Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Film ist eine Fremdsprache

Film ist eine Fremd­spra­che. Wir leben in einer Welt, in der Film eine Fremd­spra­che ist. Auf Film­schu­len wird ger­ne behaup­tet, dass wir alle (d.h. das Volk, die Jugend, der Bür­ger, ein nor­ma­les mensch­li­ches Wesen) mit Bil­dern zu tun hät­ten. Jeden Tag. Das ist natür­lich rich­tig, zu rich­tig. Aber mit Film hat das nichts zu tun. Das ist den Film­schu­len egal.

Film ist eine Fremd­spra­che. Oft behaup­ten Men­schen, dass ein Film in einer Fremd­spra­che sei. Sie spre­chen dann von Unter­ti­teln oder Syn­chro­ni­sie­run­gen. Sie spre­chen dann davon, dass sie etwas nicht ver­ste­hen. Aber ver­ste­hen sie in den paar Fil­men etwas, deren Spra­che sie glau­ben zu verstehen?

Film ist eine Fremd­spra­che in Deutsch­land. Mur­nau und Lang sind uner­reich­ba­re Schat­ten, man erwacht in Angst, weil man befürch­tet, dass es sie nie gege­ben hat. Hat das, was wir heu­te tun, noch etwas mit Mur­nau zu tun? War­um nen­nen wir bei­des Film? Es gibt nicht mal mehr die Sehn­sucht danach. Kann man ein­fach so sagen, dass Film sich wei­ter­ent­wi­ckelt hat?

RoosPerry
via Craig Keller

Film ist weni­ger als eine Fremd­spra­che, weil Fremd­spra­chen einen Reiz auf die meis­ten Men­schen aus­üben. Film übt kei­nen Reiz auf Men­schen aus. Ledig­lich sei­ne Reprä­sen­ta­ti­ons­funk­ti­on, sein Gla­mour und sei­ne Wir­kung. Nie­mals sei­ne Spra­che, denn Film ist eine ver­ges­se­ne Fremd­spra­che. Es gibt ein paar strau­cheln­de Leh­rer und Über­set­zer die­ser Spra­che in der Welt. Sie leben in einem Elfen­bein­turm und lügen sich an, weil sie selbst ver­ler­nen die­se Spra­che zu spre­chen. Um die­se Spra­che zu spre­chen, muss man hören und sehen kön­nen. Aber die meis­ten glau­ben, dass sie die­se Fremd­spra­che durch Refle­xi­on erler­nen. Sie pro­ji­zie­ren sich selbst auf die Lein­wand, nein, den Lap­top und iden­ti­fi­zie­ren sich und glau­ben so, dass sie die Spra­che beherr­schen. Sie sind in der Über­zahl und sie haben kei­ne Ahnung. Sie recht­fer­ti­gen ihren Erfolg mit der Dumm­heit derer, die ihnen folgen.

Aber Film bleibt hier eine Fremd­spra­che. Ein ver­wir­ren­des Spiel beginnt, weil die­se Leu­te ihre Unter­hal­tungs- und Mas­tur­ba­ti­ons­for­men auch Film nen­nen, ein Ver­wirr­spiel beginnt, weil Film vie­le Namen trägt, man vie­len Namen Film geben kann, Film­na­men, Namensfilm.

Film ist eine Fremd­spra­che, weil sie nie erlernt wur­de. Immer besteht sie aus dem, was man nicht gese­hen hat. Film ist die Sucht nach dem Sehen, die Sehn­sucht, die sehen­de Sucht nach dem Unsicht­ba­ren, dem Uner­reich­ba­ren, wie könn­te man die­se Spra­che erler­nen? Vor kur­zem habe ich in einem die­ser You­tube-Bei­trä­ge gese­hen, dass Men­schen for­dern, dass man das Kino abschaf­fen soll­te, weil es zu teu­er sei und weil dort sowie­so ein fal­sches Sys­tem herr­sche. Die­se Leu­te haben nicht ein­mal ver­stan­den, dass Film eine Spra­che ist, geschwei­ge denn eine Fremd­spra­che, die immer aus dem besteht, was man nicht gese­hen hat, nein, sie haben nicht ver­stan­den, was Kino ist, dass Kino das Ereig­nis der Gegen­wär­tig­keit die­ser Fremd­spra­che ist und somit der ein­zi­ge Ort, an dem man sie in ihrer Mate­ria­li­tät, ihrer Zeit­lich­keit und ihrer Bestim­mung sehen und hören kann und dass man sie auch nur dort erler­nen kann. Film, sagen die­se Leu­te, müs­se mit der Zeit gehen, als wür­de man wis­sen, wohin eine Spra­che gehen soll­te, wenn man sie nicht kennt.

Damnation

Film ist eine Fremd­spra­che, weil die­je­ni­gen, die sie in der Hand hal­ten in dunk­len, immer klei­ner wer­den­den Kam­mern sit­zen und nach Essig rie­chen wäh­rend die­je­ni­gen, die das Wort „Film“ in den Mund neh­men noch nicht ein­mal wis­sen, wie sich ein sol­cher „Film“ in ihrer Hand anfühlt. Sie sind wie Köche, die Fer­tig­pro­duk­te ser­vie­ren, deren Inhalt sie nicht ken­nen. Sie ken­nen aber noch nicht ein­mal den Geschmack, geschwei­ge denn die Geschich­te des Geschmacks. Film soll sicht­bar gemacht wer­den, aber ver­küm­mert und wird weggeworfen.

Film ist eine Fremd­spra­che, weil die­je­ni­gen, die sie spre­chen in einer bit­te­ren Melan­cho­lie ver­sin­ken oder sich zufrie­den damit geben, dass sie die Spra­che verstehen.

