Jason Statham macht zwei Dinge in Mutiny von Jean-François Richet: Er schaut und er handelt. Schauen: Eine Nahaufnahme auf seine Augen. Die Umgebung wird überprüft. Identifikation wird geschaffen. Sobald er genug gesehen hat, handelt er. Handeln heißt in erster Linie kämpfen und telefonieren. Um die Telefonate geht es nicht im Film. Sie fallen trotzdem auf. Die Handys werden benutzt, als wäre es 2006. Niemand schreibt sich eine Nachricht. Es geht darum, die nötigsten Informationen zu platzieren, um sich dann, ohne viel Umschweife, Stathams Kampfeslust zu widmen. Statham, er ist der Film. Der Film war bereits ein Statham-Film, bevor er finanziert wurde. Ohne Statham kein Film. Mit ihm allerdings auch nicht.
Statham rennt, er klettert, er schlägt zu, er springt, er rollt, er schießt. In den schönsten Szenen schaut und handelt er zugleich, vor allem, wenn er mit gezückter Waffe durch Gänge schleicht. Das sind die Höhepunkte dieses Kinos, die bloße Bewegung in seitlichen Kamerafahrten, der Körper des Darstellers in Erwartung, die Handlung für Sekunden wie ausgesetzt, um einfach nur zu schauen und zu handeln. Die Umgebung, großteils ein Containerfrachter auf hoher See, wird zum Potenzial möglicher Auseinandersetzungen, es gibt sogar Schatten ab und an (man sieht sie nicht mehr oft im Kino) und eine gewisse Lust am Ausreizen der räumlich begrenzten Location.
Richet ist ganz der schnörkellose Handwerker. Manchmal findet er die angenehme Effektivität, die das Actiongenre braucht. Schnitt und Kamera dienen der Inszenierung von Bewegung und Körperlichkeit. Spannung entsteht durch Übersicht oder fehlende Übersicht. Selbst mit der Musik hält sich der Filmemacher zurück (was heute bedeutet, dass sie nur in jeder zweiten Szene wabert). Der Film ist überdies sehr langweilig. Er erfüllt alle Erwartungen. Man kann ihn sofort wieder vergessen. Der Charme der Massenware. Das Kino und seine Sehnsucht nach dem Immergleichen. Vielleicht ist das ja sein eigentlicher Wert. Man kehrt zu ihm zurück, als wäre man zuhause. Statham ist da. Er spielt nicht wirklich eine Rolle. Statham ist in einem Statham-Film. Wenn man sieht, wie er schaut, dann wartet man nur darauf, dass er handelt. Man weiß, dass er handeln wird. Es gäbe den Film nicht, würde Statham nicht handeln.
Ist dieser Statham ein Filmstar dieser Zeit, von der wir schon lange aufgehört haben zu glauben, dass sie unsere wäre? Eigentlich nicht. Gegen den Trend taucht er immer wieder in Produktionen auf, die nicht das höchste Budget haben. Er ist darin der einzige Star und die Filme machen dennoch Gewinn. Eine zeitlang hat Liam Neeson eine ähnliche Marke geschaffen. Vergleichbar ist vielleicht auch Mark Wahlberg. Aber um die kapitalistischen Gesichtspunkte sollen sich andere kümmern. Es fällt auf, dass Statham keinen wirklichen Ausdruck hat. Er sieht durchgehend aus wie ein reicher Mann, der so tut, als wäre er einer von der Straße. Am Anfang bekommt er eine Rolex geschenkt. Keine der glitzert, wird gesagt, sondern eine bescheidene, einfache Rolex. Ironie gibt es nicht in diesem Film. Es gibt auch keine wirkliche Meuterei übrigens, aber das ist ein anderes Thema. Statham ist etabliert. Er muss sich nicht mehr vorstellen. Er ist ein Produkt. Das macht die Dinge einfacher. Wenn Statham schaut, wissen wir, dass er es ist. Wir warten darauf, dass er handelt.
