Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Fuocoammare von Gianfranco Rosi

A Spoonful of Sugar: Fuocoammare von Gianfranco Rosi

Im letz­ten Drit­tel von Gian­fran­co Rosis Fuo­co­amma­re wird in einer lan­gen Sequenz gezeigt, wie ein im Meer trei­ben­des Flücht­lings­boot eva­ku­iert wird. Die Kame­ra befin­det sich dabei zunächst auf einem der Bei­boo­te, das von den grö­ße­ren Schif­fen der ita­lie­ni­schen Küs­ten­wa­che zu Was­ser gelas­sen wur­de. Die ent­kräf­te­ten Men­schen wer­den von den Hel­fern aus dem über­füll­ten Boot gebor­gen und mit den Bei­boo­ten zum Schiff gebracht. Spä­ter sieht man, wie die Flücht­lin­ge medi­zi­nisch erst­ver­sorgt und amt­lich regis­triert wer­den. Nach end­lo­sem hin und her zwi­schen Flücht­lings­boot und Ret­tungs­schiff ist die Eva­ku­ie­rung abge­schlos­sen und nur mehr die Lei­chen jener, die die Tor­tur im sti­cki­gen Lade­raum nicht über­stan­den haben, sind zurück­ge­blie­ben. Dann ist die Zeit gekom­men und Rosi steigt mit sei­ner Kame­ra selbst in den Rumpf der schwim­men­den Todes­fal­le hin­ab. Für die­se Sequenz hat Rosi einen idea­len Dreh­tag aus­ge­sucht: das Boot in sei­ner gan­zen far­ben­fro­hen Pracht liegt bei Son­nen­schein auf stil­ler See, im Lade­raum wer­den die Lei­chen von gedimm­ten Licht ins ästhe­tisch rech­te Licht gerückt.

Es ist ver­mut­lich falsch, eine bestimm­te Insze­nie­rungs­wei­se all­zu schnell auf­grund ethi­scher Über­le­gun­gen zu kri­ti­sie­ren. Kri­tik in die­ser Form endet oft in reak­tio­nä­ren nor­ma­ti­ven Zuschrei­bun­gen, dar­über „was Kunst darf“ bzw. was sie nach Ansicht des Kri­ti­kers „nicht darf“. Im Fall von Fuo­co­amma­re ist es jedoch ange­bracht näher zu betrach­ten, wie sich der Anspruch von Welt­be­zug und die Ver­liebt­heit in die eige­nen Bil­der (man könn­te auch sagen der Ästhe­ti­zis­mus) zuein­an­der ver­hal­ten. Fuo­co­amma­re ent­stand als Ver­such einer Gegen­über­stel­lung vom Leben eini­ger Bewoh­ner Lam­pe­du­sas, deren Leben kaum von der huma­ni­tä­ren Tra­gö­die in ihrer unmit­tel­ba­ren Nähe beein­träch­tigt wird, und dem Schick­sal der Flücht­lin­ge, die Stun­den und Tage in Lebens­ge­fahr ver­bracht haben, um in ein Euro­pa zu gelan­gen, das nicht so recht weiß, wie es mit ihnen ver­fah­ren soll. In der Theo­rie scheint das ein inno­va­ti­ver Weg zu sein neue Per­spek­ti­ven auf die Welt zu gewin­nen, um bes­ser ver­ste­hen zu kön­nen, was die Flücht­lin­ge dazu bewegt unend­li­che Stra­pa­zen auf sich zu neh­men, im Wis­sen ihr Ziel womög­lich nie zu errei­chen, aber auch um Ein­blick zu bekom­men in die­ses wenig bekann­te Rand­ge­biet der Euro­päi­schen Uni­on, wo Idea­lis­mus und Büro­kra­tie einen uner­bitt­li­chen Zwei­kampf aus­tra­gen. Lei­der bleibt der Film ein gro­ßes Ver­spre­chen, das nie ein­ge­löst wird und das liegt zum größ­ten Teil dar­an, dass Rosi augen­schein­lich kein Inter­es­se an der Welt hat, son­dern nar­ziss­tisch an sei­nen Bil­dern hängt. Die­se Dia­gno­se trifft glei­cher­ma­ßen auf bei­de Erzähl­ebe­nen zu.

