Der ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler Wil­liam Riley Bur­nett schrieb so über die Unter­welt von Chi­ca­go, wie es ande­re Schrift­stel­ler ger­ne getan hät­ten, sich statt­des­sen aber zumeist an phan­ta­sie­rei­chen Klein­jun­gen­träu­men vom schnel­len Geld und gefähr­li­chen Frau­en abar­bei­te­ten. Wäh­rend sich Autoren wie etwa Dashiell Ham­mett oder Geor­ge Har­mon Coxe, am Küchen­tisch schrei­bend, in eine Traum­welt flüch­te­ten, ließ Bur­nett sei­nen umfang­rei­chen Erfah­rungs­schatz, den er sich als Hotel­por­tier im Chi­ca­go der Drei­ßi­ger Jah­re erwor­ben hat­te, in all sei­ne Kri­mi­nal­ge­schich­ten ein­flie­ßen. Die Wer­ke ande­rer Autoren mögen akku­ra­ter for­mu­liert gewe­sen sein, Bur­netts Arbei­ten zeich­nen sich beson­ders durch sei­ne rüden, authen­ti­schen und oft­mals dra­ma­tur­gisch nir­gend­wo hin­füh­ren­den Dia­lo­ge aus. Er selbst war weit ent­fernt vom Kli­schee des zart besai­te­ten Schrift­stel­lers: Bei der Pre­miè­re des Films Litt­le Cae­sar in Los Ange­les im Jahr 1930 muss­te er ewig lan­ge war­ten, bis sein Name als Autor doch noch auf der Lein­wand erschien: „Screw you!“, fauch­te er in den noch ruhi­gen Saal hin­ein, bevor der begeis­tert-tosen­de Pre­mie­ren­ap­plaus los­brach. Ein Aus­spruch der def­ti­ge­ren Art, den man ger­ne auch als Schutz­me­cha­nis­mus ver­ste­hen darf, der Bur­nett Zeit sei­nes Lebens glück­li­cher­wei­se nicht im Stich ließ. Als ewi­ger Ko-Autor sei­ner eige­nen Wer­ke in der Hol­ly­wood-Dreh­buch­fa­brik bewahr­te ihn sei­ne Rup­pig­keit mit­samt einer unbän­di­gen Lust am flot­ten Schrei­ben vor jeg­li­cher Ver­damm­nis der Unpro­duk­ti­vi­tät, ver­ur­sacht durch über­mä­ßi­gen Alko­hol­ge­nuss oder ande­re eta­blier­te Vergnügungsdrogen.

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The Asphalt Jungle von John Huston

Als er 1930 mit sei­ner Kurz­ge­schich­te Dres­sing Up für das Harper’s Maga­zi­ne den renom­mier­ten O’Henry Award gewann, hat­te er schon an die hun­dert Kurz­ge­schich­ten ver­fasst, zumeist vor­erst nur für die eige­ne Schub­la­de. Der Lite­ra­tur­preis brach­te Bur­nett mit einem Schlag in das Bewusst­sein der Öffent­lich­keit, in die Buch­lä­den und dann vor allem unter das gie­ri­ge Radar von Hol­ly­wood. Zeit, sich auf die­sen Erfolg vor­zu­be­rei­ten, hat­te er genug gehabt: Dank sei­nes, über Jah­re hin­weg aus­ge­üb­ten, Jobs als Nacht­por­tier im North­me­re Hotel in Chi­ca­go wuss­te Bur­nett nicht nur über diver­se Klatsch­ge­schich­ten Bescheid, er kam auch in Ver­bin­dung mit den mitt­ler­wei­le schon legen­dä­ren Unter­welt­grö­ßen Chi­ca­gos. Bur­nett galt als freund­lich und vor allem ver­schwie­gen, Eigen­schaf­ten, die ihn Zeu­ge so man­cher Dia­lo­ge und Bege­ben­hei­ten wer­den ließ, die sich in sei­nen expli­zi­ten und schar­fen Cha­rak­ter­zeich­nun­gen wie­der­fin­den soll­ten. Der Kon­takt zu einem Auf­trags­kil­ler mit dem wohl tref­fen­den Spitz­na­men „The Bar­ber“ inspi­rier­te Bur­nett dann auch zu sei­nem Erfolgs­ro­man Litt­le Cae­sar, der 1929 bei Dial Press erschien:
What I got from him was a real view­point. I’m not a gangs­ter; he real­ly was. I had the old fashio­ned Ohio ide­as about right and wrong, all that stuff, which to him was utter non­sen­se. I’d ask him, after kil­ling guys, lea­ve them on the street, how did he feel? And he said „How do sol­diers feel?“ To him it was a war.

