Hacked Circuit von Deborah Stratman

Ein Blick auf die Welt: Deborah Stratman Retrospektive

Hacked Circuit von Deborah Stratman
Hacked Cir­cuit

Zuerst nur ein Blick. Ein Blick auf die Welt in ihrer rohen Essenz. Die­ser Blick fin­det sich nicht zugleich zurecht, irrt irri­tiert umher, um dann von musi­ka­li­schen Rhyth­men in geord­ne­te Bah­nen gelenkt zu wer­den. Doch die­se Ord­nung ist nur eine schein­ba­re, denn just wenn alles geschlich­tet scheint, wird die kom­ple­xe Mehr­stim­mig­keit bewusst, mit der die Fil­me von Debo­rah Strat­man ope­rie­ren, denen Doc­al­li­ance bis kom­men­den Sonn­tag eine Retro­spek­ti­ve wid­met. Ein mul­ti­di­men­sio­na­ler Blick auf die Welt also, facet­ten­rei­che Arbei­ten, die sich mühe­los in das Gesamt­werk der Ame­ri­ka­ne­rin ein­ord­nen las­sen, obwohl sie alle grund­ver­schie­den sind.

Die­se natür­li­che Neu­gier­de, mit der Strat­man die Welt auf sich ein­wir­ken lässt, die­ses Suchen nach immer neu­en obsku­ren Objek­ten, die es zu bestau­nen gilt, erin­nert an das Schaf­fen Wer­ner Her­zogs, weni­ger in Hin­sicht auf Form­spra­che oder inhalt­li­che Schwer­punk­te, son­dern als Aus­druck eines Modus, sich durch die Welt zu bewe­gen und sie auf­zu­zeich­nen. Die­se Neu­gier­de, die nie voy­eu­ris­tisch oder über­eif­rig wird, kom­bi­niert sie mit einer ein­zig­ar­ti­gen Musi­ka­li­tät, die sich nicht in ers­ter Linie auf die Rhyth­men in ihren Fil­men aus­wirkt, son­dern auf die Ton­spu­ren, die sich durch ihre Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit und Mäch­tig­keit aus­zeich­nen. Doch dar­aus resul­tiert kei­ne audi­tive Domi­nanz, denn den Bil­dern bleibt immer genü­gend Raum sich zu ent­fal­ten und eine gewis­se Brü­chig­keit zu gewährleisten.

O'er the Land von Deborah Stratman
O’er the Land

Strat­mans Blick wan­dert: von der Street Racing Sze­ne in Chi­ca­go bis zu einem Ton­stu­dio in Los Ange­les. Ihre Inter­es­sen schei­nen breit­ge­streut zu sein, und anders als bei Her­zog wird nicht so deut­lich, für was an ihren Prot­ago­nis­ten sie genau inter­es­siert. Für die Töne und die Musik des All­tags? Für das Poten­ti­al der Bil­der mit Tönen ange­rei­chert zu wer­den? Für Frei­heit und Über­wa­chung? So unter­schied­lich und unüber­sicht­lich wie ihre Inter­es­sens­fel­der, sind auch Strat­mans Her­an­ge­hens­wei­sen und Arbeits­ab­läu­fe. Mal filmt sie mit Hand­ka­me­ra in betont veris­ti­schem Stil wie in The BLVD, mal ver­wen­det sie aus­gie­big Found Foo­ta­ge, wie in In Order Not to Be Here und Vil­la­ge, silen­ced, mal filmt sie sin­gle shots, wie in Immor­tal, Sus­pen­ded und in Hacked Cir­cuit.

Die­ser letz­te Film scheint mir beson­ders inter­es­sant für eine ein­ge­hen­de­re Ana­ly­se. Zuerst stieß ich im Rah­men der Vien­na­le auf die­sen Film, als er zusam­men mit Strat­mans über­ra­gen­dem O’er the Land und dem kür­ze­ren Werk Musi­cal Insects gezeigt wur­de. Mit sei­nen knapp fünf­zehn Minu­ten ging der Film damals neben dem über­mäch­ti­gen Ein­stün­der O’er the Land etwas unter, wes­halb ich mich ent­schied den Film im Rah­men der Retro­spek­ti­ve noch ein­mal zu sich­ten. Eine loh­nen­de Ent­schei­dung wie sich her­aus­stel­len soll­te, denn nach­dem ich mich nun ein­ge­hen­der mit dem Werk­kor­pus der Ame­ri­ka­ne­rin aus­ein­an­der­ge­setzt habe, konn­te ich fest­stel­len, dass in Hacked Cir­cuit so eini­ge Fäden ihres künst­le­ri­schen Schaf­fens zusammenlaufen.

