No Trouble in Paradise: Gedanken zum Il Cinema Ritrovato

Das Il Cine­ma Ritro­va­to ist ein ange­neh­mes Fes­ti­val. Man fühlt sich hier wohl. Genau­er gesagt: Man fährt hier nicht zuletzt hin, um sich wohl­zu­füh­len. Im Kino, aber auch außer­halb. Wür­de das Il Cine­ma Ritro­va­to in Grön­land statt­fin­den und nicht in Bolo­gna, wür­den bestimmt auch eini­ge Men­schen kom­men. Aber sicher­lich weni­ger mit dem erklär­ten Ziel, sich wohlzufühlen.

Im Grun­de bleibt einem hier gar nichts ande­res übrig. Falls man nicht beruf­lich da ist und sich nicht vom über­bor­den­den Film­pro­gramm stres­sen lässt (und auch nicht vom eige­nen Leben gestresst wird), drängt sich der Wohl­fühl­fak­tor regel­recht auf. Schon beim Ver­las­sen des Kinos springt einen Ent­span­nung an. Die (manch­mal bru­zel­hei­ße, aber meist doch eher woh­lig war­me) Son­ne, der schlur­fi­ge Rhyth­mus in den Stra­ßen, das immer min­des­tens nicht schlech­te und auch halb­wegs preis­wer­te Essen, all das trägt bei zu einem Nicht-mehr-groß-Nach­den­ken über das Wie und War­um des Fes­ti­vals bei, zu einem Hin­ein­glei­ten in einen rei­nen Urlaubs-Modus, also in das, was eine der Schie­nen hier als „The Cinephile’s Hea­ven“ umschreibt.

Was ist das für ein Him­mel? Was wird hier gezeigt? Alles Mög­li­che, ist man zunächst geneigt zu sagen. Aber dem ist natür­lich nicht so. An Bolo­gna lässt sich ganz gut able­sen, was sich der sta­tis­ti­sche Durch­schnitt­sci­ne­phi­le von heu­te so unter ange­neh­mem und schö­nem Kino vor­stellt. Das ist erst­mal eines, das ten­den­zi­ell eher vor 1980 ent­stan­den ist. Oder, bes­ser noch, vor 1960. Zuvor­derst liegt der his­to­ri­sche Fokus natür­lich an den Wur­zeln des Fes­ti­vals in der Archiv­kul­tur (und sei­ner fort­wäh­ren­den Bedeu­tung für sel­bi­ge). Am Impe­tus, vor allem jenes Kino zu hegen, zu pfle­gen und her­vor­zu­he­ben, das ganz akut vom Ver­schwin­den und Ver­ges­sen bedroht ist, sprich: Film­ge­schich­te. Man liest es schon im Titel der Ver­an­stal­tung. Nur drängt sich hier­bei die Fra­ge auf, ob heut­zu­ta­ge nicht jedes Kino Film­ge­schich­te ist, auch rezen­tes und aktu­el­les, wenn es nicht gera­de in den eigent­lich sehr, sehr klei­nen Kul­tur­ka­non inte­griert wur­de, der außer­halb der cine­phi­len Bla­se exis­tiert. Und ob die­ses Kino nicht eben­so vom Ver­schwin­den und Ver­ges­sen bedroht ist wie das von 1910. Nein, höre ich schon die Exper­ten im Kopf! Wird schon stimmen.

Man trifft hier vie­le gemüt­li­che alte Her­ren, gechillt vor sich hin trot­ten­de Schild­krö­ten­men­schen, freund­lich-sym­pa­thi­sche Schwel­ger und Schlem­mer. Nicht nur, aber doch. Wenn man nicht auf­passt, wird man Stück für Stück selbst zu einem – denn eigent­lich will man es ja. Ein Hauch von Flo­ri­da liegt in der Luft, von Brigh­ton, von der Côte d’Azur und ande­ren Enkla­ven der Behag­lich­keit. Nahe­zu jeder Text, der über das Il Cine­ma Ritro­va­to geschrie­ben wird, die­ser ein­ge­schlos­sen, ist irgend­wie auch ein Werbetext.

