Phil­ip Sey­bold hat sich zu mei­nem letz­ten Ein­trag über den Film „Zero Dark Thir­ty“ von Kath­ryn Bige­low geäu­ßert und mei­ne 4 Kri­tik­punk­te hin­ter­fragt;  ich möch­te unse­re Dis­kus­si­on zum The­ma „Pathos“ und „Ame­ri­ka“ nicht vor­ent­hal­ten.  Ich habe unse­re Dis­kus­si­on nach den Kri­tik­punk­ten mei­ner Bespre­chung geord­net, um eine inhalt­li­che Kohä­renz zu gewähr­leis­ten. (hier noch­mal der Link zur ursprüng­li­chen Bespre­chung)
Kri­tik­punkt 1

Phil­ip   

Zur ers­ten Sze­ne mit der schwar­zen Lein­wand und den Stim­men der Opfer; sie setzt die Sze­nen ja nicht in Kon­trast son­dern stellt sie Gegen­über und the­ma­ti­siert die Auge um Auge Zahn um Zahn Men­ta­li­tät der Amerikaner.

Jugend ohne Film
 

Bei die­sem Punkt gebe ich dir am ehes­ten Recht. Den habe ich ja auch am defen­sivs­ten for­mu­liert. Was ich dar­an nicht ver­ste­he ist glau­be ich, dass es die Opfer sein müs­sen, die the­ma­ti­siert wer­den; über eine sehr emo­tio­na­le Schie­ne im Gespräch mit ihren Liebs­ten; dabei wird dem gan­zen schon eine so gro­ße Bedeu­tung bei­gemes­sen mit der schwar­zen Leinwand…und das ist ja schon ein Kon­trast zu gro­ßen Tei­len des Films, die dokumentarisch/​realistisch daher­kom­men. Nur ich glau­be auch nicht, dass ein Ame­ri­ka­ner, der das im Kino sieht, dar­in sei­ne eige­ne Men­ta­li­tät gespie­gelt sieht…die sieht man viel­leicht nur mit unse­rem euro­päi­schen Blick von außen. Aber das ist natür­lich Spe­ku­la­ti­on; glau­be ein­fach, dass das als ein emo­tio­na­ler Trig­ger gedacht war und den fin­de ich unpas­send. Zuge­ge­ben: Man muss mit 911 begin­nen, aber viel­leicht aus einem ande­ren Blickwinkel? 
Phil­ip   

Ich fin­de es gut und hal­te es auch für rich­tig dass die Opfer the­ma­ti­siert wer­den. Die Fol­ter­sze­nen im Anschluss sind ja nur schwer ertrag­bar. Die Fra­ge, ob auch das größ­te Leid der Men­schen, die bei 911 gestor­ben sind die Hand­lun­gen, die dar­auf folg­ten recht­fer­ti­gen, ist das ent­schei­den­de für mich. In bei­den Sequen­zen geht es ja um Opfer. Und die schwar­zen Bil­der, nur von Ton unter­legt, ent­spre­chen für mich durch­aus auch dem doku­men­ta­ri­schen Cha­rak­ter des Films.

Kri­tik­punkt 2

Phil­ip
 

Das ist natür­lich Geschmacks­sa­che, ob man die­se Art der Insze­nie­rung mit dem Span­nungs­auf­bau mag, aber der Auf­trag bekommt so für die Haupt­fi­gur natür­lich ein per­sön­li­ches Motiv; das ist mei­ner Mei­nung nach ein wich­ti­ger Kata­ly­sa­tor für die wei­te­ren Hand­lun­gen der Hauptfigur.
Jugend ohne Film     
Aber war­um braucht eine sol­che Hand­lung einen Kata­ly­sa­tor? Und war­um braucht man dazu die Emo­tio­nen einer ein­zel­nen Per­son, die schein­bar allei­ne gegen alle arbei­tet? (es wird ja sogar mal im Film aus­ge­spro­chen, dass sie allei­ne gegen alle ist.) Ich den­ke, dass fast jeder Zuschau­er des Films weiß, um was es geht und die Wich­tig­keit oder Absur­di­tät des gan­zen auch ein­schät­zen kann; ich fin­de die Redu­zie­rung der The­ma­tik auf die­se ein­zel­ne Per­son sehr bil­lig. Ins­be­son­de­re, da sie ja nicht son­der­lich aus­ge­ar­bei­tet wird. Dann hät­te man ent­we­der mehr Cha­rak­te­re oder mehr Cha­rak­ter (von ihr) zei­gen müs­sen. Man zeigt 1–2 halb­her­zi­ge Sze­nen, in denen eine Freund­schaft zwi­schen den bei­den Frau­en ent­steht und dann wird sie mit einem rie­si­gen Vor­spiel spek­ta­ku­lär weggesprengt…hat mich irri­tiert, irri­tiert mich noch immer. Viel­leicht ver­ste­he ich auch den Cha­rak­ter, den Chas­tain spielt falsch. Sie war hart und beses­sen ab einem gewis­sen Zeit­punkt, ich habe ihr nicht abge­nom­men, dass sie ein Anschlag so mitnimmt.
Phil­ip
 

