Diagonale-Dialog 3: Steckenbleiben

Tag 3 auf der Diagonale und nicht mehr ganz so frisch und munter machen sich Patrick und Rainer auf ein Neues daran zu ergründen, worauf es eigentlich ankommt.

Patrick: Ich habe jetzt schon dreimal Neil Young auf der Toilette gehört. Das ist beruhigend. Vor allem, wenn man aus dem Chaos des Schubertkinos kommt. Ich finde die Organisation mit den Tickets dort ja eigentlich untragbar. Aber vielleicht ermöglicht es die Architektur nicht anders. Trotzdem fehlt da auch eine Klarheit, wer sich wo und wann anstellen soll und wer vielleicht besser nicht da rum steht. Egal. Wo bist du gestern stecken geblieben?

Rainer: Für große Massen ist meinem Gefühl nach ohnehin nur das UCI ausgelegt, sobald eine Vorstellung ausverkauft ist, wird’s eigentlich bei allen knapp. Aber gehe ich richtig in der Annahme, dass sich deine Frage auch auf Filme bezog?

Patrick: Lass deiner Fantasie freien Lauf.

Rainer: Ich bin in einem Pub steckengeblieben und dementsprechend ist meine Fantasie noch am ausnüchtern. Ursprünglich wollte ich eigentlich ins Festivalzentrum gehen, aber dort ist es aus den gleichen Gründen, wie du sie angeführt hast nicht auszuhalten – zu viele Menschen, zu wenig Platz und man muss sehr lange anstehen um an Getränke zu kommen, die ohnehin zu teuer sind.

EMBARGO von Johann Lurf

EMBARGO von Johann Lurf

Patrick: Ja…und hast du dich in den Kinos wohler gefühlt?

Rainer: Bedingt. Die beiden Programme, in denen wir zusammen war haben mich nicht wirklich vom Hocker gehaut. Außer Johann Lurfs EMBARGO, fand ich da alles eher mau bis banal, dafür waren die beiden Filme von Mia Hansen-Løve sehr solide. Ich bin mir noch nicht sicher ob ich Eden verzeihen kann, dass er etwas disparat durch die zwanzig Jahre seiner Handlung hetzt und dabei zu oft Texteinblendungen à la „Zwei Jahre später“ verwendet, aber von der inszenatorischen Intensität hat er mich sogar mehr gepackt als Le père de mes enfants – beides in jedem Fall sehr persönliche, authentische (was auch immer das heißen mag) und demütige Filme.

Patrick: Ich fand im Programm mit Lurfs faszinierendem EMBARGO auch noch House and Universe von Antoinette Zwirchmayr hervorstechend. Sie hat da sehr zärtliche Bilder für die Nähe von Natur und Mensch gefunden, die sich über Formen und Assoziationen in einer Art Harmonie bewegen, die mich letztlich an Fotos von Saul Leiter erinnert haben. Nur spürt man bei ihr den Wind. Ich sehe hier allgemein sehr viele Sonnenaufgänge in den Filmen. Da bin ich mir aber nicht sicher, ob die demütig sind oder sogar forciert. Ich glaube, dass Mia Hansen-Løve vor allem demütig gegenüber der Realität ist mit ihren Filmen. Ein Sonnenaufgang wäre bei ihr keine große Symbolik sondern wohl einfach nur ein schöner Moment im Treiben der Welt.

Rainer: Das hast du schön gesagt. Was hältst du allgemein von ihr?

