So viel Marmor auf einem Haufen imponiert: Notizen aus dem Altmühltal von Hans Rolf Strobel und Heinrich Tichawsky

Man liest viel dar­über, was es heißt, die Wirk­lich­keit zu pro­vo­zie­ren. Man dis­ku­tiert sehr viel dar­über, ob und wie Fil­me Men­schen wür­de­voll zei­gen. Man fragt sich, wel­che Stra­te­gien exis­tie­ren, um eine Gesell­schaft zu fil­men, mit der man nicht ein­ver­stan­den ist. Hans Rolf Stro­bel ist das, was wir heu­te einen Alt-Ober­hau­se­ner nen­nen könn­ten, ein Vor­rei­ter doku­men­ta­ri­scher For­men im deut­schen Kino und vor allem ein radi­ka­ler Pio­nier des poli­ti­schen Films. Er selbst bezeich­ne­te sich ein­mal als „Par­ti­san gegen den Film-Impe­ria­lis­mus“. Auch hat er 1951 die Film­zeit­schrift „Kor­re­spon­denz für Film­kunst“ gegrün­det, für die unter ande­rem Lot­te Eis­ner, Max Ophüls oder André Bazin schrie­ben. Mit Hein­rich Tichaw­sky arbei­te­te er an vie­len Fil­men zusam­men. Sowohl fürs Fern­se­hen als auch für das Kino. Alex­an­der Klu­ge nann­te die bei­den des­halb „amphi­bi­sche Filmemacher“.

Im Was­ser und am Land ist man für gemein­hin auch im Alt­mühl­tal. Dort, im baye­ri­schen Nie­mands­land eines betu­li­chen Geo­tour­sis­mus, ahnt man auch heu­te nichts von der zer­stör­ten Welt. Das macht die Regi­on für Vie­le attrak­tiv. Alles dort scheint sau­ber, rein, behü­tet und sanft. Welch ein Ver­ges­sen, wenn man den ankla­gend zyni­schen Noti­zen aus dem Alt­mühl­tal aus dem Jahr 1961 zu Gesicht bekommt. In die­sem bewusst gegen die Ten­denz zur roman­ti­schen Land­schafts­be­schrei­bung im deut­schen Film gedreh­ten Film, ent­steht das böse Bild einer Ver­drän­gungs­ge­sell­schaft und einer dörf­li­chen Rück­be­sin­nungs­lo­sig­keit. Sel­ten sieht man bis heu­te einen Film, der einen der­art angriffs­lus­ti­gen, ver­ächt­li­chen Ton an den Tag legt und eine gan­ze Regi­on vor­führt. Aber ist es wirk­lich ver­ächt­lich oder, wie der Film selbst behaup­tet, nur realistisch?

Den Fil­me­ma­chern kommt es ganz gele­gen, dass die Stadt Pap­pen­heim im Alt­mühl­tal liegt. Denn die Pap­pen­hei­mer aus Schil­lers Dra­ma „Wal­len­steins Tod“ pas­sen irgend­wie auch zur Fra­ge bezüg­lich des Umgangs mit den Men­schen, die der Film stellt. Denn im drit­ten Teil von Schil­lers Wal­len­stein-Tri­lo­gie drückt der Feld­herr mit der For­mu­lie­rung „Dar­an erkenn ich mei­ne Pap­pen­hei­mer“ sei­nen Respekt vor den Kürissern des Gra­fen von Pap­pen­heim aus. Wie­wohl heu­te die Redens­art frei­lich abwer­tend gebraucht wird. Es sind eben die Pap­pen­hei­mer, typisch für Deutsch­land, den Natio­nal­so­zia­lis­mus haben sie nie gekannt, ihr Ras­sis­mus ist all­täg­lich und roman­tisch ist das alles sowieso.

