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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Jenseits des Krieges von Ruth Beckermann

Dossier Beckermann: Am Anfang der Krieg (Jenseits des Krieges)

Jen­seits des Krie­ges ist in der offi­zi­el­len Fil­mo­gra­phie der öster­rei­chi­schen Fil­me­ma­che­rin Ruth Becker­mann als ihr sie­ben­ter Film ange­führt. Zwan­zig Jah­re lang war Becker­mann zu die­sem Zeit­punkt bereits dabei die sozia­le und poli­ti­sche Geschich­te Öster­reichs zu erfor­schen. Grob lässt sich Becker­manns Werk in drei Inter­es­sens­fel­der glie­dern, die inein­an­der flie­ßen: Juden­tum, Poli­tik, Fami­lie. Der Zwei­te Welt­krieg als ein­schnei­den­des Ereig­nis des 20. Jahr­hun­derts bringt die­se drei Berei­che zusam­men, wes­halb er Becker­mann in vie­len Fil­men als Aus­gangs­punkt dient. Ihre eige­ne (jüdi­sche) Iden­ti­tät, ihre Fami­li­en­ge­schich­te ist eng mit dem Krieg und dem Holo­caust ver­knüpft, gleich­zei­tig ist Poli­tik, und das machen ihre Fil­me deut­lich, als gesell­schaft­li­che Pra­xis bis heu­te stark durch die NS-Zeit, den Krieg und ihre Fol­gen geprägt. Becker­mann inter­es­siert sich dabei weni­ger für his­to­ri­sche Quel­len­for­schung, als für die Inter­ak­ti­on von Damals und Heu­te. Die his­to­ri­sche Ana­ly­se wird immer an die Gegen­wart rück­ge­bun­den, dem­entspre­chend oft han­deln ihre Fil­me von Rück­kehr und Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, sowie von Pro­jek­tio­nen von Geschichts­ver­läu­fen auf das aktu­el­le poli­ti­sche Geschehen.

Die­ser Text steht am Anfang einer geplan­ten Rei­he zum Werk von Ruth Becker­mann. Womög­lich wäre es ange­brach­ter gewe­sen die­ses Pro­jekt mit einem Text zu Die papier­ne Brü­cke zu begin­nen, Becker­manns fil­mi­scher Auf­ar­bei­tung ihrer Fami­li­en­ge­schich­te; oder aber chro­no­lo­gisch vor­zu­ge­hen und ihre frü­hes­te Arbeit Are­na besetzt an den Anfang zu stel­len; ihr viel­leicht poe­tischs­ter Film (und einer mei­ner per­sön­li­chen Favo­ri­ten) Wien retour ver­sam­melt in den Erzäh­lun­gen des Juden, Sozia­lis­ten und Rück­keh­rers Franz West meh­re­re zen­tra­le Moti­ve ihres Film­schaf­fens und hät­te sich eben­falls als Ein­stieg ange­bo­ten. Mit Jen­seits des Krie­ges habe ich jedoch einen Film gewählt, der weni­ger para­dig­ma­tisch ist, einen Film, der sehr klein­tei­lig die Geschich­te und die Volks­see­le Öster­reichs zu rekon­stru­ie­ren ver­sucht, und der nicht zuletzt vor allem durch sei­ne for­ma­le Reduk­ti­on und Kom­pro­miss­lo­sig­keit her­vor­sticht. Aus­ge­hend von die­sem mikro­kos­mi­schen Film möch­te ich mich in den nächs­ten Wochen und Mona­ten wei­ter mit dem Werk Ruth Becker­manns beschäf­ti­gen, die für mich in ihrer fil­mi­schen Hal­tung, in der Klar­heit ihrer Argu­men­ta­ti­ons­füh­rung und in der Kon­se­quenz ihrer Wer­ke zu den zen­tra­len Gestal­ten der öster­rei­chi­schen Film­welt zählt.

