Corneliu Porumboiu: Regisseur, Drehbuchautor

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Hier mein Inter­view mit Por­um­boiu 2013

Hier mei­ne kur­ze Bespre­chung zu Când se lasa seara peste Bucu­res­ti sau metabolism

Cor­ne­liu Por­um­boiu hat bis­lang zwei Lang­fil­me gedreht. In bei­den zeich­net er sich für Dreh­buch und Regie ver­ant­wort­lich, aller­dings ist sein ers­ter Film, „A fost sau n‑a fost?“, das Werk eines Dreh­buch­au­tors, wäh­rend sei­ner zwei­ter Lang­film, Poliţist, Adjec­tiv“ sei­ne Bril­lanz aus der Regie­leis­tung zieht. Sozu­sa­gen als Brü­cke zwi­schen den Fil­men gibt eine lan­ge TV-Sen­dungs­se­quenz in  „A fost sau n‑a fost?“, die bei­de Tätig­kei­ten von Por­um­boiu zusam­men­führt, die mit Prä­zi­si­on zeigt, was pas­siert, wenn die rich­ti­gen for­ma­len Ent­schei­dun­gen zu den rich­ti­gen Wör­tern getrof­fen wer­den. In die­ser Fern­seh­sen­dung wird die Fra­ge behan­delt, ob es in dem klei­nen Ort, in dem die Geschich­te spielt, vor vie­len Jah­ren 1989 eine Revo­lu­ti­on gab oder nicht. Gin­gen die Men­schen auf die Stra­ße bevor im Fern­se­hen der Macht­ver­lust von Nico­lae Ceaușes­cu bekannt wur­de oder haben sie sich erst danach auf die Stra­ße getraut? In einer lai­en­haf­ten TV-Sen­dung möch­te ein Jour­na­list mit Hil­fe eines Alko­ho­li­ker-Leh­rers, eines alten, häu­fig den Weih­nachts­mann im Ort spie­len­den Man­nes, den kei­ner ernst nimmt, und zahl­rei­cher Anru­fer die­se Fra­ge am Jah­res­tag der Revo­lu­ti­on beant­wor­ten. Eines der vie­len Pro­ble­me der Sen­dung ist auch die feh­len­de Qua­li­tät des Kame­ra­sta­tivs, die es dem jun­gen Kame­ra­mann nicht erlaubt schnel­le und ruck­el­freie Bewe­gun­gen aus­zu­füh­ren. Hier voll­zieht sich in Inhalt und Form eine Des­il­lu­sio­nie­rung, eine feh­len­den Wer­tig­keit, eine Nicht-Rele­vanz. Erschre­ckend ist, dass dabei so viel Wahr­heit durch­zu­schim­mern scheint. Ober­fläch­lich betrach­tet ist die Sze­ne als Komö­die geschrie­ben. Zu über­zeich­net wir­ken die Cha­rak­te­re und ihre Hand­lun­gen. So wer­den aus den Notiz­zet­teln auf dem Dis­kus­si­ons­tisch Figu­ren gefal­tet oder sie wer­den unter extre­mem Rascheln aus­ein­an­der­ge­ris­sen.   