Wahr­schein­lich am Auf­fäl­ligs­ten ist das offen­sicht­li­che Spiel des Films mit der Macht des Tons bezie­hungs­wei­se des­sen Mani­pu­la­ti­on. Die Kame­ra bewegt sich näm­lich in einem unge­schnit­te­nen track­ing shot durch ein Ton­stu­dio in Los Ange­les, in dem ein Foley Artist gera­de dabei ist Töne aus Fran­cis Ford Cop­po­las The Con­ver­sa­ti­on zu repro­du­zie­ren. Die Wahl gera­de die­ses Films ist kein Zufall, denn The Con­ver­sa­ti­on war durch inno­va­ti­ve neue Tech­ni­ken des legen­dä­ren Ton­de­si­gners und Cut­ters Wal­ter Murch (dem der Film gewid­met ist) ein tech­ni­scher Mei­len­stein des Kinos (der 70er Jah­re). Dar­über hin­aus beschäf­tigt sich Cop­po­las Film mit Über­wa­chungs­the­ma­tik, der Prot­ago­nist des Films ist ein Abhör­spe­zia­list, ein beson­de­res Inter­es­sens­ge­biet Strat­mans, dem sie sich zum Bei­spiel auch in In Order Not to Be Here gewid­met hat. Der poli­ti­sche Gehalt bleibt aber zunächst im Hin­ter­grund und viel­mehr steht die Neu­gier­de im Vor­der­grund, die Bewun­de­rung für die tech­ni­schen Vor­gän­ge im Stu­dio und das for­ma­le Gim­mick der unge­schnit­te­nen Ein­stel­lung. Erst als die Kame­ra das Stu­dio wie­der ver­lässt und zurück auf die Stra­ße wan­dert und gleich dar­auf die Cre­dit-Sequenz ansetzt beginnt sich das bis dato for­mal-ästhe­ti­sche Werk in ein poli­ti­sches State­ment umzu­wan­deln. Nun sind auf der Ton­spur Aus­schnit­te aus einem ande­ren Film zu hören, in dem Gene Hack­man eben­falls einen Über­wa­chungs­spe­zia­lis­ten ver­kör­pert – es han­delt sich um Tony Scotts Ene­my of the Sta­te. Inner­halb eines cine­ma­ti­schen Bezugs­rah­mens wird augen­blick­lich deut­lich, dass es Strat­man zwar schon um die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten des (Film-) Tons geht, aber nicht um apo­li­ti­schen Ästhe­ti­zis­mus. Die Mani­pu­la­ti­on des Tons ist nicht bloß künst­le­risch span­nend, son­dern auch hoch­pro­ble­ma­tisch. Schlag­ar­tig scheint der Film bewusst machen zu wol­len, auf welch schma­lem Grat er sich bewegt, zwi­schen befruch­ten­der Ambi­va­lenz und schnö­der Mani­pu­la­ti­on. Retro­spek­tiv lässt sich die­se Grat­wan­de­rung auf Strat­mans gesam­te Kar­rie­re aus­wei­ten. Inwie­fern macht sie sich selbst schul­dig mit ihren Fil­men? Wann hat sie den Bogen über­spannt und den Rezi­pi­en­ten hin­ters Licht geführt statt zu erleuchten?

Zum Abschluss eine Wid­mung, nicht nur an Wal­ter Murch, son­dern auch an Edward Snow­den. Der track­ing shot kul­mi­niert in einem dunk­len Kapi­tel ame­ri­ka­ni­scher Geschich­te und tran­szen­diert ein wei­te­res Mal sei­ne bis­he­ri­ge Aus­rich­tung. Von einer all­ge­mei­nen The­ma­ti­sie­rung von Über­wa­chung und Mani­pu­la­ti­on hat er sich zum Kon­kre­ten hin­ge­wen­det und in die­sem Moment ist Hacked Cir­cuit ein direk­ter Nach­fol­ger von O’er the Land als Moment­auf­nah­me und Stim­mungs­bild der US-ame­ri­ka­ni­schen Seele.