Hou Hsiao-Hsien Retro: Dust in the Wind

Hou Hsiao-Hsi­en, das ist auch die Freu­de und das Lei­den am Bild. In Phan­tom Rides auf engen Glei­sen beginnt eine erneu­te Rei­se in die Ver­gan­gen­heit in „Dust in the Wind“. Zunächst kommt ganz lang­sam ein Licht aus einem Tun­nel auf uns zu. Wie so oft wird es ein Zug sein, der uns in die Geschich­te führt, eine Pas­sa­ge. Die Glei­se füh­ren durch dicht bewach­se­nes Natur­ge­biet, ein roman­ti­scher Ort, an dem man alles machen möch­te außer leben. Die­se Phan­tom Rides bei Hou Hsiao-Hsi­en haben etwas medi­ta­ti­ves, sie machen Zeit und Raum spür­bar, sie set­zen die Figu­ren in eine Umwelt, aus der sie nicht ent­kom­men kön­nen. Sie wer­den immer wei­ter fah­ren. Ähn­lich wie in „The Boys from Feng­ku­ei“ befin­den wir uns im Gra­dua­te-Alter des Prot­ago­nis­ten Wan, in einer Welt, die beginnt in der Tie­fen­schär­fe zu ent­frem­den und die somit aus der Distanz des Regis­seurs ein Lebens­ge­fühl der Figu­ren gewinnt. „Dust in the Wind“ ist der Ver­such einer Lie­be in jun­gen Jah­ren zwi­schen Wan und Huen. Die bei­den ste­hen manch­mal neben­ein­an­der im Zug und allei­ne durch ihre Blick­rich­tun­gen erzählt Hou Hsiao-Hsi­en vom Wech­sel­spiel aus Nähe und Distanz, von der Zärt­lich­keit und Schüch­tern­heit, dem Unaus­ge­spro­che­nen, dem Unver­ein­ba­ren. Immer wie­der wird er Figu­ren auf engen Raum durch ihre Posi­tio­nen zuein­an­der in Bezie­hung set­zen. Hin­ter­grund, Vor­der­grund, links, rechts, oben, unten, Offscreen…es gibt vie­le Varia­tio­nen. Bei­de kom­men aus einem länd­li­chen Berg­dorf, des­sen ver­wahr­los­te Schön­heit und hoff­nungs­lo­se Roman­tik Hou Hsiao-Hsi­en immer wie­der gekonnt in Sze­ne setzt. Bei­de zieht es nach­ein­an­der auf der Suche nach Aus­bil­dung und Arbeit nach Tai­peh. Der Zug ver­bin­det die­se bei­den Wel­ten und schnell wird aus dem sozi­al­geo­gra­phi­schen The­ma der Land­flucht ein phi­lo­so­phi­sches The­ma der Flucht, der Jugend, der Unschuld.

Dust in the Wind
Die engen Glei­se auf denen das Leben der Figu­ren ver­läuft, das Ein­ge­sperrt­sein im Ich ist jeder­zeit greif­bar. Der Lauf der Din­ge kennt kein Zusam­men­kom­men von Men­schen, son­dern letzt­lich nur die Tren­nung. Wan muss zum Mili­tär, Huen wird einen ande­ren Mann hei­ra­ten. Das sind kei­ne dra­ma­ti­schen Plot Twists, son­dern Gege­ben­hei­ten, die aus einer Natür­lich­keit ent­ste­hen, die sie erst so rich­tig grau­sam machen. Beson­de­res High­light im Film ist der feu­er­werks­schie­ßen­de Groß­va­ter von Wan, der von „The Pup­pet­mas­ter“ Li Tian-lu in einer Mischung aus Zärt­lich­keit und Aber­witz ver­kör­pert wird. Als sein Enkel die Fami­lie ver­lässt, um zum Mili­tär zu gehen, fei­ert er dies, indem er Feu­er­werks­kör­per in die Luft wirft als er ihn zum Zug bringt. Am Ende wer­den die bei­den wie­der ver­eint sein. Aber nicht ver­eint im Sinn von Glück, son­dern nur neben­ein­an­der, in der ewi­gen Pas­sa­ge zwi­schen Tun­nel und Licht, Kur­ve und Gera­de, hin und zurück, eben alt und jung, leben und ster­ben. Der Film bil­det den Abschluss der Coming of Age Tetra­lo­gie des Regis­seurs und basiert wie „A Sum­mer at Grandpa‘s“ auf der Bio­gra­fie der Dreh­buch­au­to­rin Chu Tien-Wen.

Der Gegen­satz von Stadt und Land bezie­hungs­wei­se alt und neu ist sehr prä­sent im Kino von Hou Hsiao-Hsi­en. In sei­nen frü­hen Fil­men wirkt die Stadt selbst in ihrer Prä­senz wie ein frem­des Dorf, Orte der Arbeit in nahen Ein­stel­lun­gen, die nie­mals die Bil­der-Kraft des Hori­zonts bekom­men kön­nen, son­dern immer nur das Unbe­kann­te aus­strah­len, eine Pas­sa­ge eben ins neue Leben. Gera­de die vier Coming of Age Fil­me ver­schwim­men bei einer der­art for­cier­ten Sich­tung wie sie das Öster­rei­chi­sche Film­mu­se­um der­zeit anbie­tet. Die Bil­der von sit­zen­den Vätern und schuf­ten­den Müt­tern, das Later­nen­licht vor einem Haus, die Möbel, das Licht, die Fel­der, der Wind, alles scheint einer Bewe­gung zu ent­sprin­gen und ent­wi­ckelt sich zu einem ange­neh­men und doch nach­denk­li­chen Staub, der auf mein Haupt nie­der­geht im Wind der Zeit bei Hou Hsiao-Hsi­en. Kein Wun­der, dass in «Dust in the Wind» das Kino selbst dem Wind aus­ge­setzt wird. Ein­mal hängt die pro­vi­so­ri­sche Lein­wand, die im Dorf errich­tet wird im Wind (bevor der Strom aus­fällt) und sonst ist es die Bezie­hung von Huen und Wan, die vor den Bil­dern des Kinos in Tai­peh, ja selbst hin­ter der Lein­wand lebt und stirbt.