Encore un mot, juste une parole: Twentieth Century von Howard Hawks

Ein Film über die im All­tag unsicht­ba­ren Gefühls­schich­ten unter­halb des Geschnat­ters: Howard Hawks lässt John Bar­ry­mo­re und Caro­le Lom­bard (eine ent­fern­te Ver­wand­te des Regis­seurs; er koket­tier­te gern damit, sie für die­sen Film ent­deckt zu haben, was nicht stimmt) als Thea­ter­go­ckel und Schau­spiel­di­va bis an den Rand der hyper­bo­li­schen Screw­ball-Erträg­lich­keit mit Wor­ten auf­ein­an­der los. Der Film nach einem mes­ser­schar­fen Dreh­buch von Ben Hecht und Charles Mac­Ar­thur (nach deren Thea­ter­stück) folgt einer recht simp­len Prä­mis­se, die er dann unend­lich kom­plex auf­fä­chert: Was wäre, wür­den zwei zuein­an­der fin­den, die bei­de unab­läs­sig Wirk­lich­keit und Büh­ne ver­wech­seln. Kein Wort Wahr­heit wird in die­sem per­ma­nent zwin­kern­den, die Geschwin­dig­keit des titel­ge­ben­den Luxus­zu­ges imi­tie­ren­den Film gespro­chen, paro­les et paro­les et paroles:

„Unver­ant­wort­lich­keit ist die Basis für Komö­di­en“, hat Hawks ein­mal gesagt und Lom­bard dazu auf­ge­for­dert, ihrem eit­len Gegen­part „in die Eier zu tre­ten“. In der ent­spre­chen­den Sze­ne schreit sie und tritt mit ihren Bei­nen durch die Luft. Ihre Dar­bie­tung hält sich gera­de so auf einer Linie, auf der sie sich ob der ihr ent­ge­gen sprin­gen­den Frau­en­feind­lich­keit eine gewis­se Sou­ve­rä­ni­tät bewahrt. Das liegt dar­an, dass sie sich genau­so lächer­lich gibt wie Bar­ry­mo­re. Jede in der Luft fuch­teln­de Arm­be­we­gung, jeder zurecht­ge­rück­te Schal, jede ins Gesicht fal­len­de Locke ist falsch. Man ach­te nur auf das zufrie­de­ne Lächeln, das Bar­ry­mo­re über die Lip­pen huscht, wenn ihm eine gute Meta­pher gelingt. Es ist eine Doku­men­ta­ti­on über den Manie­ris­mus einer Bran­che. Sel­ten hat ein Fil­me­ma­cher so radi­kal gezeigt, wie unau­then­tisch der wah­re Rea­lis­mus ist. Hawks hat das selbst­re­dend wei­ter ver­folgt in sei­ner Kar­rie­re, hier aber ging er am wei­tes­ten, der Zustand der fal­schen Wirk­lich­keit ist am rohes­ten, kein Wort bleibt auf dem, was es bezeich­net. Frei nach Erich von Stro­heim wür­den Komö­di­en ja irgend­wann den Blick hin­ter die Kulis­sen wagen, um eine humo­ris­ti­sche Span­nung zwi­schen dem was scheint und dem was ist auf­zu­bau­en. Nicht so bei Hawks, Hawks zeigt, dass nichts so scheint wie es ist und damit hat es sich.

Heu­te leben wir im Zeit­al­ter der lächer­li­chen Män­ner im Kino, was man­che nicht ganz fehl­ge­lei­tet als typi­sche Stra­te­gie ent­lar­ven, dann doch wie­der von den glei­chen Typen zu erzäh­len. Ist aber die Frau so lächer­lich, so selbst­be­zo­gen wie der Mann, geschieht plötz­lich etwas, man sieht nicht mehr nur Iden­ti­tä­ten son­dern gan­ze Struk­tu­ren. Die Struk­tu­ren sind ver­rückt, albern und fal­len stän­dig aus­ein­an­der. Nichts bedeu­tet mehr irgend­was, das muss man erst­mal ver­dau­en. Die Lie­be, das Thea­ter, alles Erfin­dun­gen der Selbst­herr­lich­keit, das sieht man doch. Die Kör­per von Lom­bard und Bar­ry­mo­re geben sich dem kom­plett hin, sie sind hier nicht sterb­lich oder indi­vi­du­ell, sie sind ange­lern­te Hül­len, die Sät­ze kom­men aus ihnen wie von wo anders, sie beob­ach­ten sich selbst in ihrem Geba­ren und sehen dar­über hin­aus nichts.

Wer sich gern damit beschäf­tigt, ob nun Film oder Thea­ter und was dazwi­schen und so wei­ter, wird hier fün­dig: Das Thea­ter ist die fil­mi­sche Ober­flä­che, dar­un­ter spielt sich das Eigent­li­che ab. Das Kino muss nichts erzäh­len, es offen­bart sich von ganz allein. Man kann lügen, aber man hält dem Blick nicht stand. Am Höhe­punkt der Nie­der­tracht, wenn Bar­ry­mo­re einen Ster­ben­den mimt, um Lom­bard noch ein­mal für sich und sei­ne bank­rot­te Thea­ter­grup­pe zu gewin­nen, zeigt sich der gan­ze dop­pel­te, ach hun­dert­fa­che Boden des Spiels: Sie mag ja eigent­lich ohne­hin, weiß davon aber nichts, auch er mag sie, alles ver­steckt sich aber hin­ter dem Schau­spiel, dem Thea­ter, sodass die eigent­li­che Hand­lung, die einer Lie­bes­ge­schich­te, nur zwi­schen den Zei­len oder von denen ver­deckt abläuft. Was das Thea­ter nicht sieht, sieht der Film. Was sich im Thea­ter als Nar­ziss­mus ent­larvt, ver­birgt ein Begeh­ren nach Kon­takt im Kino. So ein­fach ist das nicht aber hier schon.