Wer noch nicht verstanden hat, dass man sich die alten Filme aus Hollywood so ansehen sollte, als wären es die griechischen Klassiker, die man liest, sollte sich einmal Allan Dwans At River’s Edge ansehen. In diesem Film, der zugleich atypisch und typisch für seinen Regisseur ist, gibt es eine Sequenz in einer in einem Studio nachgebauten Steinhöhle. Wie alles im Film wirkt diese Höhle so, als wäre sie schon immer da gewesen. Es ist eine künstliche, ewige Welt. Ray Milland, der einen schmierig-skrupellosen Verbrecher spielt, der mit weißem Anzug eine Geröllwüste durchquert, beobachtet aus einer dunklen Ecke wie Anthony Quinn die verwundete Debra Paget versorgt. Millands Figur ist der ehemalige Liebhaber der Frau. Er ist auf der Flucht nach Mexiko. Eigentlich will er sie mitnehmen, anknüpfen an gemeinsame Tage des Verbrecherinnendaseins. Quinns Figur ist ihr Mann in einer Ehe, die gerade noch zu zerfallen drohte. Einer Ehe, die eigentlich eine neue Stabilität versprochen hatte. Jetzt wird die Liebe wiedererweckt. Quinns moralischer Kompass ist weniger beschädigt als der von Milland, könnte man sagen, aber auch er wankt, so wie alle in diesem Film wanken. Am meisten Paget, der vom Film nur zwei Möglichkeiten für ein Leben gegeben werden, zwei Männer, zwei Lebensweisen. Wie so oft bei den Frauenfiguren im Hollywood der 50er Jahre steht sie verloren zwischen Männern, die mit Pistolen herumfuchteln. Ihre Zerrissenheit ist echt, ihre Liebe fragwürdig. Die üblichen Umstände haben sie zusammen an diesen Ort gebracht, der ohnehin nur existiert, damit die Dynamiken der Dreierkonstellation ausgelebt werden können (und jene der Moral zwischen Geld und Gefühl).
Die Szene in der Höhle zeigt eine doppelte Metamorphose. Zum einen offenbart sie im Zittern und der Fürsorge Quinns das Bild einer wiederentdeckten Liebe, zum anderen zeigt sie im Blick von Milland die Entdeckung der Liebe per se. Nicht der eigenen Liebe, sondern was deren Abwesenheit bedeutet. Wie so oft, sind die Verbrecher in Hollywood diejenigen, an denen man die Menschlichkeit erfahren darf. Diejenigen, die wie Quinn, das Gute verkörpern, sind eher abstrakt, wenn man so möchte, sind sie Gott. Milland schaut dem fremden Mann, dem Gott und dessen Gesten der Liebe zu und begreift, dass diese Gesten nicht die seinen sind. Er sagt kein Wort und starrt auf das, was er nicht leben kann. Dabei umklammert er einen Koffer voll Geld. Dwan braucht keine groß gespielte Geste, um zu zeigen, was das bedeutet. Stattdessen interessiert er sich für das Ikonische seiner generischen Setzungen.
Once you’ve loved somebody you can never be sure. Even when it’s changed to hate you never know whether it’s just the other side of love. That’s the way those things are, sagt Paget vorher im Film. Die Kehrseiten der Medaille befinden sich auf der gleichen Münze. Alle Figuren im Film hassen, wen sie lieben. Die Frage ist, wohin man von dort aus geht. Lebt man die Liebe, liebt man. Lebt man den Hass, liebt man nicht. Aber man hasst, was man liebt. Es sind Sekunden, in denen diese fatalen oder ethischen Entscheidungen getroffen werden. Die Entscheidung darüber, in welche Richtung man weitergeht, wiegt schwerer in Cinemascope. Nur gemäß den beständigen Gesetzen dieser Geschichten muss wer falsch abbiegen. Dwan wählt hierfür eine dramatische Ironie gegen Ende des Films, als sich die Münze wendet. Milland trifft eine Entscheidung aus einer Art Liebe heraus. Quinn folgt ihm aus Hass, um ihn zu töten. Man versteht nur, warum das geschieht, wenn man sich an die Augen Millands erinnert in der Höhlenszene. Niedergeschlagene Augen mit Sehnsuchtsflackern. Es ist eine feine Linie, die das Integre vom Eigennützigen trennt. Richtig oder falsch? Es liegt auch an der Situation, die man innehat. Die Güte muss man sich leisten können, die Liebe auch. Bei Dwan hängt diese Frage des Sich-Leisten-Könnens auch an der Umgebung. Man fährt soweit, bis die Straße endet, dann geht man zu Fuß weiter. Man schützt sich vor Regen, man versteckt sich im Maisfeld. Man unterbricht den Todeskampf, weil eine Viper unter den Steinen hervorkriecht. Die Welt lässt einen innehalten. Die Handlung spielt sich nicht nur in ihr ab sondern mit ihr. Erst wenn die Landschaft sich öffnet, muss eine Entscheidung getroffen werden, die etwas bedeutet. Milland trifft sie, aber er wird bestraft. Ein Kleinlaster fährt ihn über den Haufen, die Geldscheine fliegen über eine Klippe in die Tiefe, sie glänzen wie das Laub tausender Silberpappeln in der Sonne.
In At River’s Edge entstehen nicht Metaphern durch die Natur oder die Handlungen, vielmehr beleuchten die Metaphern die schwer zu verstehenden Vorgänge einer Wirklichkeit. Die Szene mit der Viper ist dabei exemplarisch. Ihre biblische Konnotation trifft sich mit einer eigenwilligen Schnittfolge, in der Pagets Figur mit einer Schrotflinte weniger auf das Tier, als auf die zwei regungslos vor diesem liegenden Männer zu zielen scheint. Diese Bilder verhalten sich zu Begehren und Liebe wie Persephone zum Erscheinen des Frühlings. Man könnte sagen: Weil einst diese Schlange in dieser Höhle hervorkroch, können wir vergeben. Die Reise zu the river’s edge ist letztlich auch eine Reise zurück in einen paradiesischen Zustand, eine eigentlich nicht mehr erreichbare Welt. Aber solche großen Worte richtet man heute nicht mehr an filmische Produkte.

