Vor eini­gen Tagen ver­starb der fran­zö­si­sche Regis­seur Alain Res­nais. Der 1922 in Van­nes gebo­re­ne Regis­seur hat ver­schie­de­ne Peri­oden in sei­nem Wir­ken durch­lau­fen und hat unter Kino­lieb­ha­bern welt­weit einen gro­ßen Namen. Sein Tod kam trotz sei­nes hohen Alters für vie­le über­ra­schend, da er noch vor kur­zem mit „Aimer, boi­re et chan­ter“ einen Film im Wett­be­werb der Ber­li­na­le hat­te. Der Titel, so mein­te eine Freun­din, wäre ein guter für einen letz­ten Film. Bei Res­nais scheint es ja all­ge­mein so, dass er sich in sei­nem gan­zen Schaf­fen auf den Moment des Ver­schwin­dens von der welt­li­chen Ober­flä­che und den Moment der Ewig­keit und des Nichts vor­be­rei­tet hat. Ins­be­son­de­re sei­ne frü­hen Fil­me „Hiro­shi­ma, mon amour“, „L’An­née der­niè­re à Mari­en­bad“ und „Muri­el, ou le Temps d’un retour” ver­han­deln aus­gie­big die The­men der Erin­ne­rung, des Alterns und Sterbens. 
Res­nais war beses­sen von der Erin­ne­rung. Sei­ne Gedan­ken und Gefüh­le wer­den sich in die Erin­ne­run­gen all jener, die sei­ne Fil­me beglei­tet haben, all jener, die sie nach­ge­holt haben und all jener, die irgend­wann auf sie sto­ßen wer­den, ein­gra­vie­ren wie die Wor­te in fast ver­ges­se­nen Lie­bes­brie­fen. Am Don­ners­tag­abend zeig­te nun das Film­mu­se­um im Rah­men sei­ner „1964-Retro­spek­ti­ve“, einer selbst­re­fle­xi­ven und damit sicher­lich res­nai­ses­quen Geburts­tags­show jenen drit­ten Lang­film von Res­nais, „Muri­el, ou le Temps d’un retour”. Nat­acha Lau­rent, kürz­lich als Madame Ciné­ma titu­liert und selbst Prä­si­den­tin der Ciné­ma­t­hè­que de Tou­lou­se gibt eine kal­te Ein­füh­rung, es wird ja schließ­lich Geburts­tag gefei­ert. Immer­hin erwähnt sie, dass die­ser wich­ti­ge Fil­me­ma­cher vor kur­zem ver­starb. Anse­hen will sich den Film nach der Ein­füh­rung weder Lau­rent, noch sonst irgend­wer aus der Rie­ge des Film­mu­se­ums, gewis­ser­ma­ßen ver­ständ­lich schließ­lich hat man Gäs­te, Geburts­tag und Hun­ger oder Durst. Res­nais und sein Geist haben an die­sem Abend kei­nen Platz im Film­mu­se­um. Der Film wird gespielt wie jede gewöhn­li­che Prä­sen­ta­ti­on in der Retro­spek­ti­ve. Das Kino ist gut gefüllt, aber nicht voll. Im Zuschau­er­raum gibt es kei­ne ange­brach­te Stil­le, kei­nen Respekt. Das Kino als Medi­um der zeit­li­chen Ver­schie­bung erliegt beson­ders im musea­len Kon­text einem zeit­li­chen Tod (in die­sem Fall). Die Mög­lich­keit einer Bewusst­ma­chung von Rele­vanz und Bedeu­tung, sowie von Zeit­lich­keit wur­de womög­lich bewusst umgangen.
