Die Tiefenschärfe in Snowpiercer

In „Snow­pier­cer“ machen Regis­seur Bong Joon-Ho und sein Kame­ra­mann Hong Kyung-Pyo auf­fal­lend häu­fig Gebrauch von der Tie­fen­schär­fe. Immer wie­der ver­la­gert er in den engen Gän­gen des Zuges die Schär­fe, sei es zwi­schen Per­so­nen, zwi­schen einer Per­son und dem Raum, zwei Grup­pen oder dem Innen des Zuges und dem Außen der kal­ten Schnee­wüs­te. Nun sind seit den Tagen von Gregg Toland und Orson Wel­les schon eini­ge Jähr­chen ver­gan­gen und man kann sich durch­aus fra­gen, inwie­fern die fil­mi­sche Spra­che, die von der Mög­lich­keit einer inne­ren Mon­ta­ge mit neu­en tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten zu Beginn der 1940er Jah­re maß­geb­lich geprägt wur­de, sich immer noch die­ses Stil­mit­tels bedient. Ich schaue mir das vor allem des­halb an einem Unter­hal­tungs­film wie „Snow­pier­cer“ an, weil dort vie­le Wahr­hei­ten über die Tie­fen­schär­fe ver­bor­gen lie­gen, die sie als Not­wen­dig­keit aus­le­gen und nicht als künst­le­ri­sche Sou­ve­rä­ni­tät. Den­noch fin­det sich in „Snow­pier­cer“ gera­de, wenn man den Ein­satz der Tie­fen­schär­fe betrach­tet ein Ver­säum­nis des Films: Die Ver­wen­dung des Stil­mit­tels als Aus­druck einer inne­ren Welt, als wahr­haf­tig fil­mi­sche Spra­che, die einen POV des Fil­me­ma­chers jen­seits der nach Iden­ti­fi­ka­ti­on lech­zen­den Klas­sen­dy­na­mik erst ermög­li­chen wür­de. In die­sem Sinn kann man die Tie­fen­schär­fe in „Snow­pier­cer“ auch als Hau-Drauf-Stil­mit­tel ver­ste­hen, dass völ­lig gefühls­los das poe­ti­sche Poten­zi­al die­ser Tech­nik igno­riert. Ich wer­de die Aspek­te der Tie­fen­schär­fe in „Snow­pier­cer“ anhand fol­gen­der Begrif­fe untersuchen:

1. Die Tie­fen­schär­fe als Effekt

2. Die Tie­fen­schär­fe als Kom­pen­sa­ti­on für feh­len­den Raum

3. Die Tie­fen­schär­fe als Zei­chen für Gegensätze

4. Die Tie­fen­schär­fe als Entfremdung

Snowpiercer

Die Tie­fen­schär­fe als Effekt

Snowpiercer

Von im Vor­der­grund fokus­sier­ten Schnee­flöck­chen, bis zu den betont coo­len Ein­stel­lun­gen in Action­se­quen­zen kann Bong Joon-Ho sei­ne Vor­lie­be für die Tie­fen­schär­fe kaum zurück­hal­ten. Gedreht auf 35mm scheint er die­ses Mit­tel auch des­halb beson­ders zu lie­ben, weil es eines der weni­gen Merk­ma­le sei­nes Films ist, das nicht nach einem Video­spiel aus­sieht. Doch der Effekt geht dar­über hin­aus, ist er doch auch eine Bas­ti­on des räum­li­chen Sehens gegen die 3D-Domi­nanz im Block­bus­ter-Gen­re. Die Tie­fen­schär­fe ermög­licht ein ganz ähn­li­ches, wenn nicht gar über­le­ge­nes Gefühl, weil sie-wie im Fall von „Snowpiercer“-ebenfalls blick­len­kend und räum­lich beto­nend funk­tio­niert, aber nicht 23 des Bil­des für unwich­tig erklärt. Wer braucht 3D, wenn es Tie­fen­schär­fe gibt, mag man sich fra­gen. Nun zeigt die Tie­fen­schär­fe bei Bong Joon-Ho zumeist an, dass etwas beson­ders scharf ist. Nur sel­ten wird auch dar­auf ver­wie­sen, dass etwas unscharf ist. Dabei liegt genau dar­in die Chan­ce der Tie­fen­schär­fe. Denn scharf sein, kann heu­te jeder bei sich zuhau­se, im Kino kann es auch den Mut zur Unschär­fe geben. Zwar spielt der Film an vie­len Stel­len ela­bo­riert mit den Gegen­sät­zen von Licht und Dun­kel­heit, Schat­ten und Son­ne oder Vor­ne und Hin­ten, aber trotz sei­ner inhalt­li­chen Bevor­zu­gung der Schat­ten­wel­ten gewinnt die Unschär­fe nur aus ihrer Rela­ti­on mit der Schär­fe an Bedeu­tung. Damit will ich sagen, dass alles glän­zen muss in einem Film der Klas­sen­kampf zur heuch­le­ri­schen Ange­le­gen­heit eines kom­mer­zi­el­len Inter­es­ses macht, das nicht nur sei­ne Indi­vi­du­en ver­gisst, son­dern auch vor lau­ter sozio­lo­gi­scher Welt­ana­ly­se ver­gisst, dass es Momen­te außer­halb der Schär­fe geben muss, damit eine Welt zum Leben erwacht. Die fil­mi­sche Welt, die mit der Schär­fe den Blick ein­nimmt, ihn gefan­gen hält, ihn am Strei­fen über das Bild hin­dert, ist nichts ande­res als bil­li­ge­res 3D und wird immer nur in einen Zug gequetscht, der kei­ne Wahr­heit, son­dern nur auf­ge­setz­te Span­nung trans­por­tiert. Das wird ins­be­son­de­re dann frap­pie­rend, wenn Bong Joon-Ho es für rich­tig erach­tet, die Bli­cke der obe­ren Schicht auf die unte­re Schicht mit Tie­fen­schär­fe anzu­zei­gen und die Bli­cke der unte­ren Schicht auf die obe­re Schicht auch. Es ent­steht die Fra­ge, war­um uns ein strei­fen­der Blick ver­neint wird, wenn der Regis­seur selbst for­mal schon kei­nen dezi­dier­ten Blick hat. Es scheint mir dafür nur zwei Ant­wor­ten zu geben: 1. Die Tie­fen­schär­fe soll uns hier etwas über den Raum sagen, nicht über die Figu­ren und ihre sozia­le Gefühls­welt. 2. Bong Joon-Ho mag die Tie­fen­schär­fe und ver­wen­det sie gern. Für den zwei­ten Punkt spre­chen die zahl­rei­chen ver­spiel­ten Schär­fen­ver­la­ge­run­gen, die ein wenig an begin­nen­de Kame­ra­män­ner erin­nern, die zum ers­ten Mal die­se Mög­lich­keit an einem Gerät entdecken.