Ich ver­su­che nun seit eini­gen Jah­ren die­se Fremd­spra­che zu erler­nen. Ich habe noch nicht viel ver­stan­den. Ich weiß viel­leicht wie man sich begrüßt und wie man sagt: „Ich lie­be dich“ (laut Adri­an Mar­tin mit einer 360 Grad Fahrt, aber ich habe meh­re­re Vari­an­ten gese­hen…). Ich habe ein paar Men­schen beob­ach­tet und ande­re sogar getrof­fen, von denen ich sagen wür­de, dass sie die Spra­che beherrschen.

Sie haben mir alle gesagt, dass Film eine Fremd­spra­che ist. Soll­te es nicht eine Mut­ter­spra­che sein? Hat mei­ne Mut­ter nicht Film gespro­chen? Es ist eine ver­lo­re­ne Spra­che. Wie ein ver­las­se­nes Koh­le­berg­werk liegt die­se Spra­che vor uns. In ihr befin­det sich immer noch die gan­ze Geschich­te der Mensch­heit, aber nie­mand kann sie mehr sehen. Man kann sagen, dass Film eine Spra­che der Geis­ter ist, weil Film schon immer eine Spra­che der Geis­ter war, aber Film ist jetzt eine Geis­ter­spra­che, eine Spra­che, die es nicht mehr gibt, Film ist ein Phan­tom. Und so spre­chen wir über Film wie wir über Phan­to­me spre­chen. Die einen dekon­stru­ie­ren Film mit welt­li­chen Erkennt­nis­sen, Gedan­ken und Wer­ten. Sie sagen ganz nüch­tern: „Film ist eine Tech­nik, es geht dabei um die­ses und jenes und sowie­so…“ und die ande­ren mys­ti­fi­zie­ren es, sie sagen: „Oh, der Film ist wie die Nacht, er schleicht und träumt und sowie­so…“ und ande­re sagen gar nichts, weil sie nie mit Phan­to­men in Berüh­rung gekom­men sind oder weil sie unter dem Schock die­ser Berüh­rung stehen.

L'argent

Film ist eine Fremd­spra­che, an die man glau­ben muss. Es ist nicht nor­mal, dass man an eine Spra­che glau­ben muss. Film­men­schen aller Welt ver­ei­ni­gen sich, um zu mer­ken, dass Film eine zu kom­ple­xe Spra­che ist, um sich zu ver­ste­hen. Selbst jene, die die­se Fremd­spra­che beherr­schen, ver­ste­hen sich kaum. Sie müs­sen ver­ste­hen, dass es ein Teil die­ser Spra­che ist, dass man nicht versteht.

Film ist eine Fremd­spra­che. Man erlernt sie mit Begeis­te­rung. Viel­leicht ist die Begeis­te­rung das Phan­tom. Ertrun­ken im Zynis­mus, beer­digt in einem beque­men Man­tel des Schwei­gens. In man­chen Zir­keln ist die­se Spra­che ver­bo­ten. Dazu zäh­len För­de­run­gen und jene Geld­gei­er, die an den Brüs­ten der Indus­trie sau­gen bis sie nicht mehr den­ken kön­nen, weil sie nicht den­ken wol­len. Dazu zäh­len aber auch Miss­ver­ständ­nis­se von begeis­tern­den Frau­en und Män­nern, die in Film (klug wie sie sind) mehr sehen. Film wird instru­men­ta­li­siert, poli­ti­siert, ideo­lo­gi­siert, mone­ta­ri­siert, insti­tu­tio­na­li­siert, aber nie­mand spricht Film. Ja, man wird sagen: „Film war schon immer eine Hure!“ und man wird sagen „Film ist mehr als sei­ne Spra­che!“, aber dage­gen hal­te ich, dass man dem Film alles weg­neh­men könn­te außer sei­ner Spra­che und sei­ner Tech­nik und er blie­be immer noch Film.

Aber wen inter­es­siert das in einer Welt, in der Film eine Fremd­spra­che ist? Was mich erschreckt: Manch­mal muss man Film wie eine Ideo­lo­gie gebrau­chen, um ihn sicht­bar zu machen. Men­schen bau­en sich eine Iden­ti­tät rund um Film auf. Sie wer­fen Film unter dem pau­scha­len Ober­be­griff einer Cine­phi­lie in die Mas­sen wie Por­no­gra­phie. Sie pos­ten in sozia­len Netz­wer­ken in Zeit­ab­stän­den über Fil­me, die ganz klar auf­zei­gen, dass sie dazwi­schen unmög­lich Zeit für einen Film gehabt haben kön­nen. Die Auf­ga­be die­ser Cine­phi­lie ist schein­bar nicht das Erler­nen und Bewah­ren die­ser Fremd­spra­che, son­dern nur das eupho­ri­sche Kla­gen dar­über, dass die­se Spra­che ver­schwin­det, ver­schwun­den ist, doch noch exis­tiert. Ihr Voka­bu­lar ist jenes eines Lie­bes­briefs, der unglaub­wür­dig ist und in den sich den­noch Tau­sen­de ver­lie­ben, weil er von der glei­chen Hilf­lo­sig­keit erzählt, die man selbst emp­fin­det. Viel­leicht ver­ste­he ich sie falsch, viel­leicht ver­su­chen sie auch nur, nicht zu ver­ges­sen, nicht zu ver­ges­sen, was die­se Spra­che ist.

Wir schwei­gen im Kino, weil wir uns wün­schen, dass Film eine Fremd­spra­che ist, damit wir etwas Beson­de­res sind, wenn wir sie beherr­schen. Und so kann uns nie­mand vor­wer­fen, dass wir im Unrecht sind und so kann uns jeder vor­wer­fen, dass wir im Unrecht sind. Film ist eine Fremdsprache.