Man merkt, der bei­ßen­de Ton des Films greift leicht über, man lässt sich anste­cken von soviel Wut und Bit­ter­keit. Und auch wenn es zig­fach schwe­rer scheint einen zumin­dest the­ma­tisch ähn­li­chen Film wie Öden­wald­stet­ten (Peter Nest­ler, 1972) zu rea­li­sie­ren, einen Film, der die Men­schen respek­tiert und den­noch kri­tisch bleibt, so muss man doch sagen, dass das Aus­ein­an­der­glei­ten von Bild und Ton in Noti­zen aus dem Alt­mühl­tal äußerst durch­dacht und for­mal hin­rei­ßend ist. „Den Städ­ten und Dör­fern ist eines gemein. Sie haben eine gro­ße Ver­gan­gen­heit, eine klei­ne Gegen­wart und kei­ne Zukunft.“. Eine ganz ent­schei­den­de Fra­ge ent­zün­det sich an an die­sem Film. Sie hat mit dem zu tun, was wir vom Kino erwar­ten, was das Kino leis­ten soll. Sei­ner Zeit sorg­ten Stro­bel und Tichaw­sky für grö­ße­ren Auf­ruhr. Die Film­be­wer­tungs­stel­le ver­gab dem Film kein Prä­di­kat, es kam zu Pro­tes­ten für und gegen die Arbeit.

Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Wirk­lich­keit im Film hängt seit jeher an einer Aus­ein­an­der­set­zung mit den Modi, in dem Film der Wirk­lich­keit begeg­net. Jeder neue Ansatz, der sich als „rea­lis­tisch“ bezeich­net, hin­ter­fragt auch das, was vor­her als „rea­lis­tisch“ galt. Es geht um ein Mehr-Sehen, Ande­res-Sehen, Anders-Sehen. Eigent­lich zeigt das ja nur, dass das Kino immer einen Teil der Wirk­lich­keit ver­deckt. Noti­zen aus dem Alt­mühl­tal gibt das für sich selbst am Anfang ganz offen zu. Es gin­ge eben nicht um die schö­nen Seen und Bur­gen, die man sonst so sehe. Die­se umfas­sen­de, wirk­lich fai­re Bild gibt es viel­leicht nicht. Einen span­nen­den Ansatz dazu lie­fert Chris Mar­ker in sei­nem Lett­re de Sibé­rie als er ein und das sel­be Bild von sowje­ti­schen Stra­ßen­ar­bei­tern mit drei ver­schie­de­nen Voice-Overs unter­legt, die hin­ter­ein­an­der zum Bild zu hören sind. Es ent­steht jeweils ein neu­er Film, denn es gibt kei­nen Aus­weg, man wer­tet und legt eine Sen­si­bi­li­tät in jeden fil­mi­schen Ausdruck.

Doch selbst die­ser erstaun­li­che Moment lässt hun­dert ande­re Mög­lich­kei­ten aus. Die Wirk­lich­keit hat mehr Facet­ten als man fil­men kann. Aus die­sem Grund ermü­den zahl­rei­che Bild-Wie­der­ho­lun­gen bei Sport­events oder Ter­ror­an­schlä­gen mehr, als das sie neue Erkennt­nis­se ver­mit­teln. Letzt­lich geht es immer um einen Hun­ger nach einer noch unent­deck­ten Wahr­heit über das, was man sieht. Ein Bild ist in die­ser Hin­sicht nur dann bedeu­tend in sei­ner Rela­ti­on zur Wirk­lich­keit, wenn es etwas zeigt, was vor­her ver­bor­gen war. Es geht dabei nicht um inves­ti­ga­ti­ve Auf­de­ckun­gen, son­dern um ein sinn­lich-kri­ti­sches Gehalt an einem Mehr-Sehen, Ande­res-Sehen, Anders-Sehen.

In die­ser Hin­sicht über­läuft Noti­zen aus dem Alt­mühl­tal bei­na­he, weil der Film sich in sei­nem Ton gezwun­gen fühlt, andau­ernd zu kri­ti­sie­ren, was man nor­ma­ler­wei­se sieht. Ein erstaun­li­ches und wich­ti­ges Werk ist er trotz­dem, weil er auf­zeigt wie brav das Kino heu­te meist ist.