Eine fil­mi­sche Gren­ze, gibt es das? Sicher­lich gibt es Gren­zen, die man mit der Kame­ra nicht über­tre­ten soll­te. Mora­li­sche Gren­zen. Ver­ges­sen wir nicht, dass die Kame­ra eine Waf­fe ist, die in Erin­ne­rung und deren Ent­blö­ßung töten kann. Man kann auch Gren­zen fil­men. Zwi­schen Men­schen etwa, den Raum, die Distanz zwi­schen zwei Men­schen fil­men. Viel­leicht ein Glas, das sie trennt, eine Tür, eine Welt, die in einem Schnitt ver­schwin­det oder ver­schwin­den lässt. Poli­ti­sche Gren­zen kann man nicht fil­men. Man kann nur ihre Illu­si­on fil­men und ihre Kon­se­quen­zen. Ihre Unge­rech­tig­keit und Lächer­lich­keit. Man kann den Schritt über eine Gren­ze in einer Ein­stel­lung fil­men, nicht aber sei­ne Bedeu­tung. Die Bedeu­tung ist dann eine Sache der Bli­cke, der Reak­tio­nen, der Mon­ta­ge, die die­sem Schritt folgt (Theo Ange­lo­pou­los kam sehr nahe, dass Gegen­teil zu bewei­sen in sei­nem Eter­ni­ty and a Day). Gren­zen sind auch Limits. Wie weit kann man fil­men, wie nah? An wel­chen Ort kann man eine Kame­ra brin­gen? Aber Film ist kein Extrem­sport, ist es nicht viel­mehr eine Reaktion?

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Eine Gren­ze exis­tiert auch zwi­schen dem Betrach­ter und dem Film. Die Haut des fil­mi­schen Mate­ri­als ist eine Form von über­wun­de­nem Ras­sis­mus. Eine Wun­de in der Schicht der Berüh­rungs­lo­sig­keit, die uns mit den Augen etwas berüh­ren lässt, wovor wir nor­ma­ler­wei­se den Blick abwen­den. Antho­ny Mann ist ein Fil­me­ma­cher, in des­sen Fil­men Gren­zen und Ras­sis­mus eine gro­ße Rol­le ein­neh­men. Viel­leicht ist es kei­ne Rol­le, son­dern eine Gren­ze gegen die sei­ne Fil­me anren­nen. Es gibt eini­ge Sze­nen, die dar­auf hin­deu­ten. Was ist zwi­schen uns und dem Bild? Natür­lich erst­mal die Zeit, die unter­schied­li­che Zeit, die unter­schied­li­che Wahr­neh­mung von Zeit. Man muss sich in der Zeit ändern, um mit oder in einem Film Gren­zen zu über­win­den. Ein Blick auf die Uhr macht die Gren­ze zwi­schen Zuse­her und Lein­wand mani­fest. Sie muss aber flüs­sig wer­den, mar­gi­nal. Es gibt die Tem­pe­ra­tur des Kino­saals, das Licht dort, das eine Gren­ze mar­kiert. Man darf nicht spü­ren, ob es war oder kalt ist, man darf auch kei­nen Kör­per haben, um die­se Gren­ze zu über­win­den. Doch ist es nicht das schöns­te Gefühl, wenn man sich im Schwe­be­zu­stand zwi­schen zwei Wel­ten weiß, wie wenn man im Traum weiß, dass man träumt und den­noch alles im Traum bei vol­lem Bewusst­sein erle­ben kann? Wenn man sei­ne Hand auf den eige­nen Bei­nen spürt, wäh­rend die Augen ein ande­res Leben leben. Das Kino ermög­licht das gleich­zei­ti­ge Sein eines Ande­ren und eines Ichs. Die­se Gleich­zei­tig­keit ist ein Begeh­ren und gleich­zei­tig die Über­win­dung der Gren­zen. Das Kino ist wie der stän­di­ge Schritt über die eige­ne Schüch­tern­heit hin­weg hin zu einem ers­ten, ver­bo­te­nen oder töd­li­chen Kuss.

