ti­on d’un com­bat oder Clau­de Lanz­manns Pour­quoi Israël anschlie­ßen, alle die­se Fil­me ent­ste­hen übri­gens vor dem Yom-Kip­pur-Krieg, so sucht Roe­mer hier den­noch nach etwas anderem.

Selt­sa­mer­wei­se hat sich so ein­ge­spielt, wenn Roe­mers Fil­me gezeigt wer­den, was seit kur­zem glück­li­cher­wei­se häu­fi­ger vor­kommt, dann Faces of Isra­el zusam­men mit Cor­ti­le Casci­no zu zei­gen. Das hat womög­lich etwas mit der Län­ge der bei­den Fil­me zu tun, aber mehr noch damit, dass man die­se Fil­me als frü­he – viel­leicht unrei­fe – doku­men­ta­ri­sche Arbei­ten begreift und sie des­halb zusam­men­ge­hö­ren. Sie hän­gen aber vor allem so mit­ein­an­der zusam­men wie die Bil­der des Fil­mes – wie die Ritua­le und die Sol­da­ten, wie die Kin­der und die Alten. Man muss sie als ein­zel­ne Ver­ste­hens­ver­su­che anse­hen, des­sen, was offen­bar ist, aber nie so ganz im Bild auf­geht. Man mag erwar­ten, ein Film über Isra­el müs­se eine poli­ti­sche Bot­schaft ent­hal­ten, statt­des­sen ver­harrt Faces of Isra­el ent­ge­gen aller Fest­le­gun­gen aber betont unein­deu­tig. Das erkennt man nicht zuletzt gera­de dar­an, dass die Geschich­te der jüdi­schen Dia­spo­ra für den Film, anders als in ande­ren Fil­men über Isra­el, eine gerin­ge­re Rol­le zu spie­len scheint. Da, wo es um Leben und Tod geht, bleibt nur die Gegen­wart übrig, die man nir­gends so wie in Gesich­tern erken­nen kann.