Da fin­de ich die gra­de die Distanz wich­tig die man zu ihrem Cha­rak­ter hegt, sonst könn­te man dem Film sogar vor­wer­fen die Metho­den der CIA zu recht­fer­ti­gen. (Was ihm mei­ner Mei­nung nach auch voll­kom­men zu Unrecht in vie­len Kri­ti­ken vor­ge­wor­fen wird). Zumal das ja auch nicht gera­de zur Gesin­nung Kath­ryn Bige­lows passt. Die Idee einen Film über die Suche nach Bin Laden zu machen gab es ja schon vor sei­ner Ergrei­fung; das Dreh­buch war auch schon geschrie­ben und wur­de dann geän­dert weil ein paar Mona­te vor Dreh­be­ginn die Tötung Bin Ladens voll­zo­gen wur­de.
Dem Cha­rak­ter von Chas­tain geht es ja nur um die Spur , die sie eben für die rich­ti­ge hält und auch für ihren Kar­rie­re­sprung die­nen soll; für den sie ja offen­sicht­lich über Lei­chen geht, aber die ande­ren drän­gen ja auch nach der Ergrei­fung Bin Ladens . Und dass da eben nur eine ein­zel­ne Figur gezeigt wird, fin­de ich gera­de gut, denn trotz der Distanz zum Cha­rak­ter (kei­ne wirk­li­che Back­ground­sto­ry, kein Ein­blick ins pri­va­te Umfeld etc.) wird eben die­se maschi­nel­le Suche, die teil­wei­se zum per­ver­sen Spiel wird, als sie zum Bei­spiel mit der Kol­le­gin wie unge­dul­di­ge Teen­ager SMS schreibt, im Zuschau­er reflek­tiert und eben nicht als ein nor­ma­les Ver­hal­ten ver­stan­den; du hast dich ja auch dar­über auf­ge­regt, voll­kom­men zu Recht, weil der Umgang der Figu­ren mit ihrer «Auf­ga­be» eine merk­wür­di­ge Dimen­si­on erfährt. Ich fin­de aber nicht die Dar­stel­lung krank­haft son­dern eben die Figuren.
Kri­tik­punkt 3

Phil­ip
Die Hub­schrau­ber­se­quenz stellt für mich wie­der­um die sub­jek­ti­ve Sicht der Ame­ri­ka­ner dem Unter­fan­gen gegen­über da, also das typi­sche Hel­den-Kon­stru­ie­ren. aber die Heroi­sie­rung wird ja durch den Ein­satz an sich, der dem folgt, gebro­chen als die Sol­da­ten vor den Augen der wei­nen­den Kin­der die Eltern töten.
Jugend ohne Film 
Ich habe die Insze­nie­rung nicht als sub­jek­tiv emp­fun­den. Für mich war der Blick sehr distan­ziert. Mit der Musik (, die ich im Übri­gen groß­ar­tig fin­de!), die­sen lang­sam, schwe­ben­den Bil­dern, der Par­al­lel­mon­ta­ge, dem Countdown…subjektiv wur­de es nur kurz, als sie innen im Hub­schrau­ber bei den Sol­da­ten war mei­ne ich. Aber was heißt sub­jek­tiv schon? Und die Sequenz dau­ert wahn­sin­nig lan­ge; dann hat­te ich ja auch geschrie­ben, dass Bige­low schnell wie­der in die­se Pro­fes­sio­na­li­tät und Mecha­nik über­geht, sobald sie im Haus sind. Das fand ich auch gut. Ich glau­be hier liegt der sprin­gen­de Punkt: Ich fin­de nicht, dass der Film pro-ame­ri­ka­nisch ist. Ich fin­de auch nicht, dass er anti-ame­ri­ka­nisch ist. Ich glau­be er will ein­fach die Din­ge so zei­gen wie sie sich zuge­tra­gen haben/​haben könn­ten. Und ich fin­de, dass er in den genann­ten 4 Sze­nen eine Stel­lung bezieht und die ist vor allem pathe­tisch, mal ganz unab­hän­gig, ob das jetzt pro-ame­ri­ka­nisch oder anti-ame­ri­ka­nisch ist. Zudem glau­be ich, dass heu­te fast alle halb­wegs intel­li­gen­ten Fil­me eine kri­ti­sche Hal­tung haben müs­sen, um beim Publi­kum nicht durch­zu­fal­len. Das ist ja fast ein Zeit­phä­no­men, ein Trend anti-patrio­tisch bezie­hungs­wei­se anti-ame­ri­ka­nisch zu sein.
Phil­ip
 

