Die nostalgische Atemlosigkeit der rennenden Männer: Marty Supreme von Josh Safdie

Aus bes­se­ren Zei­ten des US-ame­ri­ka­ni­schen Kinos blei­ben zwei Män­ner­fi­gu­ren in Erin­ne­rung, bei­de sind sie auf der Flucht oder Jagd, jeden­falls in stän­di­ger Bewe­gung.
Der eine ist mora­lisch inte­ger. Oft­mals ist es ein Ver­bre­cher mit einem guten Her­zen, einer der beweist, dass an den dun­kels­ten Orten die größ­te Güte herrscht. Er hält Wer­te auf­recht, die ohne ihn ver­lo­ren wären. Meist blät­tert sei­ne nur schein­bar har­te Scha­le in Nah­auf­nah­men ab. Die­sen Hel­den gibt es bei­spiels­wei­se bei Frank Bor­za­ge oder John Ford.

Der ande­re ist gebro­chen. Die Wun­den sei­ner Zeit und der Gesell­schaft, in der er lebt, bren­nen auf sei­ner Haut. Er han­delt ver­werf­lich oder zumin­dest frag­wür­dig. Man mag ihn, weil man sich in sei­nen Feh­lern wie­der­kennt und weil man in sei­nem Lei­den grö­ße­re Miss­stän­de erkennt, die ihn erst zu dem wer­den las­sen, der er ist. In Nah­auf­nah­men ent­larvt die äuße­re Schön­heit die­ser Män­ner einen ver­dor­be­nen Kern. Die­sen Mann gibt es vor allem im New-Hollywood-Kino.

Für den ers­ten Hel­den gibt es heu­te kei­nen Platz mehr. Zumin­dest ist er nir­gend­wo zu sehen. Das Kino hat sei­nen Glau­ben an die­sen Mann ver­lo­ren. Oder ist es die Wirk­lich­keit, die ihn ver­schluckt hat?

Der zwei­te Mann dage­gen ist über­all. Er erlaubt den Zyni­kern zu behaup­ten, sie wären huma­nis­tisch und den Huma­nis­ten, dass sie Humor hät­ten. Er ist der Prot­ago­nist im durch­aus über­ra­schen­den Revi­val des man on the run-Films, das in den letz­ten Mona­ten die alles flu­ten­den Mar­ke­ting­ka­nä­le zum über­schwap­pen brach­te, weil die­se stän­di­ge Bewe­gung eine Freu­de am Kino ver­spricht, von der es eini­gen so schien, als wäre sie der Indus­trie abhan­den­ge­kom­men. Irre Wen­dun­gen und Sze­nen, ein stän­di­ger Aus­schuss von Adre­na­lin, das auch Tes­to­ste­ron sein könn­te und dabei noch ein Rest­an­spruch an Intel­li­genz, weil das alles, so die Fil­me, kön­ne man auch als Para­bel, Ana­lo­gie, Kom­men­tar auf die Ver­hält­nis­se an sich begrei­fen. Die Atem­lo­sig­keit die­ser Män­ner ist zugleich nost­al­gisch wie gegen­wär­tig. das Kino beruft sich also auf sei­ne alten Stra­te­gien, um noch­mal aus­zu­tes­ten, was sich damit sagen lässt. Die Ergeb­nis­se sind irgend­wie so beglü­ckend wie ernüch­ternd. Das Beglü­cken­de betrifft die zwei oder eher drei Stun­den im Kino, das Ernüch­tern­de kommt, wenn das Ren­nen auf­hört und man plötz­lich in eine selt­sam bana­le Lee­re starrt.

Egal ob sie bei Kle­ber Men­don­ça Fil­ho, Paul Tho­mas Ander­son oder nun Josh Saf­die über die Lein­wand ren­nen, die­se Män­ner sind ein wenig aus der Zeit gefal­len oder ste­hen zumin­dest im Wider­spruch zu der Welt, die sie umgibt. Die Fil­me behaup­ten mit ihrem 70er-Jah­re-Schick das glei­che von sich selbst. Ihr stän­di­ges Ren­nen und Flie­hen soll zudem auf Poli­ti­sches ver­wei­sen, zumin­dest wird das in man­chen Sze­nen umris­sen, aber nie so, dass das Ren­nen und das Mann-Sein unter­bro­chen wer­den müss­te, das Poli­ti­sche (der­zeit ein belieb­ter, gera­de­zu miss­brauch­ter Begriff) flieht irgend­wie vor sich selbst, es ver­pufft unter dem Lärm der has­ten­den Schrit­te, die­ser evo­zier­ten Panik, die durch die Fil­me rauscht. Trotz­dem ist es inter­es­sant, dass das Kino auf eigent­lich schon zu Ende erzähl­te Form zurück­geht, um einer Wirk­lich­keit hab­haft zu wer­den, die auch in den Hand­lun­gen der Fil­me nur schein­bar vor­bei ist.

