Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Diagonale 2015: Was bleibt von einem Festival?

diagonalestart

Was bleibt von einem Fes­ti­val und sei­nen Fil­men, wenn man zu spät kommt und zu früh wie­der fährt, wenn man mit den Gedan­ken immer wie­der woan­ders ist und sich nie voll und ganz kon­zen­trie­ren kann auf den Moment, wenn man mehr schlecht als recht sei­nem eige­nen Sich­tungs­plan hin­ter­her­he­chelt? Es sind eher Ein­drü­cke als Fil­me, eher Sze­nen als Sequen­zen, eher Bil­der als Atmosphären.

Das Gesicht Zaka­ria Moha­med Alis, fron­tal und zen­tral auf der viel zu nahen Lein­wand des Schu­bert­ki­nos, der mit trau­ri­gem Blick in die Kame­ra von der Unmög­lich­keit spricht, die Gesell­schaft zu ändern, in Peter Schrei­ners unver­kenn­bar glän­zen­dem, digi­ta­lem Schwarz­weiß. Die Fra­ge, zu wem er das sagt.

Die selt­sa­me Trance eines spä­ten Publi­kums­ge­sprächs mit einer disper­sen Grup­pe von Fil­me­ma­che­rIn­nen nach der gestaf­fel­ten Pro­jek­ti­on ihrer kur­zen Arbei­ten in der Sek­ti­on „Inno­va­ti­ves Kino“, das absur­de Fra­ge-Ant­wort-Spiel, das mir plötz­lich vor­kommt wie eine impro­vi­sier­te Per­for­mance und ihren Höhe­punkt erreicht, als jemand eine Erkun­di­gung mit den Wor­ten beschließt: „Why does it hurt so much?“

Der Anblick des demen­ten Vaters aus Albert Meisls scho­nungs­los-voy­eu­ris­tisch-lie­be­vol­ler Fami­li­en­do­ku­men­ta­ti­on Vater­film, der am Ess­tisch sit­zend wirkt, als hät­te man den Hei­li­gen Jere­mi­as aus dem Cara­vag­gio-Gemäl­de in das Set­ting eines pro­vin­zi­el­len Ein­fa­mi­li­en­hau­ses ver­pflanzt und auf Video auf­ge­nom­men, die Tra­gik, die Natür­lich­keit, das Nicht-Wegschauen-Können.

Die end­gül­ti­ge Erkennt­nis, dass es völ­lig absurd ist, das Kino-Dis­po­si­tiv mit irgend­ei­nem ande­ren zu ver­glei­chen, als ich im Fes­ti­val­zen­trum an einer Sich­tungs­sta­ti­on sit­ze und die bespiel­ten Bild­schir­me links und rechts von mir nicht aus­blen­den kann, ohne mei­ne Nase gegen das LCD zu drü­cken, aus dem Augen­win­kel wahr­neh­mend, wie sich Kol­le­gen fah­rig durch ihre Fil­me kli­cken, auf der Suche nach ich weiß nicht was, dem Money Shot vielleicht?

Die wider­sprüch­li­che Erkennt­nis, dass es den­noch funk­tio­niert, wenn es funk­tio­niert, als ich an der glei­chen Sich­tungs­sta­ti­on von der unheim­li­chen Mon­ta­ge-Musik, dem Sire­nen­ge­sang der Stu­dio­lo­gos in Johann Lurfs groß­ar­ti­gem Twel­ve Tales Told gebannt wer­de, trotz Ramsch­qua­li­tät und Klein­bild im Kleinbild.

Die bele­ben­de Wir­kung von Micha­el Gla­wog­gers Hai­ku und Die Stadt der Ande­ren, zwei strah­len­de, zucken­de, über­schäu­men­de Kurz­fil­me, die ihr Ziel in dem Augen­blick ver­ges­sen, als sie dar­über hin­aus­schie­ßen, die alles, alles, alles vom Kino wol­len, das Reich und die Kraft und die Herr­lich­keit, aber auch die Melan­cho­lie und die Sehn­sucht und die Trau­er, am bes­ten hier und jetzt sofort.

Der Anfang von Con­stan­tin Wulffs Ulrich-Seidl-Por­trät, wo der Regis­seur sich dem Blitz­licht­ge­wit­ter der Foto­gra­fen­mau­er in Ber­lin stellt, bom­bar­diert von unab­läs­si­gen Signal­ru­fen: „Hier! Ulrich! Herr Seidl! Herr Seidl!“ – eine Sze­ne aus dem A‑Fes­ti­val-All­tag, die einem sei­ner eige­nen Fil­me ent­stam­men könnte.

Der Punkt in Lud­wig Wüsts (Ohne Titel), an dem sich alles in kon­tur­lo­se Farb­kleck­se auf­löst und Licht aus der Lein­wand her­vor­zu­quel­len beginnt wie wei­ßes Blut, womit es der Film nach zwei, drei miss­lun­ge­nen Ver­su­chen doch noch schafft, mich zu über­ra­schen und zu berühren.

Die schö­ne Heim­fahrt, die im Halb­dun­kel beginnt und im Dun­kel endet. Erst als ich zuhau­se in Wien bin, habe ich das beru­hi­gen­de Gefühl, wirk­lich in Graz ange­kom­men zu sein.