Betrachtungen zu Thiem versus Zverev, 13. September 2020

Eigent­lich hat­te ich mir vor­ge­nom­men, dem Stell­dich­ein zwi­schen dem nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Wer­be­ge­sicht der Bank Aus­tria und dem ober­kör­per­frei durch die Coro­na­zeit tan­zen­den „Sascha“ Zverev nicht bei­zu­woh­nen, eine inne­re kör­per­li­che Unru­he beweg­te mich jedoch dazu, mich nachts nicht vom Bild­schirm fort­zu­be­we­gen, um die­se, so wur­de mir vom zwi­schen auf­rech­ter Lie­be zum Sport und bei­na­he schon par­odis­ti­scher, wenn auch preis­ge­krön­ter Schlau­meie­rei („ein Grand-Slam-Fina­le ist kein Spiel wie jedes ande­re.“) wech­seln­dem Kom­men­ta­to­ren­duo Mat­thi­as Stach und Boris Becker ver­mit­telt, magi­sche Nacht deut­scher (und öster­rei­chi­scher) Sport­ge­schich­te zu erleben.

Das Set­ting frei­lich hät­te trau­ri­ger nicht sein kön­nen. In einer in den 1930er Jah­ren tro­cken­ge­leg­ten Sumpf­land­schaft fan­den sich in einem häss­li­chen, wenn auch beein­dru­cken­den Kon­strukt aus Metal und Wer­be­ban­nern, das man für 254 Mil­lio­nen US Dol­lar errich­te­te, eini­ge recht steif im Abend­licht ste­hen­den Gestal­ten mit Mas­ken ein, um ein­mal mehr die heroi­schen Qua­li­tä­ten jener, die Filz­bäl­le mit einem Schlä­ger durch die Luft flie­gen las­sen, zu über­prü­fen. Erst kürz­lich war eine mas­ken­tra­gen­de Frau bei einem ähn­li­chen Anlass von einem sol­chen Filz­ball getrof­fen wor­den, was ein­mal mehr die Gefahr die­ser Arbeit unter­strich und zum Aus­schluss des desi­gnier­ten Gewin­ners des Tur­niers (ein Mann, der noch bes­ser tan­zen kann als Sascha) führ­te, was erst das Fina­le zwi­schen den bei­den in sol­chen Ange­le­gen­hei­ten durch­aus grü­nen Män­ner ermöglichte.

Die Schieds­rich­te­rin saß bereit, ich mei­ne etwas ner­vös, ob der Trag­wei­te, die hin­ter der eigent­li­chen Lee­re des Ortes ver­mu­tet wer­den konn­te und Becker, der sich unlängst in typi­scher Manier über die Schön­heit einer ihrer Kol­le­gin­nen erfreu­te, beton­te gleich eines geschol­te­nen Buben, das es doch toll sei wie sehr sich der Ten­nis­sport für die Gleich­be­rech­ti­gung ein­set­ze. Aus der Anla­ge dröhn­te trotz feh­len­der Zuhö­rer der glei­che ohren­be­täu­ben­de Lärm, der die­ses Tur­nier seit Jah­ren zum ein­zi­gen macht, bei dem man froh ist, wenn die über­tra­gen­den TV-Sen­der bei den Sei­ten­wech­seln in eine Wer­bung schal­ten. Einem gro­ßen Ten­nis­abend stand nichts mehr im Weg.

Zu den Prot­ago­nis­ten muss gesagt wer­den, dass ihre Bezie­hung eher anti­kli­ma­tisch auf die poten­zi­ell dra­ma­ti­schen Kon­flik­te eines Nach­bar­schafts­du­ells wir­ken. Domi und Sascha mögen sich, ja sie sind Freun­de und Stach, des­sen Auf­ge­regt­heit die Qua­li­tät der ers­ten bei­den Sät­ze bei Wei­tem über­traf, hat­te wie so oft eini­ge Geschich­ten parat über die­se Freund­schaft, das Leben und die Fami­li­en, denen sowie­so Haupt­rol­len zuka­men, da sich sowohl der über­tra­gen­de Sen­der als auch das aus­tra­gen­de Tur­nier dazu ent­schie­den, die Brü­der und Eltern per Inter­view­fra­gen und Video­schal­tun­gen zum The­ma zu machen; emo­tio­nal und trä­nen­reich im Fall von Zverev, etwas toll­pat­schig, aber doch nett im Fall von Thiem. Die Hel­den sind eben nichts mehr heu­te, ohne all das, was man sonst noch über sie wis­sen kann.

