Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Hou Hsiao-Hsien Retro: Flowers of Shanghai

In ele­gi­schen Schwenks um Tische und Gesprä­che, ein­ge­hüllt in ver­füh­re­ri­sches Gelb mit gol­de­nen und roten Lich­tern ent­fal­tet sich irgend­wo zwi­schen einem Micha­el Snow Film und einem Chris­to­pher Doyle Show­re­el, aber sicher­lich in unver­gleich­ba­rer Manier die­ses Por­trait roman­ti­sier­ter Abhän­gig­kei­ten. In vier soge­nann­ten „Flower Hou­ses“ in Shang­hai Ende des 19.Jahrhunderts (die Zeit ist hier eine Sache des Dekors, die Welt bleibt außer­halb der Flower Hou­ses) erzählt Hou Hsiao-Hsi­en vom Leben und den Pflich­ten der Edel­pro­sti­tu­ier­ten und deren Kun­den und beob­ach­tet die Män­ner beim Trin­ken, Opi­um-Rau­chen (viel) und Diskutieren.«Flowers of Shang­hai» ist ein fil­mi­scher Öllam­pen-Rei­gen als Rauschzustand.

In sei­nem ein­lei­ten­den Mono­log am ers­ten Tag der Retro­spek­ti­ve hat­te Alex­an­der Hor­wath die­sen Film expli­zit her­vor­ge­ho­ben und schon bei der ers­ten Auf­blen­de, die eine Art in Film gegos­se­nes Gemäl­de frei­legt, wird klar war­um. Schön­heit und for­mel­le Per­fek­ti­on sind hier nicht nur The­men des Films, son­dern spie­geln sich auch in sei­ner Form. Schon bald fin­det man sich selbst in einem Opi­um-Rausch. Dafür sor­gen die immer­zu schwe­ben­den Bil­der, die Tren­nung die­ser mit Schwarz­blen­den und ein trance­ar­ti­ger Score, der aus einem Béla Tarr Film stam­men könn­te. Hou Hsiao-Hsi­en wird die inne­ren Wel­ten, die­ser Bor­del­le, die eine Roman­tik ver­spre­chen, um sich dar­an zu klam­mern nicht ver­las­sen. Ein­mal pas­siert etwas drau­ßen, eine Raz­zia, aber die Kame­ra ver­harrt auf dem ent­kräf­te­ten Gesicht von Wang (Tony Leung Chiu-wai), der zwi­schen Opi­um­sucht und der Zer­ris­sen­heit zwi­schen Crims­on (Michi­ko Hada) und Jas­min (Vicky Wei) schwankt und jeder­zeit droht zu zer­bre­chen. „Flowers of Shang­hai“ ist sicher­lich kein Film, des­sen Inhalt man ver­ste­hen, ken­nen oder mit­be­kom­men muss, um die See­le des Films zu spü­ren. Es ist als wür­de einen die Kame­ra mit in eine ent­fern­te Welt neh­men, die mit ihrem ober­fläch­li­chen Prunk durch die stän­di­gen, lang­sa­men Wech­sel der Kame­ra­per­spek­ti­ve unge­ahn­te Tie­fen bekommt. Dabei agiert die Kame­ra fast als Tän­zer, als eigen­stän­di­ge Kraft, die ent­we­der den inne­ren Zustand, den hyp­no­ti­sier­ten Dri­ve der Frau­en und Män­ner in den Bor­del­len wie­der­gibt oder aber den auto­no­men Blick eines Regis­seurs. Die All­täg­lich­keit und Bei­läu­fig­keit in der sich vie­le der Tisch­sze­nen abspie­len, die Kon­sis­tenz der Dia­lo­ge und die tote Zeit spre­chend dafür, dass Hou Hsiao-Hsi­en hier als beob­ach­ten­der Gast tätig ist. Aller­dings sind die Bil­der so gefüllt mit Gesich­tern, Emo­tio­nen, Kos­tü­men, Gegen­stän­den und Licht, dass man sich nur schwer­lich als Beob­ach­ter fühlt, son­dern zumeist mit­ten in der Plas­ti­zi­tät der Sze­ne erwacht und sich wie­der dar­in ver­liert als wür­de man seit Stun­den auf einer Schau­kel­bank sit­zen und gestrei­chelt wer­den oder, um eine Erzäh­lung aus dem Film auf­zu­neh­men, als wür­den einem die Augen von sei­ner Gelieb­ten geleckt wer­den. Die Per­fek­ti­on in der hier der Rhyth­mus von Kame­ra­be­we­gung und Schnitt der inne­ren Bewe­gung der Sze­nen folgt, ist unan­tast­bar. Nuan­cier­te Varia­tio­nen in der Geschwin­dig­keit, ein plötz­li­ches Zwi­schen­bild, alles hat sei­nen fes­ten Platz, nichts wirkt über­flüs­sig und nichts fehlt.