Die Tie­fen­schär­fe als Kom­pen­sa­ti­on für feh­len­den Raum

Snowpiercer

Eigent­lich ist es doch ganz logisch. Wenn man sich als Film­schaf­fen­der die Fra­ge stellt, wie man ein auf­re­gen­des visu­el­les Design erstel­len kann, in einem Film, der fast durch­ge­hend in einem fah­ren­den Zug spielt, dann wird man frü­her oder spä­ter mit dem Ein­satz der Tie­fen­schär­fe kon­fron­tiert wer­den. Die­se ermög­licht ein­fach ein räum­li­ches Gefühl, eine-wie der Name sagt-Tie­fe im Raum, die der dro­hen­den Mono­to­nie eine schein­bar unend­li­che Palet­te an mög­li­chen Ein­stel­lun­gen und Blick­win­keln gegen­über­stellt. Auf die­se Art gelingt es „Snow­pier­cer“ ins­be­son­de­re zu Beginn ein Gefühl für die Enge (oder bes­ser: den Dreck), in der die Unter­schicht leben muss, zu ver­mit­teln. In einem lan­gen Gespräch zwi­schen Cur­tis und Edgar wird zudem nicht nur auf deren Ver­hält­nis geschlos­sen, son­dern retro­spek­tiv auch auf die inne­re Schuld, die Cur­tis in Ver­bin­dung mit dem jun­gen Mann plagt, der wie ein Schat­ten im Bett unter ihm liegt. Der räum­li­che Effekt der Tie­fen­schär­fe deu­tet auch auf die Moti­va­ti­on der Prot­ago­nis­ten hin, denn deren Ziel ist das Errei­chen der Spit­ze des Zuges ist. Die­se ver­birgt sich in der Tie­fe des Gan­ges, hin­ter zahl­rei­chen Türen, die sich wie in eine unbe­kann­te Unend­lich­keit erstre­cken. Auf nar­ra­ti­ver Ebe­ne setzt Bong Joon-Ho der Unsi­cher­heit, die durch die Tie­fe und Unbe­kannt­heit des Rau­mes evo­ziert wird, ein auf­klä­ren­des Ele­ment ent­ge­gen und ver­rät dadurch nicht nur sei­ne Bil­der, son­dern auch einen essen­ti­el­len Span­nungs­punkt sei­nes Film. Die Figur Yona ist näm­lich in der Lage, durch Türen hin­durch zu sehen. Damit wer­den die vom Set-Design wun­der­bar instal­lier­ten Mög­lich­kei­ten zur Unsicht­bar­keit, zur Unschär­fe wei­ter eli­mi­niert. Es beginnt ein merk­wür­di­ges Wech­sel­spiel zwi­schen Trans­pa­renz und Unge­wiss­heit und man mag mir Recht geben, wenn ich sage, dass man sich ob der Span­nung und auch ob der Fra­ge nach dem Blick des Autors wün­schen wür­de, dass ein wenig mehr Unge­wiss­heit herr­schen wür­de. Aus ähn­li­chen Grün­den der räum­li­chen Ein­ge­schränkt­heit hat dies in letz­ter Zeit bei­spiels­wei­se „Locke“ von Ste­ven Knight deut­lich bes­ser gemacht (auch wenn er zu oft schnei­det). Es scheint doch so: Die Trans­pa­renz im Zug geht von vor­ne nach hin­ten und die Unschär­fe von hin­ten nach vor­ne. (Trans­pa­renz im Film, das sind zum Bei­spiel die Tele­fo­ne, die Kon­trol­le über Licht, die Fens­ter, die Grö­ße der Räu­me, die Hel­lig­keit etc) Der Film folgt Prot­ago­nis­ten von hin­ten nach vor­ne. Er tut dies mit einem offen­sicht­li­chen Blick aus Sicht der Prot­ago­nis­ten, den er aber nicht for­mal, nur nar­ra­tiv bedient. Und des­halb herrscht eine Klar­heit gegen­über dem Raum, wo eigent­lich Unsi­cher­heit ist. Man merkt, ich ende immer am sel­ben Punkt. Noch aber bin ich nicht bei jenem Aspekt ange­langt, den ich als das größ­te Ver­säum­nis von „Snow­pier­cer“ im Ver­hält­nis zur Tie­fen­schär­fe ansehe.