Das Ten­nis­spiel war aller­dings auch kein Spiel wie jedes ande­re, es war ein Grand-Slam-Fina­le und Domi und Sascha bemüh­ten sich sehr dar­um, es nicht zu gewin­nen. Nach einem Jahr­zehnt der Domi­nanz eines Mana­gers der Adria-Tour, eines exzel­len­ten Trä­gers von Rolex-Uhren und eines grund­sym­pa­thi­schen Pati­en­ten von Dok­tor Fuen­tes in Madrid hat­ten also zwei neue Gesich­ter die Chan­ce, Geschich­te zu schrei­ben. Wie Becker ver­si­cher­te: Der Gene­ra­ti­ons­wech­sel ist schon in vol­lem Gan­ge. Aber zuerst woll­te Thiem, der auf­grund sei­ner Leis­tun­gen und der grö­ße­ren Erfah­rung in Finals leicht favo­ri­siert war, nicht mit­spie­len. In den ers­ten bei­den Sät­zen hielt er sich mit­un­ter so weit hin­ter der Grund­li­nie auf, dass man ihn, wenn er eine Mas­ke auf­ge­zo­gen hät­te, für einen Lini­en­rich­ter hät­te hal­ten kön­nen, den Becker womög­lich hübsch gefun­den hät­te, auch wenn der Öster­rei­cher mit sei­nen Fri­sur­ex­pe­ri­men­ten haus­hoch gegen Zverev mit sei­ner Sur­fe­rat­ti­tü­de, der bau­meln­den Ket­te und dem nach jedem Ball­wech­sel ent­blöß­ten Six­pack ver­lie­ren würde.

Als Thiem dann begann mit­zu­spie­len, war Zverev schon kurz vor dem Ziel. Aber der Ten­nis­sport und ein sol­ches Grand-Slam-Fina­le, das kein Spiel wie jedes ande­re sein konn­te, wirk­ten mit ihren psy­cho­lo­gi­schen oder uner­klär­li­chen Ent­wick­lun­gen der­art auf die Kon­tra­hen­ten ein, das nun alles kipp­te und Thiem dem wacker kämp­fen­den und erstaun­lich ent­spannt spie­len­den Zverev die Bäl­le nur so um die Ohren schoß. Es ent­wi­ckel­te sich ein Duell auf höhe­rem Niveau als man zunächst befürch­ten muss­te, was gut war, denn schließ­lich, so ver­laut­bar­te Becker, sahen wir die Zukunft. Nun ver­hält es sich mit der Zukunft aber so wie mit allem, was man zu äußerst spä­ter Stun­de sieht (es war weit nach Mit­ter­nacht auf­grund der Zeit­ver­schie­bung zu New York): man sieht sie nicht mehr rich­tig. Mei­ne eige­ne Müdig­keit schien sich mit jener der Spie­ler zu ver­bin­den, denn mit jeder Chan­ce, das Spiel zu been­den, ver­lie­ßen den jeweils Füh­ren­den die Kräf­te. Bei­na­he glaub­te ich, einem Mär­chen zu fol­gen, indem ein Fluch immer auf den fällt, der dem Tri­umph am nächs­ten ist. Nur ein sehr schlau­er Rit­ter wür­de mit einer Lösung für das Pro­blem auf­tau­chen, zum Bei­spiel indem er wie in man­chem Kar­ten­spiel bis zur letz­ten Sekun­de war­tet, um sei­nen Kon­kur­ren­ten auszustechen.

Im Tie-Break setz­ten die bei­den die­sen wogen­den Ver­mei­dungs­re­fle­xen dann die Kro­ne auf. Thiem wur­de mit einem Mal von Krämp­fen und Schmer­zen heim­ge­sucht, er schlepp­te sei­nen Kör­per nur noch zu den Ball­wech­seln wäh­rend Zverevs Auf­schlä­ge lang­sa­mer und lang­sa­mer wur­den, sodass man Angst haben muss­te, dass ein über der Sumpf­land­schaft flie­gen­des Moor­huhn mit einem Flü­gel­schlag die Rich­tung des Bal­les ent­schei­dend ver­än­dern wür­de kön­nen. Am liebs­ten, so wirk­te es, hät­te die bei­den Freun­de sich auf ein Unent­schie­den geei­nigt und viel­leicht doch noch­mal, der Tra­di­ti­on wegen Fede­rer, Nadal oder Djo­ko­vic zum Sie­ger erklärt, aber, wie Becker ver­si­cher­te, gäbe es im Ten­nis kein Unent­schie­den und wie so oft soll­te er mit die­ser bril­lan­ten Fest­stel­lung Recht behalten.

Eini­ge applau­dier­ten als Thiem erschöpft und lachend zusam­men­brach wäh­rend Zverev sei­nem Freund mit einer ver­bo­te­nen Umar­mung gra­tu­lier­te. Die Bank Aus­tria freu­te sich sehr auf Twit­ter und Zverev, so ver­si­chert man uns, gehört sowie­so die Zukunft.