Die­ses Bild bleibt in mei­nem Kopf, auch zwei oder drei Jah­re, nach­dem es mir in einem Film begeg­net ist. Es gibt Film­bil­der wie die­ses, die ein Eigen­le­ben ent­wi­ckeln, die emble­ma­tisch wer­den für einen Film, einen Regis­seur, eine Denk­wei­se; ande­re Aspek­te ord­nen sich ihnen unter, und wir bie­gen Infor­ma­tio­nen natür­li­cher­wei­se so zurecht, dass sie die­sem Bild ent­spricht, oder bes­ser: dass das Bild im Gesamt­zu­sam­men­hang Sinn ergibt, auch wenn die­ser weit her­ge­holt ist.

Das Bild stammt aus John Fords Drums Along the Mohawk, aber wenn ich mir die­ses Bild ver­ge­gen­wär­ti­ge, muss ich nicht nur an Ford, son­dern oft auch an Beet­ho­ven den­ken, was unter ande­rem sicher von mei­nem Hin­ter­grund als klas­si­scher Musi­ker (Gei­ger) her­rührt. Ver­glei­che von Fil­me­ma­chern mit Kom­po­nis­ten oder ande­ren Künst­lern anzu­stel­len, ist ver­lo­ckend, aber auch hei­kel: man läuft Gefahr, Künst­ler miss­zu­ver­ste­hen, sie in ein vor­ge­fer­tig­tes (Denk-)Muster zu drän­gen, sie zu unkom­ple­xen Schach­fi­gu­ren zur Illus­tra­ti­on von naiv-fehl­ge­lei­te­ten per­sön­li­chen Erwä­gun­gen zu mar­gi­na­li­sie­ren. Den­noch drän­gen sich mir eini­ge sol­cher Ver­glei­che auf: Ford – Beet­ho­ven, dann Aker­man – Schön­berg (hier gibt es auch inter­es­san­te bio­gra­phi­sche Par­al­le­len), Chap­lin – Mozart, viel­leicht auch Nicho­las Ray – Schu­mann oder Straub/​Huillet – Lui­gi Nono. (Doch wer wäre etwa das Pen­dant von Stern­berg? Eine Per­son, die viel­leicht in allen ande­ren Küns­ten leicht eine Ent­spre­chung fän­de, da ihr Pro­fil der­art klar umris­sen und ein­fluss­reich ist… abge­se­hen von der Musik; was ist Ästhe­ti­zis­mus in der Musik? Sogar: „was ist Form in der Musik?“ ist nicht klar: nicht nur der „Grund­riss in der Zeit“ gehört dazu, sprich deren Archi­tek­tur mit gege­be­nen­falls wie­der­keh­ren­den Ele­men­ten; son­dern auch das Ton­ma­te­ri­al, aus dem geschöpft wird, das Har­mo­nik und Melo­dik bestimmt… Ist Musik also rei­ne Form?) Ich beschrän­ke mich im Fol­gen­den aber auf das ein­gangs genann­te Paar.

Das Bild zeigt eine Frau auf einem sanf­ten Hügel, die einen Sol­da­ten­trupp betrach­tet, der gera­de in den Krieg auf­bricht. Schon der Gesamt­cha­rak­ter des Bil­des – melan­cho­lisch, pas­to­ral, naiv, ein­fach, weit /​weit­grei­fend (amp­le), „klas­sisch schön“ – erin­nert an einen lang­sa­men Satz Beet­ho­vens, oder zumin­dest der Wie­ner Klas­sik; beson­ders auch die Freu­de und Trau­er, die gleich­zei­tig den Moment heim­su­chen, ihn bestim­men, sich tref­fen in einer ein­zi­gen Ges­te: dem Blick der uns abge­wand­ten Frau. Aber nicht nur die­se Ele­men­te sind Beet­ho­ven-artig: die Art und Wei­se der Kon­struk­ti­on des Bil­des (respek­ti­ve die Art und Wei­se wie es zu uns spricht) ent­spre­chen exakt der Metho­de, mit der Beet­ho­ven sei­ne Wir­kung zir­kelt – ich spre­che hier haupt­säch­lich vom frü­hen oder mitt­le­ren Beet­ho­ven. Die schein- und sicht­ba­re Ein­fach­heit des Bil­des /​der Musik ist das Resul­tat einer kom­ple­xen Arbeit; gleich­zei­tig kre­iert die­se Ein­fach­heit star­ke Emo­tio­nen. Man könn­te sagen: die Ein­fach­heit kana­li­siert /​trich­tert zwi­schen dem Input (Leben -> Künst­ler) und dem Out­put (Wir­kung des Kunst­werks auf das Leben des Publi­kums), die bei­de kom­plex und viel­schich­tig sind. Neh­men wir das Trio aus dem 1. Menu­ett des 1. Streich­tri­os als Bei­spiel; es ver­bin­det alles oben Beschrie­be­ne (die Stel­le kommt ab Minu­te 18:05):

Eine ein­fa­che Melo­die, die von Ton zu Ton über­haupt kei­ne Sprün­ge auf­weist (Sprün­ge gel­ten nor­ma­ler­wei­se als beson­ders aus­drucks­stark), alle Töne lie­gen in nächs­ter Nähe, es scheint als wer­de kei­ne Mühe auf­ge­wen­det, um einen bestimm­ten Effekt zu erzeu­gen; doch genau die­ses Mühe­lo­se mün­det in den weit­läu­fig-melan­cho­li­schen Ges­tus die­ser Musik.