Patrick: Ich habe erst die Hälfte ihres Werks gesehen. Ich denke, dass sie eine sehr gute Filmemacherin ist mit ganz spannenden Entscheidungen. Man kann bei ihr beobachten, wie man eine Szene anfängt, wo man kleine Regungen finden kann, die vielleicht viel mehr über die Figuren sprechen als die großen Gefühle und man kann sehr gut sehen wie Bewegung vor und mit der Kamera etwas flüssiges bekommen kann, dass man als lebensnah bezeichnet. Aber mir fehlt manchmal ein zweiter Schritt. Bei ihr ist es oft: So ist das Leben! Das mag ich, aber wenn ich mir ganz ähnlich (damit meine ich mit Ellipsen, Natürlichkeit, Fluss) arbeitende Filmemacher wie Maurice Pialat oder Claire Denis ansehe, dann spüre ich da mehr Ebenen. Bei Denis sind das Körper zum Beispiel, bei Pialat eine Weltsicht und die schwimmen da einfach mit bei denen. Aber das ist vielleicht ein unfairer Vergleich. Es ist jedenfalls bewundernswert, was sie da macht. Und ich musste auch an deine Kommentare gestern zu Wie die anderen denken, da Tout est pardonné in Wien beginnt. Diese Faszination Orte zu sehen, die man kennt. Eigentlich unglaublich, aber da ist das Kino noch wirklich unschuldig. Da reicht es jedem plötzlich nur die Dinge anzusehen. Eigentlich absurd, weil man sie ja kennt.

Rainer: Diese Anziehungskraft bekannter Orte ist tatsächlich mysteriös. Ich würde sagen, da schwingt einerseits stolz mit, dass sich ein Filmemacher mit dem Ort befasst, an dem man lebt, oder den man kennt und andererseits das Fesselnde daran, diesen Ort über den Blick eines Anderen zu erfahren. Die feinen Unterschiede von Fremd- und Selbstwahrnehmung machen es denk ich aus.

Eden von Mia Hansen-Løve

Eden von Mia Hansen-Løve

Patrick: Da empfinde ich dich als sehr idealistisch, wobei ich hoffe, dass ein Funken Wahrheit mitschwingt. Ich glaube aber doch, dass es da um ganz einfache Dinge wie Verbindung mit dem, was man sieht und letztlich Identifikation geht. Die Bereitschaft sich mit etwas Fremden auseinanderzusetzen geht bei vielen leider nur so weit wie sie das Fremde kennen. Dann wird es sehr spannend, wenn jemand wie Manfred Neuwirth in Aus einem nahen Land diese Nähe derart verfremdet. Zeitlupen, asynchroner Ton. ich habe mich beim Film gefragt, ob das eine subjektive Wahrnehmung des Ortes ist. In seinem Film ja nicht mal durch die Augen eines Fremden sondern eines Mannes, der dort herkommt.

Rainer: Ein Film, den ich leider nicht gesehen habe, aber was du beschreibst klingt sehr spannend. Wobei ich zugeben muss, dass ich schon etwas ausgelaugt bin von diesen dokumentarischen, formalistisch angereicherten Filmen.

Patrick: Ja, ich verstehe das, aber ich glaube nicht, dass man das allgemein sagen kann. Der Punkt mit Form ist doch der (und es ist kein Zufall, dass wir hier auf der Diagonale darüber sprechen): Da gibt es die Form, die der Inhalt ist und die Form die mit oder fruchtbar gegen den Inhalt arbeitet. Dagegen kann nichts einzuwenden sein, denn Film ist immer auch Form. Das Problem entsteht dann, wenn die Form derart penetrant arbeitet, dass sie die Realität nicht zulässt wie zum Beispiel in Eden’s Edge und alles zu bloßen Ideen verkommen lässt statt zu Beobachtungen und Ästhetik. Neuwirth ist aber ein Beobachter und er findet seine Form erst mit den Orten statt sie auf den Ort zu setzen. Daher funktioniert das glaube ich.

Rainer: Ich wollte das gar nicht per se schlechtreden, sondern ein bisschen meine persönliche Filmauswahl hier am Festival kritisieren. Da ich der Meinung bin, dass im Dokumentar- und Avantgardebereich in Österreich interessantere Dinge entstehen, lege ich so meine Schwerpunkte und verzichte weitestgehend auf Spielfilme. Wenn dann aber mehrere Filme dieser Art (also formal experimentierfreudiger Werke) zusammenkommen, kann das schon anstrengend werden, zumal es natürlich nicht immer hundertprozentig aufgeht.

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