Und da wird es eben dra­ma­tisch, in klas­si­scher Hol­ly­wood Manier, und der doku­men­ta­ri­sche Stil wird ver­las­sen; das mein­te ich mit sub­jek­ti­ver Sicht; eben die ame­ri­ka­ni­sche Sicht auf die Suche , das Epi­sche das dem Unter­fan­gen ange­dich­tet wur­de von Sei­ten der Poli­tik und der Medi­en in den Staa­ten. Anti-ame­ri­ka­nisch war wohl ein biss­chen naiv und platt aus­ge­drückt von mir, ich fin­de sowie nicht, dass der Film sehr poli­tisch ist oder dass er eben nur eine ein­zi­ge Posi­ti­on ein­nimmt. Außer eben am Ende und das ist, was mir an ihm so gut gefällt: Aus ame­ri­ka­ni­scher Sicht wirft er eini­ge Fra­gen auf, aber er recht­fer­tig nicht die Hand­lun­gen des Militärs. 
Kri­tik­punkt 4

Phil­ip
 

Für mich ent­steht am Schluss kei­nes­wegs das Gefühl von „Wir haben es geschafft.“Am Ende wird viel­mehr die Sinn­lo­sig­keit des Unter­fan­gens selbst thematisiert:«Gewinner gibt es am kei­ne». Der Film ist für mich ein anti­ame­ri­ka­ni­scher Film.

Jugend ohne Film   


Damit hast du sicher Recht. Ich ärge­re mich nur, dass der Film das so an einer Per­son fest­na­gelt. Manch­mal ver­sucht der Film die kom­plet­ten glo­ba­len Posi­tio­nen mit ein­zu­be­zie­hen, zeigt Nach­rich­ten­bil­der und so wei­ter, dann will er wie­der ein Cha­rak­ter­dra­ma sein, zeigt aber eigent­lich nichts von sei­nem Cha­rak­ter, um sie am Ende wei­nend im Flug­zeug sit­zen zu las­sen? Weiß nicht, ob du «The Hurt Locker» gese­hen hast oder sagen wir «The Thin Red Line» von Malick. Die haben ja ganz ähn­li­che Enden, aber halt mit mehr Tie­fe, weil mehr Cha­rak­te­re. Was mich gestört hat, ist dass man nicht the­ma­ti­siert hat, dass der welt­wei­te Ter­ro­ris­mus nach dem Tod von Bin Laden im End­ef­fekt genau so wei­ter­ge­gan­gen ist. Ich hät­te es bei­spiels­wei­se als gut emp­fun­den den Anfang auf­zu­grei­fen und auch mit einem Anschlag zu enden oder ähn­li­ches. Aber das ist-wie alles-subjektiv…Vielleicht sei noch ange­merkt: Die­ser Pathos bewirkt für mich eben das, was ich im letz­ten Abschnitt sage; die­ses «Wir haben es geschafft», ins­be­son­de­re, wenn sie ihn identifiziert…also dadurch dass das so auf ihren Cha­rak­ter redu­ziert wird, wird es für mich über­stei­gert. Die letz­te Sze­ne bezie­he ich dann auch mehr auf sie, als auf die kom­plet­te Mis­si­on. Sie hat ihr Ziel erreicht und weiß nicht mehr wohin. Aber das kann man natür­lich auch als Sinn­bild für alle sehen, da ver­ste­he ich dei­nen Punkt vollkommen.
Phil­ip
 
Am Ende ist für mich eben der Blick auf die Lei­che ent­schei­dend, Ich inter­pre­tie­re das nicht so wie bei „The Hurt Locker“. Da ist die Figur ja abhän­gig von dem Thrill und so wei­ter und kommt nicht mehr davon los, son­dern dass sie mit «dem Blick auf den Tod» die Sinn­lo­sig­keit ihrer ver­bit­ter­ten Suche erkennt. Zu all­dem sei gesagt, dass ich dei­ne Argu­men­ta­ti­on auch für nach­voll­zieh­bar hal­te bezie­hungs­wei­se auch ver­ste­he, dass du ihn viel­leicht nicht so mochtest.