Die Tie­fen­schär­fe als Zei­chen für Gegensätze

Snowpiercer
This Way
Snowpiercer
Or That Way

Pier Pao­lo Paso­li­ni hat zu sei­nem „Salò o le 120 gior­na­te di Sodo­ma“ geschrie­ben, dass die Bedeu­tung in der Form lie­ge. Er hat sich in sei­nem Leben vie­le Gedan­ken zum poe­ti­schen Poten­zi­al der fil­mi­schen Spra­che gemacht und zudem hat er als pole­mi­scher Mar­xist immer wie­der aus der Sicht Unter­drück­ter Fil­me gemacht. Doch man kann mit gro­ßer Sicher­heit sagen, dass er nie­mals die Regie­ren­den und die Unter­drück­ten mit einer Orgie aus Schär­fe und Unschär­fe gegen­über­ge­stellt hät­te, die mit dem Holz­ham­mer in „Snow­pier­cer“ deren Rela­ti­on anzeigt. Am auf­fäl­ligs­ten ist die Ver­wen­dung der Tie­fen­schär­fe als Indi­ka­tor für Klas­sen­ge­gen­sät­ze, wenn Mason vor die Unter­drück­ten tritt und ihnen erklärt, dass sie an ihrem ange­stamm­ten Platz leben. Bei Paso­li­ni dage­gen zeigt die Form immer ein inne­res Leben an. Des­halb wirkt alles kli­nisch und sym­me­trisch in „Salò“, des­halb wird die Tie­fen­schär­fe in „Edi­po Re“ immer extre­mer. Dabei geht es Paso­li­ni weni­ger um eine Iden­ti­fi­ka­ti­on, son­dern um die Mög­lich­keit der Neu­tra­li­tät in der sub­jek­ti­ven Dar­stel­lung. Er ver­glich sein Vor­ge­hen mit jenem einer indi­rek­ten Rede in der Lite­ra­tur. Man sieht es etwas, in der Art, in der es die Figur und/​oder der Autor sehen (bes­ten­falls tei­len Prot­ago­nist und Autor ihre Sicht auf die Welt) und folgt dem gan­zen distan­ziert. Was Bong Joon-Ho macht, erin­nert dage­gen mehr an agi­ta­to­ri­sche Iden­ti­fi­ka­ti­ons­rhe­to­rik aus dem frü­hen sowje­ti­schen Film. Das ist für sich genom­men gerecht­fer­tigt, aller­dings wech­selt er (ich kom­me wie­der zu mei­nem Punkt) dabei stän­dig die Per­spek­ti­ve, als wol­le er anzei­gen: Eine Ver­ei­ni­gung ist nicht mög­lich, weil alle auf unter­schied­li­chen Pla­ne­ten leben. (der Pla­net der Schär­fe und der Pla­net der Unschär­fe) Er ver­passt es mit sei­ner Tie­fen­schär­fe von der Wech­sel­wir­kung zwi­schen Oben und Unten zu erzäh­len. Trotz Schär­fen­ver­la­ge­run­gen wird mit ihr nur die Starr­heit eines Sys­tems ange­zeigt, denn die Men­schen ste­hen hier für eine grö­ße­re poli­ti­sche Idee und die­se Para­bel­haf­tig­keit wird mit dem stän­di­gen Spiel zwi­schen Scharf/​Unscharf und der räum­li­chen Gegen­über­stel­lung bis zur Schmerz­gren­ze betont. Die­se for­mel­le Klei­nig­keit wirkt auf schmerz­li­che Wei­se kon­trär zur eigent­li­chen Hal­tung des Films, der Ver­än­de­rung und Auf­bruch pro­pa­giert und ein huma­nis­ti­sches Welt­bild for­dert. So sehen wir in der Tie­fen­schär­fe weder die Sicht der Unter­drück­ten, noch jene deut­lich kli­ni­sche­re der Unter­drü­cker. In der Form liegt immer auch ein poli­ti­sches Poten­zi­al, womög­lich sogar das ein­zi­ge poli­ti­sche Poten­zi­al. Nun mag man mir vor­hal­ten, dass ich viel zu viel hin­ein­le­ge in einen Action­film. Aber gera­de die­ses Gen­re eig­net sich her­vor­ra­gend, um poli­ti­sche Hal­tun­gen sub­til zu ver­mit­teln, wie die ame­ri­ka­ni­sche Film­ge­schich­te vom Anti-Nazi bis zum Anti-Russ­land Kino immer wie­der gezeigt hat. „Snow­pier­cer“ ist-ganz ein Pro­dukt sei­ner Zeit-über­mä­ßig um poli­ti­sche Kor­rekt­heit bemüht (man ach­te auf die Aus­ge­gli­chen­heit von Geschlecht und eth­ni­scher Her­kunft) und stets wer­den die Unge­rech­tig­kei­ten von Oben nach Unten the­ma­ti­siert. Nun hat­te Bong Joon-Ho die Mög­lich­keit die­se Hal­tung mit einer klar posi­tio­nie­ren­den Form zu unter­stüt­zen oder er hat­te die Mög­lich­keit sie gewis­ser­ma­ßen zu ent­frem­den, sie zur frei­en indi­rek­ten Rede zu machen. Aber der über­schätz­te korea­ni­sche Regis­seur ver­mag ledig­lich mit sei­ner Form zu sagen: Da sind Gegen­sät­ze! Er fin­det kei­ne Mög­lich­keit uns fil­misch zu ver­mit­teln wel­cher Art die­se Gegen­sät­ze sind, wel­che Posi­ti­on er dazu hat und ob die­se Gegen­sät­ze sta­bil oder fra­gil sind. Am Ende des Tages ist die Schär­fen­ver­la­ge­rung von einer Waf­fe auf ein zit­tern­des Gesicht, dann nicht der Schlag in den Magen, der es sein soll­te, son­dern ledig­lich ein Aus­druck tech­ni­scher Fähig­kei­ten zur Her­stel­lung kon­ven­tio­nel­ler Bild­spra­chen. Es wäre auf­re­gend gewe­sen, wenn die Unter­drück­ten immer nur als unschar­fer Schat­ten fun­gie­ren wür­den in die­sen Sze­nen genau­so wie es span­nend gewe­sen wäre, die Unter­drü­cker als unschar­fe Bedro­hung, als Untoucha­ble am ande­ren Ende des Zuges zu insze­nie­ren. Dadurch wäre auch eine Hal­tung des Fil­me­ma­chers erwachsen.

