To Desire Pain (look at the time)

Transe-Teresa Villaverde-2006
Tran­se-Tere­sa Villaverde-2006

Als ich im Kino mein Licht ster­ben sah in den Trä­nen einer unbe­kann­ten Frau, glit­zernd auf ihren Wan­gen, woll­te ich mein Lei­den tan­zen sehen. Es gibt kei­ne Ver­ach­tung im Film, nur ein Ver­ständ­nis für das eige­ne Unver­ständ­nis. Ich schlu­cke die­se Trä­nen und schme­cke Zel­lu­loid. Ein Äder­chen auf mei­ner Netz­haut explo­diert und Blut dringt durch mei­ne Pupil­le. Ich erwa­che mit dem Sand­mann, der an mei­nem Aug­ap­fel leckt. Das Salz an sei­ner Zun­ge löst mei­ne Augen auf und sie zer­flie­ßen auf der Lein­wand in der Feuch­tig­keit von schimm­li­gen Emo­tio­nen, die sich wie Unkraut unter mei­ner Netz­haut ver­meh­ren. Ich begeh­re den Schmerz und die Ein­sam­keit in die­ser leuch­ten­den Dun­kel­heit. Mei­ne Augen ver­lie­ben sich in das eige­ne Unheil, sie sind immer­zu kurz vor dem Ausbruch.

L'important c'est d'aimer-Andrzej Żuławski-1975
L’im­portant c’est d’ai­mer-Andrzej Żuławski-1975
A Countess from Hong Kong-Charlie Chaplin-1967
A Count­ess from Hong Kong-Char­lie Chaplin-1967

Aber ich bin ein Heuch­ler. Eure Gefüh­le sind ein ange­neh­mes Krib­beln in mei­nen Fin­ger­spit­zen, eure Kri­sen sind mei­ne Neu­gier. Ihr zeigt mir wie ich gut aus­se­he, wenn ich lei­de und ich lei­de, um gut auzu­se­hen. Wenn euer Leben so ent­setz­lich ist wie mei­nes, dann habe ich Recht, wenn ich nur mich selbst für inter­es­sant halte.Ich will euer Lächeln gar nicht sehen, ich will mich dan­nach seh­nen. Trau­ri­ge Augen­rin­ge, die sich nicht lösen aus euren gesenk­ten Gesich­tern, Trä­nen sind Poe­sie. Wer sie nicht filmt, sucht nicht nach Wahr­heit. Im Kino glau­be ich, dass das Leben wie die Son­ne unter­geht, ihr exis­tiert nur solan­ge ich da bin, ihr müsst es auch spü­ren. Reagiert nicht auf mich, dann lie­be ich euch. Das Was­ser eurer Trä­nen ist der Fluss, der aus eurer See­le entspringt.

La Passion de Jeanne d'Arc-Carl Theodor Dreyer-1928
La Pas­si­on de Jean­ne d’Arc-Carl Theo­dor Dreyer-1928
The Portuguese Nun-Eugène Green-2009
The Por­tu­gue­se Nun-Eugè­ne Green-2009

Sie lügen, jeder weiß wie eure Trä­nen lügen. Sie sind der Zucker eures Ruh­mes, das Feu­er­zeug für die Ziga­ret­ten mei­nes Mit­ge­fühls. Eine Pfüt­ze bil­det sich zwi­schen euren Lidern und wie ein Kind will ich nicht vor­bei­ge­hen. Ich sprin­ge hin­ein. So schwach ist die­ser Unter­grund, so zer­brech­lich eure Augen. Sie könn­ten bren­nen mit ihrer roten Schmin­ke. Eure Trä­nen sind nur der Dunst am Fens­ter des Kinos. Es gibt einen Unter­schied zwi­schen dem, der Zer­brech­lich­keit filmt und dem, der Zer­brech­lich­keit dar­stellt und dem, der zer­brech­lich filmt. Letz­te­rer ist es, der mich inter­es­siert. Bei ihm ist jeder Schuss der Trop­fen einer Trä­ne und jede Trä­ne ein erstick­ter Lie­bes­gruß an einen zer­flie­ßen­den Spie­gel, der mehr ist als die Welt.

Foolish Wives-Erich von Stroheim-1922
Foo­lish Wives-Erich von Stroheim-1922

Dann bekommt man kei­ne Luft mehr in einem Trä­nen­meer, der Gau­men ist voll mit Trä­nen, man gur­gelt und erstarrt. Dann weint man auch nicht mehr auf­grund eines Effekts, son­dern weil man auf eine Wahr­heit gesto­ßen ist, auf einen kur­zen Augen­blick von Klar­heit, der fast immer eine sta­bi­le Trau­er erzeugt, die alles Glück über die­se Per­fek­ti­on ver­drängt. Eure Trä­nen waschen mich wie Asche und Zitro­nen. Immer wenn es eine Schwei­ge­mi­nu­te gibt, schrei­en eure Gesich­ter nach einer Kame­ra. Jede Beer­di­gung ist ein Fest der Gesich­ter. Jeder Ver­lust, jeder Schmerz ist eine Freu­de für mich. Denn dann fließt der Fluss eurer See­le vor mei­ne Lin­se, erstrahlt im Kino und für ein oder zwei Zuckun­gen darf man nicht mehr so tun als wäre alles gut.

Birth-Jonathan Glazer-2004
Birth-Jona­than Glazer-2004
Vivre sa vie : film en douze tableaux-Jean-Luc Godard-1962
Viv­re sa vie : film en dou­ze tableaux-Jean-Luc Godard-1962

Die­se Trä­nen sind mei­ne Lust. Wie ein war­mer Schau­er in euren Bli­cken, hin­ter Glass sind Trä­nen Schön­heit. Ich begeh­re sie und das ist schwach. Wer­de ich schwach im Ange­sicht mit die­sem Schmerz oder bin ich es bereits, wenn ich ihn suche hier? Für mich ist das Kino ein Freu­den­haus des Lei­dens und ich kann nicht genug davon bekom­men, weil man die­se Gefüh­le drau­ßen auf der Stra­ße stän­dig ver­ste­cken muss. Ich will ange­lo­gen wer­den, will sehen wie ein Lächeln ver­schwin­det, weil es sich nicht mehr hal­ten kann, wie alles auf die­sen Gesich­tern zusam­men­stürzt, ver­gra­ben in einer Fik­ti­on, die man fest­hal­ten kann. Ich will kei­nen Schnitt vor eurer Trä­ne, weil ich sehen will, wie sie gebo­ren wird.

L'appolonide11
L’Apollonide (Sou­ve­nirs de la mai­son close)-Bertrand Bonello-2011

Natür­lich ist mein Traum ein Film, der nur aus Trä­nen besteht, Trä­nen, die sich durch den Pro­jek­tor bewe­gen, die Licht in sich tra­gen, die eine Illu­si­on sind und eine Doku­men­ta­ti­on, ein Weg nach Innen und nach Außen, Trä­nen, die nicht ster­ben kön­nen, weil sie immer wei­ter flie­ßen bis sie kei­ne Bedeu­tung mehr haben für die Ver­gan­gen­heit oder Zukunft, son­dern nur in ihrer Gegen­wär­tig­keit exis­tie­ren. Im Kino kön­nen wir Trä­nen sehen, weil wir sie nicht füh­len müs­sen. In den Trä­nen kön­nen wir das Kino sehen, weil sie uns bewegen.

Tears.me.apart.
Kış Uykusu-Nuri Bilge Ceylan-2014
Kış Uykusu-Nuri Bil­ge Ceylan-2014
Faces-John Cassavetes-1968
Faces-John Cas­sa­ve­tes-1968