Jenseits des Krieges von Ruth Beckermann

„Da sind sie wie­der, die Män­ner, die ich vor zehn Jah­ren wäh­rend des Wald­heim-Wahl­kamp­fes dreh­te. Ich kann sie nicht mehr hören. Ich will ihnen nicht das Wort geben.“

1995 fin­det in Wien eine Aus­stel­lung zu den Kriegs­ver­bre­chen der Wehr­macht statt. Mit eini­ger Ver­spä­tung hat­te in den Acht­zi­gern, befeu­ert durch die Wald­heim-Affä­re, die Auf­ar­bei­tung der NS-Zeit in Öster­reich Fahrt auf­ge­nom­men. Ruth Becker­mann war damals schon als Fil­me­ma­che­rin aktiv, hat­te sich zur Zeit der Pro­tes­te gegen Wald­heim unter die Demons­tran­ten bege­ben und Mate­ri­al gefilmt, dass sie zum Teil für Die papier­ne Brü­cke ver­wen­de­te. Die­se Auf­nah­men zei­gen Ewig­gest­ri­ge, die sich gegen eine Auf­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit und gegen jede Form von Kri­tik an Wald­heim stel­len – der Schluss liegt nahe, dass sie selbst etwas zu ver­ber­gen haben. Knapp zehn Jah­re spä­ter bie­tet die oben­ge­nann­te Aus­stel­lung Gele­gen­heit sich ein­ge­hen­der mit dem Ver­hält­nis der Öster­rei­cher zu ihrer Ver­gan­gen­heit zu beschäf­ti­gen. Die papier­ne Brü­cke hat gezeigt, dass der Anti­se­mi­tis­mus in Öster­reich wei­ter­hin lodert und dass eine umfas­sen­de Ent­na­zi­fi­zie­rung (wenn über­haupt) nur auf dem Papier statt­ge­fun­den hat. In Jen­seits des Krie­ges geht Becker­mann einen Schritt wei­ter, kon­fron­tiert noch ein­mal „die Män­ner, die ich vor zehn Jah­ren wäh­rend des Wald­heim-Wal­kamp­fes dreh­te“ und befragt sie nach ihren Erfah­run­gen, ver­sucht zu erör­tern, wes­halb eine Auf­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit nicht in deren Inter­es­se liegt.

Spar­ta­nisch macht sich Becker­mann ans Werk. In den Aus­stel­lungs­räu­men selbst trifft sie auf die Besu­cher, sucht nach Zeit­zeu­gen und befragt sie vor lau­fen­der Kame­ra. Nie ent­fernt sich die Kame­ra von den Men­schen, ein paar Mal schwenkt sie zwi­schen unter­schied­li­chen Gesprächs­part­nern, die Aus­stel­lungs­ob­jek­te sieht man nur frag­men­ta­risch und unscharf im Hin­ter­grund. Die geal­ter­ten, ein­ge­fal­le­nen Gesich­ter der Welt­kriegs­ve­te­ra­nen erschei­nen meist in Groß­auf­nah­men, wie man sie aus Fern­seh­re­por­ta­gen kennt; das grel­le Muse­ums­licht und das har­te Weiß der Wän­de lässt die Bil­der oft­mals schlam­pig und ver­schwom­men wir­ken; auf tech­ni­sche Bril­lanz wird hier bewusst zuguns­ten von Unmit­tel­bar­keit ver­zich­tet. Über ein Monat dreh­te Becker­mann im Herbst 1995 in den Aus­stel­lungs­räu­men, für den Film kon­zen­trier­te sie ihr Mate­ri­al auf knapp zwei Stun­den, die ganz ohne Über­gän­ge, ohne (Ab-)Lenkung und ohne Kom­men­tar aus­kom­men. Der Film ist ein kom­pro­miss­lo­ses Kon­den­sat von Bit­ter­keit, Trau­er und Ambi­va­lenz und dabei viel­schich­ti­ger und weni­ger ein­sei­tig, als man das ange­sichts der oben zitier­ten Pro­duk­ti­ons­no­tiz ver­mu­ten wür­de. Neben den Alt-Nazis und Apo­lo­ge­ten der Wehr­macht trifft Becker­mann auch auf jüdi­sche Kriegs­op­fer, auf ehe­ma­li­ge Sol­da­ten, die sich ihrer Mit­schuld sehr wohl bewusst sind und auf sol­che, die sich nach fünf­zig Jah­ren mit Grau­en fra­gen, wie es damals dazu kom­men konn­te, und wie man das ver­hin­dern hät­te kön­nen, aber glaub­haft ver­mit­teln, dass ihnen bis heu­te die Ant­wort auf die­se Fra­gen fehlt. Wenn es in Die papier­ne Brü­cke noch so schien, als wäre die Welt ein­fach in unver­bes­ser­li­che Ewig­gest­ri­ge und reu­ige Auf­ge­klär­te auf­zu­tei­len, so zeich­net Jen­seits des Krie­ges ein ganz ande­res Bild.