Natür­lich wird hier auch viel gear­bei­tet, neben­her und zwi­schen­durch. Plä­ne wer­den geschmie­det, Abma­chun­gen getrof­fen, Deals aus­ge­han­delt, Prei­se ver­lie­hen, Retro­spek­ti­ven kon­zi­piert – über und unter der Hand. Etli­che Besu­cher sind hier nicht nur zum Spaß, denn beim Il Cine­ma Ritro­va­to ver­wal­tet sich die Zukunft der Ver­gan­gen­heit des Kinos. Hier ent­schei­det sich wahr­schein­lich mehr als anders­wo, was aus dem boden­lo­sen Reser­voir der Film­his­to­rie gefischt und in den Kine­ma­the­ken der Welt zum Trock­nen auf­ge­hängt wird.

Wie­der stellt sich die Fra­ge: Was genau? Die Ant­wort scheint im Gro­ßen und Gan­zen eher weich zu sein. Soll hei­ßen: Klas­sisch, schön, groß, uni­ver­sell, stu­dio­pro­du­ziert, natio­nal, reprä­sen­ta­tiv, zugäng­lich, eben: ange­nehm. Wie­der­um: Nicht nur, aber doch. Uner­hör­tes ist mir hier bis­lang nur sel­ten zu Ohren (und Augen) gekom­men. Span­nen­des, Inter­es­san­tes, Unbe­kann­tes, Berüh­ren­des, Beglü­cken­des und Bezau­bern­des – alle­mal. Aber kaum etwas, das wirk­lich befrem­det. Das Il Cine­ma Ritro­va­to ist kein Hof­bau­er­kon­gress, kein /Slash-Film­fes­ti­val, auch kein Cour­ti­sa­ne. Muss es natür­lich nicht sein. Aber bei über 400 prä­sen­tier­ten Fil­men und einem Ruf, das Fes­ti­val für Film­ge­schich­te zu sein, kris­tal­li­siert sich hier nach ein paar Besu­chen doch ein Bild davon her­aus, was von den Ent­schei­dungs­trä­gern mit Hand­kuss und offe­nen Armen in sel­bi­ge auf­ge­nom­men wird und was halt aus­nahms­wei­se auch noch rein darf.

Dem kann man natür­lich auf vie­len Ebe­nen wider­spre­chen: Kano­nisch im stren­gen Sin­ne ist ja abseits der gro­ßen Restau­rie­run­gen doch gar nicht so viel von dem, was hier läuft. Und gezeigt wer­den ja auch Cine­ma­li­be­ro-Reprä­sen­tan­ten, 68er-Wider­stands­fil­me, etc. Über­haupt ist die Fra­ge danach, was denn genau trans­gres­siv, auf­rüt­telnd und radi­kal ist, eine Ange­le­gen­heit der sub­jek­ti­ven Indi­vi­du­al­erfah­rung und des Kon­tex­tes, und war­um soll nicht auch und gera­de ein Melo­dram von John M. Stahl aus den Drei­ßi­gern jener Film sein, der for­mal wie inhalt­lich, wenn man nur ein biss­chen genau­er hin­schaut, alles über den Hau­fen wirft, Gren­zen sprengt und poli­ti­sche Fun­ken sprü­hen lässt? Stimmt alles.

Trotz­dem wird man das Gefühl nicht los, dass vie­le Leu­te ent­täuscht wären, wenn sie hier in einem Jahr­gang nur Guy Debord und Glau­ber Rocha und Rit­wik Ghat­ak vor­ge­setzt bekä­men. Oder nur Maya Deren und Joce­ly­ne Saab. Oder nur Joe D’Amato und Jür­gen Enz. Weil das dann doch nicht so recht zum Ent­span­nungs­cha­rak­ter pas­sen will, den das Il Cine­ma Ritro­va­to nun mal auch hat. Zur Ent­span­nung gehört näm­lich auch ein gewis­ses Maß an Kon­sens, und der wird hier sach­te, aber doch, auch im Film­his­to­ri­schen auf­recht­erhal­ten. Natür­lich ist es müßig, sich dar­über zu beschwe­ren. Aber ganz aus­blen­den soll­te man es nicht.

Denn die­se Eng­füh­rung von Film­ge­schich­te und Gemüt­lich­keit, die hier in Bolo­gna gelebt und genos­sen wird (auch von mir), hat schon etwas leicht Bedenk­li­ches. Klar: Das Poli­ti­sche einer sol­chen Ver­an­stal­tung liegt auch dar­an, dass sie nicht poli­tisch sein muss. Dass das Kino, ganz gleich wel­cher Art, hier ein­fach nur für sich ste­hen darf. Im Ide­al­fall reist es dann spä­ter von Bolo­gna aus in die wei­te Welt und wirkt dort sei­ne Wun­der. Aber müss­te es sei­nen alten, stau­bi­gen Man­tel dafür nicht schon hier gegen leich­te Rei­se­be­klei­dung tauschen?