Einen Res­nais-Film so kurz nach sei­nem Tod zu sehen, könn­te ein Stück Ewig­keit bedeu­ten, ein bewuss­tes Wahr­neh­men von Ewig­keit „Er war ja auch alt“, hat mir ein ande­rer Freund gesagt. Res­nais selbst hät­te ein schlich­tes Wei­ter­le­ben im Kino sicher­lich gereicht und gefreut. Aber er hät­te anders dar­über nach­ge­dacht, weil Res­nais-und auch das ist unter Cine­phi­len weit bekannt-das Kino mit einer ande­ren Wahr­neh­mung der Zeit neu-erfun­den hat. Res­nais hat eine moder­ne, von Gil­les Deleu­ze kano­ni­sier­te Art des Zusam­men­spiels von Mon­ta­ge, Mise-en-scè­ne und Musik gefun­den, die Zeit und Raum schein­bar mühe­los durch­bricht und ver­bin­det, vor den Augen des Zuse­hers auf­löst und so Erin­ne­rung und Ewig­keit in zum Teil star­re Bil­der haucht, ein Kino der Zeit-Bil­der, aber zugleich auch eines der Träu­me und des Ver­ges­sens, der poli­ti­schen Auf­merk­sam­keit und des Exis­ten­tia­lis­mus, des Thea­ters (vor allem spä­ter) und des klas­si­schen Spiels. 
Ver­spielt ist Res­nais auch in „Muri­el“, er schnei­det im Stil eines Nico­las Roeg in einer End­los­schlei­fe, in der Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart untrenn­bar wer­den, sowie Jugend und Alter, Krieg und Frie­den, Lie­be und Lüge. Alain Res­nais hat eine eige­ne Spra­che erfun­den, er hat eine neue, für das Kino essen­ti­el­le Spra­che erfun­den. Aber was bedeu­tet das?
Ver­schie­de­nen Regis­seu­ren haf­tet die Ehre an, eine neue Spra­che gefun­den zu haben. Zu ihnen zäh­len wohl sicher D.W. Grif­fith, Ser­gei Eisen­stein, Jean Renoir, Orson Wel­les, Aki­ra Kur­o­sa­wa, Ing­mar Berg­man, Alain Res­nais, Robert Bres­son, Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni, Jean-Luc Godard, Andrej Tar­kow­ski, Abbas Kiaros­t­ami und jün­ge­ren Datums wohl Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul und Pedro Cos­ta. Geht man die­se Lis­te durch, so stellt man erst mal fest, dass eine neue Spra­che nicht unbe­dingt mit Publi­kums­er­folg ver­bun­den ist. „L’avventura“ von Anto­nio­ni, ein Film der in Can­nes sei­ner Zeit aus­ge­buht wur­de und im Anschluss den Jury­preis gewann, Orson Wel­les, der fast nie in der Lage war das Box Office so aus­zu­fül­len wie den Screen und die ame­ri­ka­ni­schen Geschichts­bü­cher. Von daher ist es sehr schwer vor­aus­zu­sa­gen wel­cher Fil­me­ma­cher an Bedeu­tung gewin­nen und wel­cher an Bedeu­tung ver­lie­ren wird. Man darf auch nicht ver­ges­sen, dass sich gera­de in den Zei­ten abso­lu­ter Film­kri­tik (über­all und jeder) und fast abso­lu­ter Ver­füg­bar­keit der wich­ti­ge Kri­ti­ker und Kura­tor und Wis­sen­schaft­ler immer mehr vom Kanon ent­fernt und lie­ber über sel­te­nes, unge­se­he­nes und über­ra­schen­des schreibt, weil sich genau dar­in sei­ne Exper­ti­se noch ent­fal­ten kann. Damit ein­her geht aber auch immer ein stän­di­ges Neu­schrei­ben der Film­ge­schich­te, weil die­se sowie­so eine Fra­ge des Betrach­ters ist. Auch die Fra­ge nach dem Erfin­den einer Spra­che, könn­te eine Fra­ge des Betrach­ters sein. Die von mir sehr spon­tan zusam­men­ge­stell­te Lis­te ent­spricht wohl der Denk­wei­se einer bestimm­ten Schu­le an Film­den­ken, denkt man an das prak­ti­sche­re Film­schaf­fen, dann haben wohl Fil­me­ma­cher wie Alfred Hitch­cock, Jean-Pierre Mel­ville, Feder­i­co Felli­ni, Stan­ley Kubrick, Syd­ney Lumet, Woo­dy Allen, Micha­el Han­eke, Lars von Trier und Quen­tin Taran­ti­no deut­lich mehr an der Her­aus­bil­dung einer gewis­sen Art von Film­spra­che gear­bei­tet. (der ein oder ande­re könn­te durch­aus auf bei­den Lis­ten auftauchen)