Ins­be­son­de­re Saf­die ist mit sei­nem fre­ne­ti­schen Mar­ty Supre­me, einem ver­kapp­ten, weni­ger scho­ko­la­den­kit­schi­gen Remake von For­rest Gump, stän­dig auf der Flucht von einem Bild, von einem Ereig­nis ins nächs­te. Der Film spielt in den 50er Jah­ren, aber sei­ne Musik spielt spä­ter und eigent­lich spielt er sowie­so jeder­zeit. Es geht um einen jun­gen Tisch­ten­nis­spie­ler, der ohne Rück­sicht auf Mit­men­schen nach oben strebt und dabei auf Men­schen trifft, die noch rück­sichts­lo­ser sind als er selbst. Eigent­lich braucht er vor allem Geld. Er braucht Geld, um sei­ne Ehre als Sport­ler zu erlan­gen. Es geht dar­um, wie der Kapi­ta­lis­mus des gro­ßen Man­nes den Kapi­ta­lis­mus des klei­nen Man­nes ver­hin­dert. Es geht um nichts. Ein biss­chen hei­ße Luft, ein paar Schnit­te auf Strap­se und stän­dig rast etwas im Bild­vor­der­grund vor­bei, um ja nicht das Gefühl zu geben, es wür­de nichts geschehen.

Gele­gent­lich gewinnt man den Ein­druck, es fällt Saf­die leich­ter, immer nur wei­ter zu gehen, zur nächs­ten Attrak­ti­on, zur nächs­ten aber­wit­zi­gen Neben­fi­gur, als irgend­wo wirk­lich ein­zu­stei­gen. Die Geschwin­dig­keit selbst soll zur Meta­pher wer­den. Aber für was? Mit dem dau­ern­den Wei­ter und Wei­ter, so schrei­ben man­che, die dem Film gewo­gen sind, wird die Geschwin­dig­keit eines Tisch­ten­nis­mat­ches imi­tiert, ein for­ma­ler Kunst­griff im Hin­blick auf einen der vier­zig lose bau­meln­den und doch zwang­haft zusam­men­ge­führ­ten Hand­lungs­strän­ge des Films also, der aller­dings ver­däch­tig wenig mit Schuss-Gegen­schuss-Sequen­zen ope­riert, um wirk­lich als sol­cher durch­zu­ge­hen. Der Mann hier ist gemäß den Regeln des zeit­ge­nös­si­schen Kinos ein zukünf­ti­ger Mann, ein Mann, der erst einer wer­den muss. Er rennt in sein Coming-of-Age, so ist das. Im Gegen­satz zu den bis­he­ri­gen Fil­men der Saf­dies gibt es hier kei­nen Unfall, der die Beschleu­ni­gung auf­hält. Statt­des­sen gibt es tat­säch­lich eine Erkennt­nis in der Haupt­fi­gur. Ein Erwa­chen. Ist es zum Guten? Fast erschrickt man. Der Pro­duc­tion Code wur­de aus­ge­trickst. Die Dumm­heit wird nicht wirk­lich bestraft. Alle See­len kön­nen erret­tet wer­den, egal wie vie­le Ver­bre­chen sie bege­hen. Lang lebe die USA!