Doch in der absurd-komi­schen Nicht-Geschichts­auf­ar­bei­tung eines Ortes, der Revo­lu­ti­on nur unter Alko­hol­ein­fluss zu ken­nen scheint, lie­gen erschre­cken­de Tie­fen. Die Kame­ra­be­we­gun­gen, die wackeln oder manch­mal erst nach Auf­ruf des Jour­na­lis­ten gesche­hen, erzäh­len von feh­len­dem Kön­nen und Des­in­ter­es­se auf der einen Sei­te, doch auf der ande­ren Sei­te offen­ba­ren sie Wahr­hei­ten und sind für den Film selbst weit­aus effek­ti­ver, als für die TV-Sen­dung im Film. Zum Bei­spiel ver­lässt der Leh­rer in der Wer­be­pau­se die Sen­dung im Streit. Der Mode­ra­tor ruft ihm noch hin­ter­her, dass ihm nie­mand glau­ben wer­de, wenn er jetzt gehen wür­de. Dann beginnt die Sen­dung wie­der und der Blick der Film­ka­me­ra ist wie­der der Blick der TV-Kame­ra. Der Mode­ra­tor lei­tet ein und zwar in einer Nah­auf­nah­me, die uns ermög­licht sei­nen inne­ren Kampf zwi­schen alles hin­schmei­ßen und wei­ter­ma­chen nach­zu­voll­zie­hen, bevor er belei­digt dar­um bit­tet eine tota­le­re Ein­stel­lung zu bekom­men. Die Kame­ra zieht auf und wir erken­nen, dass rechts von ihm wie­der der Leh­rer sitzt. Das ist mit for­mel­len Mit­teln ein Dreh­buch schrei­ben! Die Ein­stel­lun­gen sind lang und in ihrer Län­ge voll­zie­hen sich erst die Lücken in den Dia­lo­gen, voll­zie­hen sich auch die Lücken in einer ver­dräng­ten Geschich­te. Es sind die klei­nen Din­ge, die der Sequenz ihre Authen­ti­zi­tät ver­lei­hen, obwohl sie eben durch­aus über­zeich­net ist. So wie­der­holt der Jour­na­list die Tele­fon­num­mer immer zwei­mal, wün­schen vie­le Anru­fer fro­he Fei­er­ta­ge, was mit eini­ger Ver­zö­ge­rung von den drei Män­nern immer erwi­dert wird; Das sind Dia­lo­ge, die völ­lig in der Rea­li­tät ver­an­kert sind. Kei­ner scheint den alten Mann ernst zu neh­men, aber der Film lässt die Mög­lich­keit offen, dass er sehr wei­se Din­ge sagt. Nur kei­ner will den alten Mann mehr hören. Kei­ner will das The­ma mehr hören. Por­um­boiu reflek­tiert sein eige­nes The­ma schon im Film. Selbst in der Sen­dung, die sich mit dem poli­tisch signi­fi­kan­ten Ereig­nis für die Geschich­te des Lan­des befasst, schei­nen die Knall­kör­per, die ein chi­ne­si­scher Händ­ler an Kin­der ver­kauft wich­ti­ger zu sein. „Ich bie­te das an, was ver­langt wird.“, sagt der Chi­ne­se und macht damit Wel­ten der fil­mi­schen Selbst­re­fle­xi­on des Neu­en Rumä­ni­schen Kinos auf. Por­um­boui macht kaum das, was ver­langt wird, aber er macht es deut­lich bes­ser als die TV-Sen­dung, die er dafür herstellt.

Ansons­ten ist „A fost sau n‑a fost?“, der alberner­wei­se unter dem Titel „12:08 Jen­seits von Buka­rest“ im deutsch­spra­chi­gen Raum geführt wird ein unheim­lich durch­dach­tes Epi­so­den­dra­ma mit einem lyri­schen Ele­ment (den Later­nen der Stadt, die aus und an gehen) und vie­len all­täg­li­chen, absur­den Situa­tio­nen, sowie The­ma­ti­ken die sich durch die Geschich­ten der drei Prot­ago­nis­ten zie­hen: Knall­kör­per, Weih­nachts­män­ner und Miss­ver­ständ­nis­se. Bedin­gen sich in der zwei­ten Hälf­te des Films, der TV-Sen­dung, Form und Inhalt, so scheint es in der ers­ten Hälf­te fast ein The­men­film zu sein. Äußerst cle­ver geschrie­ben, aber in der Form nur unter­stüt­zend. Wie ein Aus­bruch aus sei­ner Form, ein Fin­den der eige­nen Spra­che voll­zieht sich dann die Nach­rich­ten­sen­dung, als viel­leicht eines der längs­ten ver­ba­len Wes­tern­du­el­le der Film­ge­schich­te. Der Blick von Por­um­boiu ist immer ein sar­kas­ti­scher und er macht sich als Regis­seur deut­lich bemerk­bar, er drückt sei­nem The­ma eine gewis­se Iro­nie auf, sucht sozu­sa­gen nach den Wes Ander­son-Momen­ten in der rumä­ni­schen Gegen­wart. Aller­dings betont er die­se Momen­te nicht im Sti­le des ame­ri­ka­ni­schen Hips­ter-Regis­seurs, son­dern zeigt glei­cher­ma­ßen ihre Wert­lo­sig­keit. Nichts pas­siert und des­halb pas­siert so viel.