Das erfin­den einer neu­en Film­spra­che scheint mir also immer an eine gewis­se Ori­gi­na­li­tät geknüpft. Da muss ein Film kom­men, der etwas macht, das man noch nie gese­hen hat. Das soll­te man eigent­lich von jedem Film erwar­ten kön­nen, der einen künst­le­ri­schen Anspruch an sich selbst hat. Oft ist die­se Neu­ar­tig­keit an eine moder­ne Idee von Kino gebun­den, die von Kri­ti­kern, Fil­me­ma­chern und Theo­re­ti­kern prak­tisch gleich­zei­tig in die Welt getra­gen wird, die ver­kauft wer­den muss, um die ein Hype ent­ste­hen kann, sei es im gro­ßen Stil wie bei Godard oder im klei­nen Stil wie bei den Strö­mun­gen im zeit­ge­nös­si­schen Kino. Man spricht dann auch von einem Nerv, der getrof­fen wird, aber ande­rer­seits gibt es ja gera­de die­sen nicht, denn oft ist der Nerv noch völ­lig über­deckt von direk­ter und vor­schnel­ler Ableh­nung, vor der nie­mand geschützt ist, weil das Publi­kum nicht nur nach Leos Car­ax eine Mas­se von Men­schen ist, die bald ster­ben wird. Ein Fil­me­ma­cher, der wirk­lich eine neue Spra­che erfin­det, kann daher nicht auf das Publi­kum ach­ten. Tar­kow­ski war ein sol­ches Bei­spiel, aber er ist dann in ein Pro­blem getre­ten, das es immer gibt. Vie­le Kri­ti­ker haben in sei­ner Zeit sei­ne Fil­me „Nost­alg­hia“ und „Off­ret“ hef­tig kri­ti­siert. Wim Wen­ders schrieb von einer Wie­der­ho­lung der immer glei­chen Metho­den. Abnut­zung von Neu­ig­keit führt dann zu einer völ­li­gen Auf­he­bung des Geschmacks, ein Grund übri­gens auch dafür, dass Men­schen, die vie­le Fil­me gese­hen haben oft weit­aus schwie­ri­ger Gefal­len an einem neu­en Werk fin­den, als jung­fräu­li­che­re Kino­be­su­cher, ins­be­son­de­re, wenn die­ses Werk häu­fig zitiert oder kopiert. Am Ende des Tages-und das hat bereits Fran­çois Truf­f­aut geschrie­ben-ist jeder ein Kri­ti­ker. Die Bewer­tung eines Fil­mes gleicht ein wenig der Auf­stel­lung der deut­schen Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft, nur dass es lei­der nicht von der­ar­ti­ger Rele­vanz im öffent­li­chen Dis­kurs ist. 
Ein inter­es­san­ter Twist könn­te dann sein, dass Film sich wie ein unend­li­ches Laby­rinth an Ein­flüs­sen und Ver­wei­sen, an Geschich­te und Geschich­ten immer wei­ter ver­spinnt, dass es eigent­lich (es gibt weni­ge Aus­nah­men, die mir Angst machen) unmög­lich ist, sich einen kom­plet­ten all­um­fas­sen­den Über­blick zu ver­schaf­fen. Das bringt uns wie­der zur Ver­gan­gen­heit und damit zu Res­nais. Schöpft sich eine fil­mi­sche Spra­che nun aus den fil­mi­schen Mit­teln, der Tech­nik und der Metho­den eines Regis­seurs oder ist es das, was beim Zuse­her in der Erin­ne­rung an die Fil­me pas­siert, ist es das Halt­bar­keits­da­tum eines Films in unse­rer Erin­ne­rung, das am Ende irgend­wie bedeu­tend von unbe­deu­tend trennt? Sind es Prei­se? (nein) Sin es irgend­wel­che enthu­si­as­ti­schen Tex­te von wich­ti­gen Theo­re­ti­kern? Ist es der Ein­fluss, den ein Fil­me­ma­cher auf kom­men­de Fil­me­ma­cher aus­übt oder ist es von allem ein wenig?