Cha­l­a­met, ein ver­bis­se­ner und stets als sol­cher erkenn­ba­rer Schau­spie­ler, ein wenig wie DiCa­prio, spielt den titel­ge­ben­den Ping-Pong-Lebens­künst­ler aus einer jüdi­schen Fami­lie in New York mit dem kecken Nicht-Charme eines unaus­steh­li­chen Kar­rie­ris­ten. Die Dreh­buch­idee, die die­sen jun­gen Mann, Mar­ty Mau­ser, der sich über die Welt stellt, zu einer Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur machen soll, ist die, dass die Welt noch schlim­mer ist als er, zumin­dest die Welt, gegen die er unab­läs­sig anrennt. Ein bun­tes und bis­wei­len schrä­ges Mosa­ik an Kor­rup­ti­on, Faschis­mus, Gier und Gewalt wird so als eine Art Anti-The­se zum Ame­ri­can Dream auf die Plat­te gepfef­fert, sodass irgend­wann die­se selt­sa­me The­se im Netz (im wirk­li­chen, nicht im vir­tu­el­len) hän­gen bleibt: Ein Mann (selbst­re­dend), der den Hun­ger die­ser, sei­ner Gesell­schaft bis zum Letz­ten ver­tritt, der dar­an glaubt, dass er allein es mit der Welt auf­neh­men kann, der sich nicht küm­mert um das Wohl der ande­ren, der in der Haupt­sa­che gewin­nen will, ein sol­cher Mann kann genau das Sys­tem pro­vo­zie­ren, viel­leicht sogar zum Ein­sturz brin­gen, jeden­falls auf­rüt­teln, das ihn her­vor­ge­bracht hat, indem er genau die­se Wer­te bis zum Äußers­ten treibt und wirk­lich an sie glaubt und nicht nur so tut, damit das Geld fließt. Das ist eigent­lich ein ganz inter­es­san­ter, unbe­dingt aus den USA kom­men­der Gedan­ke, den man aller­dings, wenn man kurz in die fal­sche Rich­tung schaut für einen sub­ti­len, ziem­lich sicher unfrei­wil­li­gen Trum­pis­mus hal­ten könn­te. Oder soll die­ser Ayn-Rand-Indi­vi­dua­lis­mus, dem schon bei Dami­en Cha­zel­le zu einer unfass­bar schnö­den Wie­der­ge­burt ver­hol­fen wur­de am Ende, wenn die­ser ren­nen­de Mann sich plötz­lich einen Stuhl rei­chen lässt, um zu sit­zen und zu wei­nen und zu lie­ben (womög­lich sogar, um zu erken­nen, dass all das dro­mo­lo­gi­sche Geba­ren umsonst war) zur Selbst­er­kennt­nis geführt wer­den, die glei­cher­ma­ßen eine Mög­lich­keit auf Bes­se­rung ver­spricht? Ich weiß es nicht, ich befürch­te, dass es auch der Fil­me­ma­cher nicht weiß.

Die Tisch­ten­nis­se­quen­zen sehen jeden­falls bizarr aus. Obwohl der Regis­seur mit ech­ten Pro­fis arbei­tet, glaubt man kei­nem der Schlä­ge. Am bes­ten sieht noch eine an The Hust­ler gemah­nen­de Sequenz an der Tisch­ten­nis­plat­te einer Bow­ling­bahn aus. Manch­mal meint man auch den extre­men Schnitt zu erken­nen, mit dem die Pro­fis dem Ball übers Netz beför­dern. Aber eigent­lich ist auch da nur Geschwin­dig­keit. Es ist frap­pie­rend zu sehen, wie ele­gant Robert Ros­sen und Paul New­man es 1961 hin­be­ka­men, sport­li­che Fähig­kei­ten (im Pool) zur glaub­haf­ten Kunst zu erhe­ben und wie gewalt­voll mani­pu­liert einem ganz ähn­li­ches in Mar­ty Supre­me vor­kommt. Saf­die arbei­tet mit Schnit­ten und künst­li­cher Beschleu­ni­gung, um eine Idee der Inten­si­tät die­ses Sports zu geben. Aber er ver­steht ihn genau­so­we­nig wie die poli­ti­schen Impli­ka­tio­nen sei­nes Road-Movies. War­um einer ein Tisch­ten­nis­spiel ver­liert oder gewinnt, bleibt völ­lig unklar beim Sehen des Films. Das ist selt­sam, wenn es doch so sehr ums Gewin­nen geht.

Oder ist wirk­lich alles nur Beschleu­ni­gung, als wür­de Paul Viri­lio im Schnei­de­raum die Frames sor­tie­ren? Im Gegen­satz zu den Män­ner des Kinos der 70er Jah­re jeden­falls, geht es bei denen, die nur von einem batt­le in den nächs­ten stür­zen eher um Unter­hal­tung als um Sinn­su­che. Das sehen die Men­schen so, die den Sport ver­kau­fen, das sehen aber auch die Fil­me­ma­cher so, die ihre Fil­me verkaufen.

Man stel­le sich vor, die­ser Mar­ty Mau­ser wäre ein guter Mensch. Es ist bezeich­nend, dass dann kaum mehr etwas übrig blie­be von die­sem Film.