Das gilt noch mehr für Por­um­boi­us zwei­ten Lang­film Poliţist, Adjec­tiv“, der sich im Poli­zei­mi­lieu die ganz beson­de­re Frei­heit der Lang­sam­keit nimmt. Immer wie­der ver­folgt der Prot­ago­nist Cris­ti Per­so­nen. Insze­niert ist das, wie ein frü­her Ver­fol­gungs­film von Tho­mas Edi­son. Per­son A kreuzt das Bild von ganz links nach ganz rechts und dann kommt Per­son B und macht das­sel­be. Im Gegen­satz zu zu „A fost sau n‑a fost?“ voll­zieht sich die Geschich­te aller­dings weni­ger auf Dreh­buch­ebe­ne, denn auf Regie­ebe­ne. Lan­ge wir­ken die Gescheh­nis­se nicht so zusam­men­ge­baut, nicht so rund. Die Tie­fe fin­det der Film hier zum Bei­spiel durch die völ­li­ger Urteils­lo­sig­keit der Bil­der. Die Kame­ra übt sich in Por­um­boi­us zwei­ten Lang­film in abso­lu­ter Zurück­hal­tung, beglei­tet das gesche­hen fast doku­men­ta­risch. Den­noch kul­mi­niert auch die­ser Film in einer lan­gen, dia­log- und vor allem wort­do­mi­nier­ten Sequenz, in der der Chef der Abtei­lung den zögern­den und zwei­feln­den Poli­zis­ten eine Lehr­stun­de zu ertei­len ver­sucht. Der Film the­ma­ti­siert auf allen Ebe­nen die Ein­sam­keit des Beob­ach­ten­den. Lan­ge Bli­cke durch unüber­sicht­li­che Schul­hö­fe beglei­ten einen Camus-arti­gen Cha­rak­ter auf der Suche nach der Wahr­heit hin­ter Schuld und Unschuld, Gesetz und Moral. Erschre­ckend scheint auch dabei wie­der die Sinn­lo­sig­keit des Gan­zen zu sein. Die­se offen­bart sich aber nicht auf Dia­lo­ge­be­ne, son­dern durch die lan­gen Momen­te des Nichts, die zwar einen Denk­pro­zess aus­lö­sen in Cris­ti, aber ihn den­noch vor ein gewal­ti­ges Loch stel­len. Aus die­sem Loch soll ihm dann aus­ge­rech­net ein Wör­ter­buch hel­fen, der Feind der genu­in fil­mi­schen Dar­stel­lung. Die Cha­rak­te­re in die­sem erneu­er­ten ver­ba­len Wes­tern­du­ell sind fast das Gegen­teil der Cha­rak­te­re aus der TV-Sen­dung. Statt tra­gisch-komi­scher Figu­ren han­delt es sich um durch­aus selbst­be­wuss­te, über­zeug­te Män­ner. Aber hin­ter ihrer und vor allem sei­ner, der des Poli­zei­chefs, fest­ge­fah­re­ner Rhe­to­rik ver­ste­cken sich wie­der Unsi­cher­hei­ten, feh­len­de Wer­tig­kei­ten und ein absur­der Hang zur Büro­kra­tie als letz­te Zufluchts­stät­te. Auch Poliţist, Adjec­tiv“ ist ein Film über Desillusionierung.

Wie wenig man tun muss, um eine Bezie­hung und ihr Nicht-Funk­tio­nie­ren zu beleuch­ten, zeigt Por­um­boiu in einer sta­ti­schen Sequenz, in der Cris­ti am Küchen­tisch sitzt und sei­ne Frau/​Freundin laut einen Schla­ger im Neben­zim­mer hört. Die bei­den sind räum­lich getrennt und begin­nen sich über den Inhalt des Lieds zu strei­ten (den Inhalt, wohl­ge­merkt), obwohl Cris­ti spür­bar von der Musi­ka­li­tät des Songs genervt ist. Erst spä­ter setzt er sich zu ihr an den Com­pu­ter. Wie­der steckt in einer absur­den Dis­kus­si­on viel mehr. Kom­mu­ni­ka­ti­on ist nicht immer in den Wor­ten les­bar, son­dern eine Sache der Kör­per­lich­keit, der Bli­cke, des Nichts. In Poliţist, Adjec­tiv“ wirft Por­um­boiu kei­nen spür­bar sar­kas­ti­schen Blick mehr auf die Gegen­wart, son­dern einen völ­lig zurück­ge­nom­me­nen. Den Sar­kas­mus über­lässt er dem Zuseher.

Die Suche nach Ant­wor­ten auf unbe­ant­wort­ba­re, viel­leicht als irrele­vant ange­se­he­ne Fra­gen beschäf­tigt Por­um­boiu. Sei­ne Fil­me dis­ku­tie­ren das Nicht-Dis­ku­tier­ba­re. Das „Nicht“ ist wohl das zen­tra­le Motiv in sei­nen bei­den Lang­fil­men auf Dreh­buch- und Regie­ebe­ne. Ist es oder ist es nicht?

A fost sau n‑a fost?
Poliţist, Adjec­tiv