Schnell könn­te man sich dann auf die Sub­jek­ti­vi­tät eines sol­chen Unter­fan­gens stür­zen. Aber, man mag mir glau­ben, dass es sowas wie eine objek­ti­ve Rele­vanz und ja, Rich­tig­keit gibt im Film. Es gibt eine Wahr­neh­mung von Film, die als fil­misch gel­ten kann, eine, die sich im Lauf der Jah­re ange­sam­melt hat, die auf der Geschich­te der Kunst­form auf­baut, die ein in sich geschlos­se­nes und jeder­zeit offe­nes Bild von Film ent­wi­ckelt hat, das sich in ein­zel­nen Fäl­len bis ins Unend­li­che unter­schei­den kann, aber im Kern eine gemein­sa­me Spra­che spricht, jene eben, die Film in ers­ter Linie als Kunst ver­steht und damit die ästhe­ti­sche Essenz eines fil­mi­schen Stre­bens ver­eint. Nur in die­sem Stre­ben ver­mag es eine neue Spra­che zu geben, weil es nicht um Mus­ter und Erfol­ge, um Geschmä­cker und Wahr­neh­mun­gen geht, son­dern ein­zig und allei­ne, um die Fil­me selbst, um ihre durch einen oder meh­re­re Autoren geleb­te Posi­ti­on zur Welt und zum Kino, die zunächst über­haupt eine Spra­che ent­wi­ckeln soll­te, die unver­kenn­bar ist und dann in den ganz gro­ßen Fäl­len, zu denen Alain Res­nais sicher­lich gehört, etwas Neu­ar­ti­ges schafft, das eine Wich­tig­keit erlangt für Zuschau­er, Fil­me­ma­cher, Kri­ti­ker und die Geschichte.
„Sou­ve­nir, sou­ve­nir, que me veux-tu ?“, heißt es in einer Zei­le bei Paul Ver­lai­ne und genau die­se Fra­ge stel­len auch vie­le Fil­me von Alain Res­nais. Er zeigt die Erin­ne­rung aus allen Per­spek­ti­ven, die erdenk­lich sind. Er zeigt sie im Ver­blas­sen und in ihrer Unfä­hig­keit zu ster­ben, er zeigt sie von innen, indem er Bil­der als Erin­ne­run­gen ver­wen­det und sie mit der Gegen­wart gleich­setzt, er zeigt sie von außen, indem er ganz im Stil von Proust sei­ne Figu­ren in ein Ver­hält­nis zu ihrer Erin­ne­rung setzt. Er löst sie dia­lo­gisch und mit Mon­ta­ge auf, wie bei­spiels­wei­se in „Muri­el“ oder er ver­setzt den Zuse­her in ein Gefühl der Erin­ne­rung, der Erin­ne­rungs­lo­sig­keit. Res­nais, das sind Fra­gen an die Zeit. Sein „Je t’aime, je t’aime“ ist kon­se­quen­ter­wei­se eine Zeit­rei­se ohne Chro­no­lo­gie. Res­nais ist ein Künst­ler, der einem bewusst macht, dass man die Ver­gan­gen­heit jeder­zeit mit sich trägt, dass man womög­lich in ihr leben kann, er ver­mag mit sei­nen Gedan­ken, das Kino völ­lig zu durch­drin­gen, weil er es dort trifft, wo es am emp­find­lichs­ten ist, in der Zeit.
Inter­es­sant, wie sub­jek­tiv Zeit ist.