Zum Film ist sonst nur wenig zu sagen. Vielleicht das: Endlich ist die Welt wieder einfach. Die Guten schauen liebevoll auf Fotos ihrer Familie, die Bösen nicht. «He’s involved. He’s gonna pay», sagt der Held des Films. Viel mehr sagt er nicht. Er schaut nur und handelt. Die fehlende Eloquenz bringt Statham in die Gefilde missverstandener oder sich missverstanden fühlender Männer, vielleicht eine der gefährlichsten Gattungen des Planeten. Ein Glück für ihn, dass es eine Frau gibt, die ihn versteht. Er muss sie auch retten. Aber nicht nur sie. Alle muss er retten. Man könnte sagen, dass der Film in Sachen Geschlechterrollen eher konservativen Werten frönt. Gerechtigkeit ist ohnehin ein schwieriger Begriff. Die Zusammenhänge sind komplex. Ein Held, der alle über den Haufen schießt, die illegale Geschäfte treiben, könnte auch eigene Probleme haben. Mutiny sieht das anders. Das ist legitim. Aber während beispielsweise im Literaturbetrieb dieser Tage mehr Testosteron gefordert wird, kennt das Kino derlei «Probleme» sowieso nicht. Die Figuren ziehen in ihren Körpern steckende Messer aus dem Fleisch wie andere Männer im trauten Heim die Einweggläser öffnen. Die Befriedigung der Kraft, des Überkommens von Schmerzen und dieser seltsam stolze Blick dazu. Schaut her, wie stark ich bin. Dazu Blutspritzer auf der Kamera. Das filmische Verfahren zielt auf körperliche Involviertheit, so viel ist klar. Statham ist dann am beeindruckendsten, wenn er wie ein Raubtier in einem Käfig gezeigt wird. Er schnauft und ächzt und wuchtet sich voran. Ohnehin sollte man die Actiondarsteller an ihrem Schnaufen bewerten. Die Fähigkeit, Grimassen zu ziehen, aber das Gesicht zu wahren.
Untersichtige Bilder des Mannes mit zusammengepressten Backen in engen Schächten, die Anstrengung übersetzt sich in ein ganz eigenes Gemisch aus Wucht und Schwere, was mehr am Ton als am Bild hängt. Metallene Geräusche dominieren, jedem Objekt (die meisten dienen früher oder später der Tötung von Feinden) wird eine gewisse Schwere oder Rauheit gegeben, wobei es nur um den Effekt geht, denn letztlich gibt es nichts, was nicht doch gehoben oder geworfen werden könnte. Man muss bewundern, wie ein Mann es geschafft hat, Millionen zu verdienen, weil er überzeugend vorspielen kann, dass die Dinge schwer sind, die er hochhebt. Es geht eigentlich nur darum, die Kraft des Helden als Spektakel zu inszenieren.
Dabei hat Statham nichts vom locker flockigen Instagramgrauen der Fitnessinfluencer. Sein Gesicht sieht aus, als wäre das alles nicht gesund. Er zieht sich nicht aus. Man sieht seine Muskeln nicht. Es wird nicht gezeigt, wie er sich fit hält. Er sieht nichtmal fit aus. Aber er kann sich an über dem Ozean schwebenden Gittern festhalten und eine Axt durch die Luft schleudern. Er lächelt nur einmal und dann wirkt es, als würde er aus der Rolle fallen. Ein bisschen ist es so, als wäre dieser Statham gar nicht da. Als würde er so inszeniert werden, dass wir denken, dass wir das alles gerade selbst regeln. Nichts an ihm stört. Er denkt nicht nach, er schaut nur und handelt. Irgendwann wird eine Art Biografie aus einem Geheimdienstfile vorgelesen. Ein schwieriges Leben hatte er, ja. Die vermittelte Härte wird mit dem Klischee des weichen Kerns konterkariert. Der unverhohlene und unbeholfene Kitsch mit dem die Gefühle in diesen Film gezwungen werden, irritiert. Eine fliegende Möwe im Himmelsblau. Ein plötzlicher Gefühlsausbruch in der Kajüte.
Mutiny ist ein Film gegen das, was manche als Zeitgeist wahrnehmen, irgendwo zwischen einer Demo rechtspopulistischer Parteien und der linken Nostalgie nach besseren Tagen. Aber so politisch ist der Film nicht, keine Sorge. Flüchtende Menschen werden von bösen Menschenhandelsorganisationen verkauft, das Militär hilft den bedrohten Menschen bedingungslos und mit großer Fürsorge (wahrscheinlich durfte man deshalb auf ihren Booten drehen). Man kann nur hoffen, dass das niemand mit der Wirklichkeit verwechselt. Es gibt ja ohnehin Statham. Dank ihm kann man sich das alles anschauen, ohne handeln zu müssen. Man könnte es sich aber auch nicht anschauen. Das ist womöglich das schönste an solchen Filmen. Man kann sie anschauen oder nicht. Es spielt keine Rolle.