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In einem Film wie Bor­der Inci­dent gibt es die Gren­ze nicht nur als the­ma­ti­sche Idee (jene zwi­schen Mexi­ko und den USA wie in The Furies oder mit Ame­ri­ka­nern und Nati­ves in The Tin Star; man kann bemer­ken, dass Frem­den­feind­lich­keit bei Mann eine schreck­li­che Gege­ben­heit ist, die aus einer ande­ren Zeit stammt und sich in die Men­schen ein­ge­schrie­ben hat, sodass es kein Ver­bes­se­rungs­po­ten­zi­al gibt, son­dern nur den Zynis­mus und das Bestre­ben es selbst anders zu machen.) son­dern auch als for­ma­le Idee. Denn natür­lich gibt es zwei Mög­lich­kei­ten die Lein­wand zu sehen: Als Gren­ze zwi­schen Auge und Bild oder als Schwel­le bezie­hungs­wei­se Haut. Antho­ny Mann ver­spürt eine enor­me Frus­tra­ti­on auf­grund der Unfä­hig­keit, mit der Kame­ra zu berüh­ren. Sei­ne Zärt­lich­keit liegt in der Gewalt die­ser Unfä­hig­keit und so lässt er immer wie­der Figu­ren gegen oder bis Mil­li­me­ter vor die Lin­se der Kame­ra ren­nen und fal­len, um sie fast aus der Lein­wand sprin­gen zu las­sen. Manch­mal erschüt­tert das Bild leicht, weil die Lin­se berührt wird. Sei­ne Tie­fen­schär­fe exis­tiert für den Effekt einer Plötz­lich­keit unmit­tel­bar hin­ter oder vor der Haut des Films. Es ist als woll­te Mann sagen, dass er nicht an die­se Gren­ze glau­be, aber wahr­schein­lich ist es ein­fach so, dass er der­art tat­säch­lich die Gren­ze selbst gefilmt hat. In The Tin Star, der mehr an Rah­mun­gen als an Plötz­lich­keit zu glau­ben scheint, wird die Gren­ze im Moment eines Schus­ses auf die ras­sis­ti­sche Figur über­wun­den. Der Dar­stel­ler stol­pert mit dem Rücken zur Kame­ra fast in die­se hin­ein. Für eine Sekun­de bleibt uns nur das Schwarz einer ver­stell­ten Sicht. Es ist eine ambi­va­len­te Sache wie fast alles bei Mann (man den­ke an die Figu­ren von James Ste­wart bei ihm, zum Bei­spiel in The Far Coun­try ), denn für die­se Über­win­dung brauch­te es eine Bereit­schaft zu Töten. Hier gibt es eine Ver­wandt­schaft zur poli­ti­schen Pro­ble­ma­tik eines Sica­rio von Den­nis Ville­neuve. Es ist aber auch eine Beob­ach­tung des ame­ri­ka­ni­schen Zustan­des, jenes Zustan­des, der am bes­ten Gren­zen auf­lö­sen kann, aber auch am schlimms­ten wie­der errich­ten kann. Es ist als woll­te Mann uns sagen, dass man immer neue Gren­zen baut, wenn man alte über­win­det. Sein Lösungs­vor­schlag ist der freund­schaft­li­che Blick des Ver­ste­hens meist zwi­schen zwei Män­nern. Mehr gibt es nicht von Mann, viel­leicht, ziem­lich sicher ist es zu wenig, aber viel­leicht ist es mehr als man erwar­ten kann.

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Wenn man nach der Gren­ze fragt, muss man viel­leicht auch nach dem Boden fra­gen. Er ist die Haut der Erde. Der Staub ver­wischt die Sicht. Antho­ny Mann hat selbst die Gren­zen des Bodens bear­bei­tet. In Bor­der Inci­dent wer­den mexi­ka­ni­sche Arbei­ter getö­tet und in eine Art Sumpf gewor­fen, der aus har­ten Bro­cken Erde besteht, die unter dem Gewicht der Kör­per nach­ge­ben. Gren­zen, die töten, die Kör­per nicht hal­ten kön­nen. In The Furies ist es ein jun­ges Kalb, das sei­nen Kopf gera­de noch aus einem sol­chen Sumpf steckt. Auf der einen Sei­te die ame­ri­ka­ni­schen Land­be­sit­zer, auf der ande­ren die Mexi­ka­ner, die auf die­sem Land leben. Besitz ist kei­ne Fra­ge von Gerech­tig­keit. Viel­mehr ist es der trau­ri­ge Aus­druck einer Lebens­art, aus der Ras­sis­mus ent­steht. Das bringt uns wie­der zur Moral. Die fil­mi­schen Gren­zen von Antho­ny Mann sind mora­li­sche Gren­zen in Form und Inhalt. Sei­ne Kame­ra ist eine Waf­fe, auf die geschos­sen wird, um zumin­dest für Augen­bli­cke Gren­zen ver­schwin­den zu lassen.