Drehtagebuch eines eigenen Films


Über die ver­gan­ge­nen vier Tage habe ich einen Kurz­film gedreht. Ich möch­te hier mei­ne Gedan­ken, die ich immer am Abend/​in der Nacht nach Dreh­schluss auf­ge­schrie­ben habe, tei­len. Viel­leicht sagen sie ein biss­chen was aus über die Arbeit als uner­fah­re­ner und ler­nen­der Fil­me­ma­cher. Viel­leicht nicht. 
Tag 1
Wenn man einen eige­nen Kurz­film gegen alle Regeln dreht, die man bis­lang ange­wen­det hat. Wenn man ver­sucht die eige­ne Kon­trol­le auf­zu­ge­ben und ver­sucht sich auf alle ande­ren ein­zu­las­sen, schei­tert man dann? Ges­tern habe ich mit dem Dreh eines Kurz­films begon­nen, der alles anders machen soll­te, als mei­ne bis­he­ri­gen Kurz­fil­me. Ich habe ein klei­nes Team (9 Leu­te) ver­sam­melt, das sich durch den Moment trei­ben las­sen soll, das impro­vi­sie­ren soll, das mich über­ra­schen soll. Ich woll­te mit Hand­ka­me­ra spon­tan auf die Ereig­nis­se reagie­ren, die immer wie­der in neue Rich­tun­gen, mit neu­en Impul­sen geführt wer­den. Den Schau­spie­lern soll­te dabei völ­li­ge Frei­heit gege­ben wer­den; es gibt kein Dreh­buch, es gibt kei­ne Auf­lö­sung; alle Schau­spie­ler wis­sen Din­ge über ihre Figu­ren, die die ande­ren nicht wis­sen, ihre Rol­len tra­gen ihren Namen. Sie dür­fen nicht unter­ein­an­der über die Rol­len spre­chen; selbst der Kame­ra­mann wird nicht immer invol­viert, weiß nicht wann was pas­siert. Manch­mal erklär­te ich ihnen Moti­va­tio­nen, oft gab ich sie ihnen ohne Moti­va­ti­on. Es fällt mir unheim­lich schwer auf die­se Art zu dre­hen. Ohne Kon­trol­le, ohne Plan? Dar­un­ter lei­det dann der Ton, das Bild…wohin mit den Gedan­ken? Es ging und geht mir nur dar­um eine bestimm­te Stim­mung in der Zeit fest­zu­hal­ten. War­um fällt es mir so unend­lich viel schwe­rer, wenn ich die­se Stim­mung ver­su­che in der Gegen­wart auf­zu­grei­fen, als wenn ich sie mir vor­her überlege? 
Immer wie­der fal­le ich dann in Kli­schees, hän­ge mich auf an Vor­bil­dern. Es gibt auch eine zwei­te Kame­ra. Sie filmt das Team, das den Film dreht, fängt die Umge­bung ein…Passanten, Pflan­zen, Tie­re. Frei­er kann man nicht an einen Film her­an­ge­hen und doch drückt in mei­nem Kopf das Ver­lan­gen nach einem Plan; einem vor­ge­ge­be­nen Ablauf; genau­so stark ist mein Ver­lan­gen nach Sta­tik. Ich habe das Gefühl, dass ich mich mit einer Hand­ka­me­ra kaum aus­drü­cken kann, dass ich von Freund­schaft kaum erzäh­len kann. Aber wie früh im Leben kann man denn schon wis­sen, wel­che Form einem bes­ser ent­ge­gen­kommt; und soll­te nicht immer das The­ma, die Cha­rak­te­re den Stil vor­ge­ben? Es gibt ja nicht „den Stil“; alles kann funk­tio­nie­ren. Die­ser Film soll­te ein Ver­such sein sich zu öff­nen und ich kom­me mir dabei selbst so fremd vor. 
Heu­te wird sehr anders.
Tag 2
Der zwei­te Tag war anders und kuri­os. Zu Beginn haben wir das Tem­po ange­zo­gen und ich habe ver­sucht kla­re und ein­fa­che Anwei­sun­gen vor­zu­ge­ben. Wir haben tat­säch­lich noch­mal bei null ange­fan­gen. Die Inten­si­tät und Direkt­heit war gera­de in den ers­ten Takes wun­der­bar. Aller­dings neig­ten die Dar­stel­ler zu Über­trei­bun­gen, wur­den fast zu zügel­los und so kam ich nach und nach wie­der in den Zwei­fel: Soll ich bewusst eine Art Film machen, die mir nicht gefällt? In einer län­ge­ren Dis­kus­si­on mit dem Kame­ra­mann und der Regie­as­sis­tenz war ich so am Boden, wie noch nie wäh­rend eines Film­drehs. Ich konn­te nicht mehr wei­ter und nicht mehr zurück. Alles hat­te sich fest­ge­fah­ren; ohne Dreh­buch, ohne Aus­weg. Es gab nicht mal einen Stroh­halm, an dem ich mich hät­te fest­hal­ten kön­nen. Der Kame­ra­mann beharr­te dar­auf ein­fach wei­ter zu machen. Er hat­te wohl Recht. Mit der Regie­as­sis­ten­tin und den drei Dar­stel­lern hin­ter mir bin ich dann blind in den Wald gelau­fen bis zu einer Stel­le mit einem quer­lie­gen­den Baumstamm.