Ich mei­ne damit selbst­ver­ständ­lich nicht die fein – oft­mals gera­de­zu pein­sam fein – raus­ge­putz­ten Digi­tal­re­stau­rie­run­gen, die hier vor­ge­stellt wer­den und „ange­grau­te“ Fil­me „zukunfts­fit“ machen sol­len. Ich mei­ne eher den Zugang, der hier bewusst wie unbe­wusst zum his­to­ri­schen Kino kul­ti­viert wird und eine gewis­se Distanz zur Lein­wand und zur Welt beför­dert. Das Il Cine­ma Ritro­va­to, auch das ent­nimmt sich schon dem Titel der Ver­an­stal­tung, ist letzt­lich eben doch ein Fes­ti­val der alten Filme.

Das spürt man in den Ein­füh­run­gen und Kata­log­tex­ten, bei denen es immer mehr um his­to­ri­sche Ein­bet­tung und Kon­tex­tua­li­sie­rung geht als um aben­teu­er­li­che Inter­pre­ta­tio­nen oder Ver­knüp­fun­gen mit abge­le­ge­nen Gedan­ken­fel­dern. Das merkt man am Dis­kurs, der sich meis­tens in vom Fes­ti­val abge­steck­ten Refe­renz­rah­men bewegt. Auch an den Gäs­ten, die gela­den wer­den, um zu erzäh­len, wie es damals war. Natür­lich gibt es Aus­nah­men. Natür­lich ist das für sich genom­men auch gerecht­fer­tigt und schön. Natür­lich liegt die Ver­ant­wor­tung der Ver­ge­gen­wär­ti­gung nicht zuletzt beim Zuschau­er. Den­noch: Im End­ef­fekt ent­steht, bei aller Leben­dig­keit auf der Piaz­za Mag­gio­re, bei allem Enthu­si­as­mus der zahl­rei­chen Besu­cher, der Ein­druck einer schlei­chen­den Musea­li­sie­rung. Beson­ders bei den expli­zit poli­ti­schen Fil­men mutet das selt­sam an: Zu Ehren von 1968 wur­den hier etwa vor eini­gen Vor­füh­run­gen soge­nann­te Ciné­tracts aus besag­tem Jahr gezeigt, schmis­si­ge, hef­ti­ge, kan­ti­ge, klu­ge wie dum­me, jeden­falls agi­ta­to­ri­sche Kino­pam­phle­te, die an die intel­lek­tu­ell wie real umkämpf­te Gegen­wart der Ver­gan­gen­heit erin­ner­ten. Ein biss­chen wühl­ten die­se cir­ca zwei­mi­nü­ti­gen fil­mi­schen Aus­ru­fe­zei­chen immer auf, weil sie ihre Bedeu­tung in einem Hier und Jetzt so aus­drucks­stark behaup­ten. Doch der Kon­text Bolo­gnas schien mir zuletzt immer mäch­ti­ger zu sein. Der Blick ging doch sehr schnell zurück auf: Aha, so war das damals also, das Poli­tisch-Sein im Kino. Wäre es da nicht span­nen­der (und gar nicht mal so fes­ti­val­zer­rüt­tend arg gewe­sen), neue Ciné­tracts in Auf­trag zu geben, etwa bei brot­lo­sen, enga­gier­ten Film­stu­den­ten, und die­se hin und wie­der in „his­to­ri­sche“ Pro­gram­me einzustreuen?

Ein from­mer Wunsch – die­se Art von Inter­ven­ti­on wür­de wohl ein­fach nicht pas­sen zu die­sem Fes­ti­val. Schon ok, es hat sich ande­re Zie­le gesteckt. Scha­de nur um das Poten­zi­al: Hier, in Bolo­gna, könn­ten Ver­gan­gen­heit und Zukunft des Kinos eben­so ver­schmel­zen wie alle sei­ne bun­ten Sei­ten­strän­ge, die schö­nen und die häss­li­chen, die ange­neh­men und die unan­ge­neh­men. Der Nähr­bo­den wäre da, eigent­lich auch das Publi­kum. Es könn­te dabei sogar halb­wegs gemüt­lich blei­ben. Nur wür­de es dann nicht mehr Il Cine­ma Ritro­va­to hei­ßen, son­dern ein­fach nur Il Cine­ma. Kei­ne Sor­ge: So oder so wer­den wir nächs­tes Mal wie­der­kom­men. Zum Wohlfühlen.