In Litt­le Cae­sar erzählt Bur­nett vom stei­ni­gen und blu­ti­gen Auf­stieg des Rico Ban­det­ti, der in der gleich­na­mi­gen Ver­fil­mung unter der Regie von Mer­vyn LeRoy vom bis dahin wenig bekann­ten Edward G. Robin­son dar­ge­stellt wird. Bur­nett gelingt hier die Zeich­nung eines Cha­rak­ters, der zum Groß­teil ein Pro­dukt sei­nes direk­ten Umfelds ist, doch: „Man sät Schier­ling und hofft, Korn­äh­ren rei­fen zu sehen“, wie es Bur­nett, sei­nem Roman vor­an­ge­stellt, for­mu­liert. Ban­det­ti bahnt sich über­eif­rig sei­nen Weg an die Spit­ze der Ver­bre­cher­or­ga­ni­sa­ti­on, ein Bei­spiel auch für jenen mani­schen Ehr­geiz, gespeist aus der Zeit in der er lebt, aber vor allem auch aus dem Ort: Chi­ca­go ist auf der einen Sei­te der Sitz der ame­ri­ka­ni­schen Arbei­ter­be­we­gung, in den Drei­ßi­ger Jah­ren aber auch betrof­fen von hoher Arbeits­lo­sig­keit. Die Syn­di­ka­te des orga­ni­sier­ten Ver­bre­chens sind zwar nicht in jenem Aus­maß prä­sent, wie es Bur­nett dem Leser weiß machen will, prä­gen aber durch­aus das All­tags­le­ben. Mit Kri­mi­na­li­tät lässt sich schnell viel Geld ver­die­nen, und es wer­den einem von Sei­ten staat­li­cher Insti­tu­tio­nen nicht all zu vie­le Stei­ne in den Weg gelegt. Die­se Umstän­de lässt Bur­nett auch in das Dreh­buch von Scar­face mit Paul Muni in der Titel­rol­le einfließen:
Peo­p­le con­fu­se a revo­lu­tio­na­ry with a rebel. A revo­lu­tio­na­ry is a poli­ti­ci­an who is out of office. And a rebel is a guy who is sus­pi­cious of all aut­ho­ri­ty, left or right.

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High Sier­ra von Raoul Walsh

Ban­det­ti wird sich von sei­nem Miss­trau­en nicht mehr lösen kön­nen und dafür mit sei­nem Leben bezah­len. Bur­netts Figu­ren sind nie­mals ein­fach nur schlecht und böse. Sie kön­nen mor­den und ihre bes­ten Freun­de hin­ter­ge­hen, doch immer noch gibt es die­sen Anflug von Sym­pa­thie, die beim Lesen sei­ner Roma­ne spür­bar ist. Alle lei­den an den Unzu­läng­lich­kei­ten, wel­che das eige­ne Leben für sie bereit­hält. Man lebt, hat eine Men­ge Durch­ein­an­der zu bewäl­ti­gen und am Ende stirbt man. Bur­nett betrach­tet dies aber nie als Aus­gangs­po­si­ti­on, nur sei­ne Prot­ago­nis­ten betref­fend, son­dern auch als eine Situa­ti­on, die es für jeden zu bewäl­ti­gen gilt. Er beschreibt tref­fend das Dilem­ma, wie man sich eine eige­ne Iden­ti­tät schaf­fen will, die damit ein­her­ge­hen­den indi­vi­du­el­len Regeln aber gesell­schaft­lich nicht akzep­tiert werden.

Ich will W. R. Bur­nett als Huma­nis­ten bezeich­nen, wenn er in sei­nen Büchern davon erzählt, dass Gewalt eigent­lich nur eine etwas ver­un­glück­te Form von mensch­li­chem Bemü­hen ist, das Leben in den Griff zu bekom­men. In The Asphalt Jungle gab Bur­nett, wie so oft, dem Regis­seur sein Geleit als Co-Autor: Die Dia­lo­ge behal­ten auch hier ihre Grif­fig­keit und Struk­tur, wenn Bur­nett vom Ver­rat unter Freun­den erzählt, die nach einem Tre­sor­raub wie­der ein­mal bemer­ken müs­sen, dass bei dem gemein­sa­men Raub­zug alles schief­läuft. Der Zwei­te Welt­krieg brennt noch im Bewusst­sein, Bur­nett erlaubt sich, aus sei­nen kri­mi­nel­len Prot­ago­nis­ten Men­schen zu machen, jeder mit einer ganz eige­nen Bio­gra­fie, die lei­se daher­kommt und sich nicht auf­drängt. Roman und Film zei­gen ein gan­zes Spek­trum mensch­li­cher Ent­täu­schun­gen und Kon­flik­te. Die­se wer­den nicht laut­stark aus­ge­tra­gen, etwa mit einer Waf­fe der Hand, son­dern lei­se wird alles von­stat­ten gehen: die Rache genau­so wie die eigent­li­che Tat mit­samt Ver­rat. Bur­nett zeigt die Ver­letz­lich­keit und Zart­heit, die Suche nach Zuwen­dung und einem Zuhau­se, die sei­ne Prot­ago­nis­ten beherrscht. Gear­bei­tet hat Bur­nett uner­müd­lich: Ver­öf­fent­licht wur­den 36 sei­ner Roma­ne und zahl­lo­se Kurz­ge­schich­ten. An mehr als 60 Fil­men hat er mit­ge­wirkt, ohne bei jedem auch tat­säch­lich genannt zu wer­den. Für sei­ne Dreh­bü­cher zu Wake Island und The Gre­at Escape wur­de er für den Oscar nomi­niert. Sein Roman Good­bye Chi­ca­go aus dem Jahr 1981 führ­te ihn ein aller­letz­tes Mal zurück in das Milieu, in dem er als Autor sei­ne Wur­zeln sah: Die Ehe­frau eines Poli­zis­ten wird ermor­det auf­ge­fun­den, und die Auf­klä­rungs­be­mü­hun­gen des Ehe­man­nes brin­gen nicht nur einen Ban­den­krieg zuta­ge, son­dern auch die Mit­wis­ser­schaft der loka­len Poli­zei. Ein gran­dio­ser Stoff, an den sich bis jetzt noch kein Regis­seur ver­sucht hat. So ganz für sich allein wagt es wohl kein Dreh­buch­au­tor, den Roman zu adaptieren.