Mir kam die Idee die Figu­ren in den Wald zu schi­cken ohne dass sie genau wis­sen wes­halb. Also prak­tisch mei­ne eige­ne Situa­ti­on zur Situa­ti­on der Figu­ren zu machen; die Suche nach etwas, das man nicht kennt. Und der Wald wirk­te wie eine Befrei­ung. Oft sind wir ein­fach nur gelau­fen, dann haben wir Takes gedreht vom Lau­fen, dann haben wir Gesprä­che insze­niert. Wir sind immer tie­fer in den Wald ein­ge­drun­gen, haben uns von der Natur inspi­rie­ren las­sen. Es war eine neue Ener­gie, eine Befreiung.
Am Abend habe ich wie­der alle Mus­ter ange­se­hen und bemerkt, dass selbst die Takes, mit denen ich unglück­lich war, ihre wich­ti­gen Momen­te haben. Es ist tat­säch­lich als wür­de ich gera­de ler­nen die Augen zu schlie­ßen, wenn ich einen Film mache. 
Tag 3
Am Mor­gen habe ich mir einen Plan von 9 Ein­stel­lun­gen gemacht, die wir mei­ner Mei­nung nach machen muss­ten, um zu einer in Rhyth­mik und Melo­die pas­sen­den Film zu gelan­gen; ich habe den Schau­spie­lern gleich am Mor­gen erzählt wie ich die Geschich­te bis­her sehe, was bis­her geschah. Mir wur­de klar, dass es jetzt eine Linie gab, der man fol­gen konn­te. Dann sind wir in den Wald mar­schiert und haben dort Bild für Bild abgedreht.
Ich wuss­te, dass an die­sem Tag Raum für außer­ge­wöhn­li­che Momen­te war. Die Fra­ge bei Impro­vi­sa­ti­on scheint mir immer zu sein wie und ob man Din­ge wie­der­holt, die nicht ganz per­fekt waren, aber nahe dran. Der Drang nach Per­fek­ti­on ist dann immer so groß. Ich ver­su­che bei die­sem Dreh Wie­der­ho­lun­gen zu ver­mei­den, aber ganz auto­ma­tisch kommt man an den Punkt der Wie­der­ho­lung. Das Mas­sa­ker mit Anschlüs­sen soll­te sich durch chro­no­lo­gi­sches Dre­hen lösen. Schnit­te wer­den gesetzt wer­den müs­sen, um Löcher zu las­sen. Die Dar­stel­ler kamen heu­te an die Punk­te, die ich gesucht habe. Sie kamen dort weit­aus effek­ti­ver ran, als wenn ich mit ihnen geprobt hät­te. Ich ver­su­che nicht mehr alles zu psy­cho­lo­gie­ren, ver­su­che Film als Hand­lung zu neh­men. Das Kon­zept erlaubt mir mei­ne Erklä­rung zu ver­wei­gern. Die Din­ge pas­sie­ren ein­fach; kei­ner weiß, wann man lächelt, wann man schreit und wann man weint. Und immer wie­der kom­men Impul­se aus dem Spiel, die einen in neue Rich­tun­gen drängen.
Tag 4
Auf der Wel­le des gest­ri­gen Tages war heu­te der Ver­such ange­sagt ein­fach wei­ter­zu­ma­chen; das gelang zu Beginn sehr leicht. Aller­dings muss­te man extrem auf­pas­sen, dass sich die gute Stim­mung und Locker­heit des Vor­ta­ges nicht auf das Spiel über­trägt. Mei­ne Erfah­rung mit den Dar­stel­lern und selbst mit dem Team war merk­wür­dig distan­ziert zum Teil, weil ich ver­sucht habe ein Gefühl von Ver­un­si­che­rung und Ent­frem­dung aufrechtzuerhalten.
Mir ist auch auf­ge­fal­len, dass ich mit die­sem Film zum ers­ten Mal in der Natur war; ich hat­te den Ein­druck, dass es mir dort deut­lich leich­ter fällt auf die Umwelt zu reagie­ren, die Dreh­or­te zu durch­drin­gen. Bei die­ser Art des Dre­hens kommt kaum Set-Gefühl aus; es gibt kein Set, weil das Set die gan­ze Zeit wan­dert. Es gibt nur vor und hin­ter der Kame­ra und selbst das haben wir begin­nen zu ver­wi­schen mit unse­rer zwei­ten Kame­ra. Das Mus­ter­schau­en am Abend hat mir unheim­lich gehol­fen. Die arbeits­freund­li­che Län­ge der Dreh­ta­ge (ca. 7 Stun­den im Schnitt) erlaubt ein sehr hohes Tempo. 
Ich füh­le mich nicht gut nach dem Dreh. Ich rea­li­sie­re in die­sem Moment was mir alles nicht gelun­gen ist. Ich ver­su­che das Mate­ri­al zu sich­ten, um mich zu beru­hi­gen. Wir haben einen völ­lig ande­ren Film gemacht als ich zuerst dach­te. Trotz­dem scheint er mir unheim­lich nahe zu sein und völ­lig mei­nen Auf­fas­sun­gen zu ent­spre­chen. Jetzt müs­sen wir den Film noch­mal finden.

Anmer­kung: Die Bil­der sind unbe­ar­bei­tet und im fal­schen For­mat.