Fuocoammare von Gianfranco Rosi

Gleich zu Beginn des Films wird der neun­jäh­ri­ge Samue­le ein­ge­führt, wie er sich eine Stein­schleu­der bas­telt. Er ist die zen­tra­le Figur des Films, ein durch­schnitt­li­cher, auf­ge­weck­ter und leicht exzen­tri­scher Jun­ge. Die Kame­ra folgt ihm als er mit sei­ner Schleu­der Jagd auf Vögel macht, Kak­teen zu Ziel­schei­ben zurecht­schnitzt und sei­nen Vater beim Fischen beglei­tet. Als Erwach­se­ner möch­te Samue­le selbst ein­mal zu See fah­ren, wes­halb er im Hafen das Rudern übt. Auf einer sei­ner Übungs­fahr­ten mit dem Ruder­boot wird er von Rosis Kame­ra beglei­tet. Unter Auf­sicht eines älte­ren Schul­kol­le­gen zeigt er sich zwar bemüht, stellt sich aber nicht all­zu geschickt mit dem Ruder an. Es folgt ein har­ter Cut und man sieht Samue­le, wie er zwi­schen zwei der Schif­fe der ita­lie­ni­schen Küs­ten­wa­che gelangt ist, die tag­täg­lich auf der Suche nach Flücht­lings­boo­ten das Meer um Lam­pe­du­sa durch­kreu­zen und hier im Hafen vor Anker lie­gen. Mit­hil­fe des Freun­des kann er sich aus sei­ner miss­li­chen Lage befrei­en, doch es bleibt unklar, wie er über­haupt in die Nähe die­ser Schif­fe gelan­gen konn­te, um so pla­ka­tiv das Ver­hält­nis von Zivil­be­völ­ke­rung und Flücht­lings­hil­fe, von Land und Meer zu ver­an­schau­li­chen. Der doku­men­ta­ri­sche Rea­li­täts­ein­druck, der vom Film ange­strebt wird, um ein Gefühl der Unmit­tel­bar­keit zu erzeu­gen, wird wie­der­holt durch sol­che grob­schläch­tig insze­nier­ten Ein­schü­be unter­bro­chen. Ein ande­res Mal zeigt der Film einen Har­pu­nen­fi­scher, der eine Steil­küs­te über­win­den muss, um zum Meer zu gelan­gen. Die Kame­ra ist ihm dabei immer schon vor­aus (selbst als er ins Was­ser ein­taucht), der Tau­cher folgt qua­si den Bedürf­nis­sen der mise-en-scè­ne, die Welt ord­net sich dem Bild unter. Es scheint, als traue Rosi der Welt nicht zu für sich selbst zu spre­chen (oder er miss­traut sei­nen eige­nen Fähig­kei­ten als Beob­ach­ter), wes­halb er sich genö­tigt fühlt, immer­zu Poin­tie­run­gen ein­zu­fü­gen, um sei­nen Punkt klar zu machen. Das Poten­zi­al „doku­men­ta­ri­scher Unmit­tel­bar­keit“ Raum für Ambi­va­len­zen offen zu las­sen und die Deu­tungs­ho­heit an den Zuschau­er abzu­ge­ben wird durch sol­che Poin­tie­run­gen frei­lich zunich­te­ge­macht, das bild­ge­stal­te­ri­sche Stre­ben nach unmit­tel­ba­rer Welt­erfah­rung ent­puppt sich als lee­re Geste.