Flowers of Shanghai

Ähn­lich wie „In the mood for love“ von Wong Kar-Wai ist „Flowers of Shang­hai“ auch ein Film, der sich im Off abspielt. Hou Hsiao-Hsi­en inter­es­siert sich haupt­säch­lich für die ver­trag­li­chen Ver­pflich­tun­gen und Abhän­gig­kei­ten, das Geld wenn man so will. Er erstickt (außer ein­mal als Wang die Innen­ein­rich­tung zer­legt und einem Selbst­mord-/Mord­ver­such von Jade) die emo­tio­na­len Regun­gen sei­ner Figu­ren, die sich fort­lau­fend zwi­schen den Zei­len und in den Augen sei­ner Star­schau­spie­le­rin­nen abspie­len. Beson­ders Michel­le Reis als Emer­ald ver­mag ihre Psy­cho­lo­gie in einen Aus­druck zu ver­lan­gen, der mehr sagt als tau­send Sze­nen. Das Off ist neben der Abwe­sen­heit von Euro­pä­ern in den Flower Hou­ses der Plot an sich, der so erzählt wird, dass er sich schein­bar am Ran­de oder jen­seits des Bil­des voll­zieht. Bei Hou Hsiao-Hsi­en war­ten weder Kame­ra noch Welt auf die Nar­ra­ti­on, sie wird ein­fach irgend­wo gesche­hen, man kann sie manch­mal an den Kör­pern able­sen, manch­mal an den Wör­tern, zumeist aber nicht im Moment des Gesche­hens, son­dern irgend­wann spä­ter, als kön­ne man gar nicht ver­ste­hen, als wür­de alles in die­ser Welt hin­ter einem Schlei­er der äuße­ren Dar­stel­lun­gen und Zwän­ge ver­bor­gen lie­gen. Im gel­ben Rot­licht ent­steht aber noch ein ande­res Off und zwar jenes, dass sich kon­ti­nu­ier­lich ent­wi­ckelt, ein Off, dass in jeder Sekun­de neu defi­niert wird durch die Bewe­gung der Kame­ra. „Flowers of Shang­hai“ pene­triert in die­sem Sin­ne die Lust am Sehen und sti­mu­liert sie dadurch. Das lang­sa­me um Gesich­ter Her­um­fah­ren, das etwa David Fin­cher in all sei­nen Fil­men prak­ti­ziert, gehört zum Auf­re­gends­ten, was ich im Kino ken­ne. Die Fra­ge danach, was sich im Gesicht äußert, wie das Gesicht aus­sieht, was dort pas­siert, ist die Fra­ge, die man sonst nur in der Lie­be oder in einem Angst­ver­hält­nis stellt. „Flowers of Shang­hai“ ist genau zwi­schen die­ser Lie­be und Angst.

Flowers of Shanghai2

Hou Hsiao-Hsi­en zeigt Men­schen, die sich in die­ser Umge­bung völ­lig unter­schied­lich beneh­men, die ent­we­der mit dem Dekors ver­schmel­zen oder aus ihm flüch­ten wol­len. Sei­ne Kame­ra und unser Blick ver­lie­ren sich mit Sicher­heit im Rausch, man merkt fast wie sich die Lein­wand erwärmt, der Opi­um­rauch aus den Laut­spre­chern dringt und man lei­se lie­bend stirbt. Irgend­wann gibt es wie­der eine Blen­de und ein beweg­tes Gemäl­de ent­steht vor unse­ren Augen, das letz­te Abend­mahl im Bor­dell. Die Pro­gram­mie­rung des Films hin­ter „A Sum­mer at Grandpa’s“ im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um ist ein klei­ner Genie­streich für sich, weil sich in der Här­te, in der die­se Fil­me auf­ein­an­der­pral­len gewis­ser­ma­ßen der Ver­lust einer fil­mi­schen Unschuld zwi­schen Stren­ge und Frei­heit, For­ma­lis­mus und Leben, Humor und Resi­gna­ti­on auf­ge­macht hat, der die bei­den Extrem­po­le von Hou Hsiao-Hsi­en zeigt und sie den­noch ver­bin­det, sei es in den Rah­mun­gen oder in der Aus­nah­me­si­tua­ti­on, in der sich sei­ne Figu­ren an Zwi­schen­or­ten bewe­gen, um anders zu leben als sonst, egal ob im Som­mer beim Groß­va­ter oder in einem Bor­dell. Am zwei­ten Tag der Retro­spek­ti­ve ist eine sol­che Pro­gram­mie­rung eine Initi­al­zün­dung in das Schaf­fen von Hou Hsiao-Hsien.