Ford und Beet­ho­ven: Dich­ter, die der gerings­ten, sim­pels­ten, unbe­deu­tends­ten Ges­te beson­de­re Bedeu­tung bei­mes­sen, die sie trans­for­mie­ren in etwas Tran­szen­den­ta­les, beseelt von Anmut. Beet­ho­ven benützt äußerst oft Ton­lei­tern, also die ein­fachs­te Art, Töne zu ver­bin­den, zur For­mung einer Melo­die; dass man aus Ton­lei­tern der­ar­ti­ge Anmut her­aus­wrin­gen kann ist bei ihm immer wie­der aufs Neue erstaun­lich. Sei­ne Ton­lei­tern sind Fords Him­mel, Step­pen und Wäl­der; die klei­nen har­mo­ni­schen Wech­sel sind das Heben eines Blicks oder das Anleh­nen des Kopfs an eine Mau­er. Etwa der Mit­tel­teil aus dem 2. Satz der 2. Vio­lin­so­na­te (ab Minu­te 7:17):

oder gleich der Anfang der 13. Klaviersonate:

Die­se Stel­len sind bluts­ver­wandt mit etwa dem Kopf-Anleh­nen des Huw Mor­gan an einen Holz­pfahl in How Green Was My Val­ley oder dem Blick­wech­sel zwi­schen sei­ner Schwes­ter Ang­ha­rad mit dem Pre­di­ger in der Kir­che mit Sen­ken und anschlies­sen­dem Heben des Blicks.

Die jähen, die idyl­li­sche Ruhe unter­bre­chen­den Akzen­te und Cha­rak­ter­wech­sel Beet­ho­vens kön­nen wir ent­de­cken in den plötz­li­chen Atta­cken von Gau­ner-Clans oder India­ner; den tän­ze­risch-noblen Esprit Beet­ho­vens fin­den wir in den zahl­rei­chen Para­den, Fei­ern, Mär­schen, Tän­zen usw. in den Fil­men Fords. Aber auch der der­be, etwas über­mü­ti­ge Witz Fords hat eine Ent­spre­chung: Beet­ho­ven über­nimmt den eben­so der­ben, fre­chen Humor Haydns in vie­len schnel­len Sät­zen, die mit kur­zen, kar­gen, abbre­chen­den Frag­men­ten spie­len. In bei­den Fäl­len stellt er einen Gegen­pol (oder: eine Über­stei­ge­rung /​Gro­tes­ki­sie­rung) des beschrie­be­nen noblen-fest­li­chen Cha­rak­ters dar.

Drums Along the Mowhawk spielt zur Zeit des ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­krie­ges, um 1780; also grob zur sel­ben Epo­che des frü­hen Beet­ho­vens. Die­ser Krieg ist nicht nur das (unsicht­bar-drän­gen­de) eigent­li­che Zen­trum des oben­ste­hen­den Bil­des; er dringt wie ein Nebel in jede Pore, Akti­on, Ges­te des Fil­mes; und bei Ford ist immer etwas spür­bar, eine mys­te­riö­se Kraft, die die Cha­rak­te­re und Land­schaf­ten heim­sucht, sie gleich­zei­tig in ihr Umfeld ein­bet­tet; der zwei­fel­haf­te Fort­schritt der Zivi­li­sa­ti­on, Krieg, Hass und Aus­gren­zung mit sich zie­hend (am exem­pla­rischs­ten viel­leicht in Fort Apa­che und The Sear­chers). Nicht umsonst kon­fron­tiert Ford fast immer sei­ne Figu­ren mit deren ver­gan­ge­nen Eben­bil­dern; davon zeu­gen die zahl­rei­chen ein­präg­sa­men Fried­hofs­sze­nen (etwa in Judge Priest, Young Mr. Lin­coln, My Dar­ling Cle­men­ti­ne, She Wore a Yel­low Rib­bon) oder ein­fach das Spre­chen zu ver­stor­be­nen Fami­li­en­mit­glie­dern (hier tref­fen sich wie­der opti­mis­ti­sche und bit­te­re Kom­po­nen­ten in der­sel­ben Geste).

Judge Priest

Auch für Beet­ho­ven ist die­ser dop­pel­deu­ti­ge Fort­schritt Antrieb sei­nes Werks; nach der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on zunächst feu­ri­ger Anhän­ger Napo­le­ons, es folgt Ernüch­te­rung, der Rück­zug der Wid­mung der Eroi­ca an Napo­le­on. Das Ein­bre­chen des Mys­ti­schen in die quir­lig-leb­haf­te Jetzt­zeit, die Heim­su­chung der Ver­gan­gen­heit, des «Fried­hofs», fin­den wir bei Beet­ho­ven aus­ser­ge­wöhn­lich oft als «Inter­mez­zo», als cho­ral­ar­ti­ge, homo­gen geführ­te Zwi­schen­spie­le in schnel­len Sät­zen; so etwa in oben erwähn­tem 1. Streich­trio (gegen Ende der Expo­si­ti­on des 1. Sat­zes; bei Minu­te 2:07):

«Ford’s cine­ma, as all gre­at cine­ma, is one of reac­tions», sagt Tag Gal­lag­her und bringt damit des­sen musi­ka­li­sches Ele­ment her­aus; und um auf eine zu Beginn gestell­te Fra­ge zur Form in der Musik zurück­zu­kom­men: Form ist die Art des musi­ka­li­schen Dar­stel­lens einer Ket­te von Reaktionen.

Rio Grande