Die Tie­fen­schär­fe als Entfremdung

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„Snow­pier­cer“ ver­zich­tet fast gänz­lich dar­auf zu ver­mit­teln wie es sich anfühlt 17 Jah­re unter sol­chen Bedin­gun­gen zu leben. Erstaun­lich ist, dass die Men­schen zwar davon erzäh­len und zum Bei­spiel kur­ze Schocks bekom­men, wenn sie vom Licht geblen­det wer­den, aber ihre Wahr­neh­mung der Welt nicht dar­un­ter gelit­ten zu haben scheint. Dabei wür­de gera­de die Tie­fen­schär­fe die Mög­lich­keit beinhal­ten, anzu­zei­gen, inwie­fern man sich-gera­de im Hin­blick auf die abstru­se Back­ground­sto­ry von Cur­tis-von sich selbst ent­frem­det. Wo ist der Schutz­wall, den die Über­le­ben­den in ihrer Wahr­neh­mung auf­ge­baut haben müs­sen? Wo ist ihre Lee­re? Wo ist ihre Dau­er? An die­ser Stel­le mag man nun wirk­lich ein­wen­den, dass es nie­mals das Ziel von „Snow­pier­cer“ sein kann, ein mensch­li­ches Dra­ma zu erzäh­len. Dar­um geht es auch nicht, son­dern ledig­lich dar­um wie ein­fach und sub­til der Film ein Gefühl für die­se Figu­ren mit der Tie­fen­schär­fe hät­te errei­chen kön­nen und wie er trotz sei­ner häu­fi­gen Ver­wen­dung die­ses Stil­mit­tels nicht ein ein­zi­ges Mal in die Ver­le­gen­heit kommt es zu tun. Ledig­lich ganz am Ende, wenn Cur­tis für eini­ge Momen­te allei­ne im Herz des Motors steht und alles um ihn her­um unscharf wird, erfährt man einen sol­chen Moment. Der Gedan­ke von Bong Joon-Ho ist, dass man in einer sol­chen Umge­bung nie­mals allei­ne sein kann, dass also so etwas wie inne­res Leben, wie Nach­den­ken kaum statt­fin­det. Aber gera­de das Feh­len die­ser Rück­zugs­mög­lich­kei­ten eta­bliert doch eine sol­che Ent­frem­dung. Man merkt der Bild­spra­che nicht an, dass die­ser Zug ein Gefäng­nis ist. Wenn ein Film eine gan­ze Welt in einen Zug ver­legt, dann wird er sich sol­chen exis­ten­tia­lis­ti­schen The­men stel­len müs­sen. Ins­be­son­de­re, wenn er am Aus­gang damit war­tet, dass alles Teil eines grö­ße­ren Plans ist. „Snow­pier­cer“ bedient die­se Gefühls­la­ge inhalt­lich, indem er von geschei­ter­ten Flucht­ver­su­chen und von Gefäng­nis­kon­stel­la­tio­nen erzählt, nicht aber for­mell. Man den­ke bei­spiels­wei­se an die klaus­tro­pho­bi­schen Gän­ge in „Das Boot“ von Wol­fang Peter­sen oder an die ver­un­si­chern­den Weit­win­kel-Unschär­fen in Denis Ville­neu­ves „Incen­dies“. (Ich nen­ne hier bewusst Fil­me, die wie „Snow­pier­cer“ einen Unter­hal­tungs­an­spruch haben; wenn man mit der Tie­fen­schär­fe bei Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni begin­nen wür­de, wäre das unfair) Dort wird der Raum als eine Beschrei­bung des Lebens spür­bar. Dies geschieht nicht in „Snow­pier­cer“ und das ist ein gro­ßes Ver­säum­nis des Films. Ich füh­le nicht, was die­se Men­schen erle­ben und des­halb erscheint mir ihr Begeh­ren, ihre Revo­lu­ti­on als abs­trak­te, intel­lek­tu­el­le Idee statt als Not­wen­dig­keit. Ein­zig eine auch tech­nisch inter­es­san­te Schär­fen­ver­la­ge­rung von der zer­stör­ten Eis­land­schaft drau­ßen auf das Fens­ter, das vor die­ser Welt zugleich schützt und sie ver­hin­dert, zeu­gen von einer Sehn­sucht, die auch in den Bil­dern greif­bar wird.