Jenseits des Krieges von Ruth Beckermann

„Zwi­schen Ver­hör und Mit­leid. Ich muss mir den kal­ten Blick bewah­ren. Wie filmt man Feinde?“

For­mal-ästhe­tisch und dra­ma­tur­gisch macht Becker­mann kei­nen Unter­schied zwi­schen den Recht­fer­ti­gun­gen der Einen und den Selbst­vor­wür­fen der Ande­ren. Auch des­halb las­sen sich man­che die­ser Inter­views nur schwer einer der bei­den Kate­go­rien zuord­nen. Im ers­ten Moment klingt man­ches wie ein Schuld­ge­ständ­nis und endet in einer Beteue­rung nichts gewusst und gese­hen zu haben. Die­se alt­be­kann­ten Aus­re­den erre­gen die Gemü­ter, nicht nur des Zuse­hers, son­dern auch die der ande­ren Besu­cher. Vor allem die Aus­flüch­te auf die Ver­bre­chen der Roten Armee, die gegen jene der Deut­schen Wehr­macht auf­ge­wo­gen wer­den, und die Beteue­run­gen des eige­nen Unwis­sens sto­ßen ande­ren Besu­chern oft sau­er auf, die dazwi­schen gehen und Becker­manns Gesprächs­part­ner ihrer­seits zur Rede stel­len. Die Inter­views ent­wi­ckeln sich dann zu Streit­ge­sprä­chen und erzäh­len von einer tie­fen Zer­ris­sen­heit im Inne­ren der öster­rei­chi­schen Gesell­schaft. In die­sen Momen­ten wird am stärks­ten deut­lich, dass es eine mehr­heits­fä­hi­ge Mas­se gibt, die sich nicht mit Ver­drän­gung und Ver­wei­ge­rung zufrie­den gibt. In die­sen Momen­ten schöpft man Hoff­nung, dass kri­ti­sche Refle­xi­on eine Chan­ce hat und gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung ihr lan­ges, pei­ni­gen­des Schwei­gen been­den wol­len. Oft, so scheint es, kommt mit Becker­mann ins Gespräch, wer sich nach Kathar­sis sehnt – die Fil­me­ma­che­rin als The­ra­peu­tin –, zum Teil geht es ihren Gesprächs­part­nern ledig­lich um Selbst­in­sze­nie­rung. Es ist den­noch so wich­tig, dass sie einen objek­ti­ven, kal­ten Blick bewahrt, dass sie ver­ständ­nis­voll zuhört, wenn auf­ge­brach­te Töch­ter das Anse­hen ihrer Väter beschmutzt sehen, wenn alte Män­ner unter Trä­nen von ihren grau­sa­men Erfah­run­gen berich­ten, oder wenn ehe­ma­li­ge Front­sol­da­ten alle Ver­ant­wor­tung auf die Hin­ter­lands­trup­pen abschie­ben. Sie alle tra­gen dazu bei, ein Mosa­ik aus indi­vi­du­el­len Erzäh­lun­gen zusam­men­zu­set­zen: offen­sicht­lich war nicht die Mehr­heit der Wehr­machts­sol­da­ten an Kriegs­ver­bre­chen aktiv betei­ligt; offen­sicht­lich ist es eher unwahr­schein­lich, dass die­se Kriegs­ver­bre­chen von den Sol­da­ten nicht bemerkt wur­den; offen­sicht­lich kön­nen fünf­zig Jah­re Selbst­be­trug und Ver­drän­gung dazu füh­ren, dass man sich tat­säch­lich kei­ner Schuld bewusst ist; offen­sicht­lich ist die Über­win­dung des Kol­lek­tiv­trau­mas NS-Zeit noch weit entfernt.