Fuocoammare von Gianfranco Rosi

Mit der Insze­nie­rung der Flücht­lin­ge ver­hält es sich nicht anders. Wie schon Mary Pop­pins wuss­te, hilft ein Löf­fel Zucker, um bit­te­re Medi­zin zu schlu­cken, fol­ge­rich­tig wird jeder Ein­bruch der Rea­li­tät, jeder Ham­mer­schlag des Schick­sals durch Ästhe­ti­sie­rung abge­schwächt: im über­füll­ten Flücht­lings­la­ger wird Fuß­ball gespielt und gesun­gen, das im Meer trei­ben­de Flücht­lings­boot schil­lert in präch­ti­gen Far­ben, die Lei­chen wer­den in sam­te­nes Däm­mer­licht gehüllt. Die unend­li­che Unge­rech­tig­keit, das unfass­ba­re Elend die­ser Men­schen geht in die­ser Weich­zeich­nung eben­so ver­lo­ren wie die unbän­di­ge Macht des Rea­len – alles wirkt statt­des­sen „wie im Film“. Fuo­co­amma­re for­mu­liert den Anspruch „die Welt zu zei­gen“, indem er bewusst den All­tag von Bewoh­nern Lam­pe­du­sas und den All­tag der Flücht­lin­ge, wenn man ihn so nen­nen kann, gegen­über­stellt. Der Film möch­te durch die­se Kon­fron­ta­ti­on eine emo­tio­na­le Reak­ti­on her­vor­ru­fen und setzt dabei auf Mit­tel der Foka­li­sie­rung und Nar­ra­ti­vi­sie­rung, die schluss­end­lich die Bil­der und deren Welt­be­zug ersti­cken: wo ist der Unter­schied zwi­schen der Ber­gung des Flücht­lings­boots wie Rosi sie insze­niert und einer ähn­li­chen Sze­ne in einem Spiel­film? Jede Form von Unmit­tel­bar­keit wird hier durch insze­na­to­ri­sche Kunst­grif­fe abge­schwächt, die Far­ben, das Licht, die Kadrie­rung, der Schnitt­rhyth­mus zwi­schen Sze­nen aus dem Bei­boot und Sze­nen der Erst­ver­sor­gung auf dem gro­ßen Schiff – das alles sind bewuss­te Ent­schei­dun­gen, um das Mate­ri­al in for­mel­haf­te Scha­blo­nen zu pres­sen und an medi­al ein­ge­üb­te Mus­ter anzu­schlie­ßen. Das soll nicht hei­ßen, dass Fik­tio­na­li­sie­rung, Foka­li­sie­rung und Nar­ra­ti­vi­sie­rung in einem Film mit doku­men­ta­ri­schem Anspruch kei­nen Platz haben (ganz im Gegen­teil), die Fra­ge ist nur auf wel­che Art und Wei­se man die­se Mit­tel ein­setzt. Bevor die Kino­vor­füh­rung los­ging habe ich Ein­bahn­stra­ße von Wal­ter Ben­ja­min gele­sen. Ben­ja­min ist ein meis­ter­haf­ter Beob­ach­ter, der im Stan­de ist sei­ne Beob­ach­tun­gen in poe­ti­schen Alle­go­rien und Meta­phern aus­zu­drü­cken, in Ein­bahn­stra­ße oder auch in sei­nen Städ­te­bil­dern wird das beson­ders deut­lich. Die­se Trans­fer­leis­tung gelingt Fuo­co­amma­re nicht, der Film for­mu­liert sei­ne politische/​humanistische/​künstlerische Bot­schaft nicht aus dem Mate­ri­al her­aus, son­dern zwingt sie ihm auf, die Beob­ach­tung dient nur mehr als Mit­tel zum Zweck (mit grö­ße­rem Bud­get könn­te sie durch sorg­sam orches­trier­te Sets, Kos­tü­me und Sta­tis­ten ersetzt wer­den). Es ist also sym­pto­ma­tisch, dass ein Film wie Fuo­co­amma­re den Haupt­preis eines Fes­ti­vals (der Ber­li­na­le) gewinnt, dass nicht ver­stan­den hat, dass das (poli­ti­sche) Poten­zi­al von Film nicht dar­in liegt eine Idee fil­misch zu illus­trie­ren, son­dern viel­mehr dar­in fil­misch eine (poli­ti­sche) Posi­ti­on zu formulieren.