„Ich habe den Film nicht ver­stan­den“ – einen sol­chen Satz hö­ren wir oft – und er scheint legi­tim als Vor­sichts­mass­nah­me, die vor einem all­fäl­li­gen ver­früh­ten und fehl­ge­lei­te­ten Urteil schützt. Aber was bedeu­tet es, einen Film zu „ver­ste­hen“? Ist es über­haupt mög­lich, einen Film nicht zu ver­ste­hen? Soll­ten wir mit der Ziel­set­zung in einen Film gehen, die­sen zu verstehen?

Wir ver­ste­hen jeden Film – wir ver­ste­hen kei­nen Film.

Goodbye Dragon Inn

1. Wir „lesen“ beweg­te Bil­der, heißt es; und Lesen ist zu erler­nen. Lesen wir die Bil­der aber nicht, son­dern „emp­fan­gen“ wir sie, dann brau­chen wir nichts zu ler­nen, nur unse­re Sin­ne zu nut­zen. Wes­halb kön­nen wir es nicht ein­fach beim Ein­druck belas­sen, den die Bil­der in uns hin­ter­las­sen? Sind wir ver­pflich­tet, die­se Ein­drü­cke in ein Kon­zept zu zwän­gen, ein sinn­stif­ten­des Kor­sett? Haben wir dem­nach einen Film nur ver­stan­den, wenn wir das ver­mut­lich dahin­ter­ste­cken­de Kon­zept, das wir unent­wegt suchen, als bra­ve „akti­ve“, sich nicht „berie­seln las­sen­de“ Zuschau­er, gefun­den haben? Ein Film wä­re dann als Schatz­su­che ange­legt; der Fil­me­ma­cher ver­steckt dar­in sein Kon­zept. Oder aber er gibt zumin­dest Hin­wei­se auf Tei­le des Kon­zepts, die wir durch auf­merk­sa­mes Scan­nen des Texts /​Sub­texts fin­den und dann ver­voll­stän­di­gen dür­fen durch unse­re eige­nen Gedan­ken­kon­struk­te. Wenn wir kei­ne Hin­wei­se auf ein Kon­zept anfin­den kön­nen, liegt es voll­stän­dig an uns, die­ses zu ersin­nen und mit die­sem Akt den Film ver­ste­hen zu suchen.

Viel­leicht ist „Kon­zept“ ein zu star­kes Wort. Erset­zen wir es zum Bei­spiel mit „Welt­sicht“. Ein jeder Mensch und Fil­me­ma­cher hat ja doch sei­ne eige­ne Sicht auf die Welt, posi­tio­niert sich in einem bestimm­ten Ver­hält­nis zu ihr. Ein Film gibt auto­ma­tisch Aus­kunft über die­sen Sicht­win­kel – selbst wenn er sich dem dezi­diert ver­wei­gern will. Heißt „Film ver­ste­hen“ also, die Welt­sicht des­sen /​deren Schöp­fer zu erken­nen? Den Film nicht zu ver­ste­hen bedeu­te­te dann, kei­nen sol­chen Sicht­win­kel zu fin­den. Der Autor hät­te dann also sei­ne Welt­sicht zu kryp­tisch in den Film ein­ge­ar­bei­tet, als dass wir sie ent­schlüs­seln könn­ten? – dies ist natür­lich Quatsch.

Wie hier­aus schon her­vor­geht, hat unser Ver­ständ­nis vom Ver­ste­hen eines Films viel mit des­sen Schöp­fer als „Auteur“ zu tun. Wenn wir glau­ben, hier hand­le es sich um den Film eines „Auteurs“, so bedeu­tet das für uns die Bereit­schaft, im Film nach Welt­sicht /​Kon­zept zu suchen. Wir unter­stel­len ihm, etwas Bestimm­tes aus­drü­cken zu wol­len – obwohl doch ein Film auto­ma­tisch etwas „aus­drückt“, das wir emp­fan­gen sol­len. Wir ver­schlies­sen uns dem natür­li­chen Aus­druck eines Films, um nach dem kon­stru­ier­ten Aus­druck zu suchen, sprich: den Film zu ver­ste­hen. Wenn wir jeman­den als „Auteur“ betrach­ten, gibt das Zeug­nis ab über uns, nicht über die­sen: denn wir könn­ten jeden Men­schen als „Auteur“ betrach­ten, Fil­me­ma­cher oder nicht. Wir könn­ten jedes Hand­lungs­mus­ter eines Men­schen als „State­ment“ lesen, als Aus­druck eines Kon­zepts, einer Welt­sicht. Es gibt also Zeug­nis ab über unse­ren Bereit­schafts­grad, uns mit dem Film „aus­ein­an­der­zu­set­zen“. Ist kein „Auteur“ vor­han­den, gibt es dann auch nichts zu verstehen?

What Time is it There?

2. Klar: Ein Film besteht aus einer sol­chen Anhäu­fung von Details, dass wir nie­mals über die Funk­ti­on all die­ser Details Bescheid wis­sen kön­nen. Jeder Film öff­net sich vor uns wie ein dunk­ler Raum, den wir nie­mals betre­ten haben, des­sen Aus­ma­ße und des­sen Mö­bel wir nicht ken­nen, die wir, lang­sam und vor­sich­tig fort­schrei­tend ertas­ten kön­nen, aber nie­mals sehen.

3. Der Spruch: Kunst ist nicht da, um unse­re eige­ne Welt­sicht zu bestä­ti­gen. Unse­re Welt­sicht: was wir ver­ste­hen, ein­ord­nen kön­nen. Ich mag nur Fil­me, die ich nicht ver­ste­he – was, wenn wir mit die­ser Atti­tü­de in Fil­me gehen? Das Pro­blem: Die­ses „Nicht-Ver­ste­hen“ wird dann zu einer neu­en Art von Ver­ständ­nis. Denn wenn ich die­se Fil­me nicht ver­ste­he, weil ich „zu dumm bin“, ihre Aus­sa­ge nicht erkannt habe, kann ich mich damit nicht begnü­gen; ich bin doch (?) jedem Film gegen­ü­ber ver­pflich­tet, eini­ge Schritt auf ihn zuzu­tun, ver­su­chen, ihn zu «erken­nen». Wenn ich mich dann genug infor­mie­re, viel­leicht mit Hil­fe von ande­ren, die den Film „ver­stan­den“ haben, sehe ich das Licht. Dann kann ich den Film aber nicht mehr gut fin­den; was auf den ers­ten Blick gran­di­os und enig­ma­tisch erscheint, ent­puppt sich als ent­schlüs­sel­bar, klein und plump. Dem­nach muss ich die Aus­sa­ge revi­die­ren: Ich mag nur die Fil­me, die ich nicht ver­ste­hen kann. Das heisst, dass ich einen Film nur dann ver­stan­den habe, wenn ich ihn nicht ver­stan­den habe.