Fanboys: The Hobbit: The Desolation of Smaug von Peter Jackson


Vor kur­zem habe ich mich mit einem Freund über die Ato­mi­sie­rung der Cine­phi­lie aus­ge­tauscht. Die Völ­li­ge Ver­tei­lung des Kino­lie­ben­den auf­grund der neu­en Seh­ge­wohn­hei­ten und Mög­lich­kei­ten, auf­grund der unzäh­li­gen Alter­na­ti­ven, die sich einem jen­seits des aktu­el­len Kino­pro­gramms mit On-Demand Ser­vices, ille­ga­len Streams und Down­loads, dem DVD- und Blu­Ray Markt und so wei­ter täg­lich erge­ben. Wir haben von einer unend­li­chen Lis­te an nicht-gese­he­nen Fil­men gespro­chen, von der man sich immer wie­der distan­zie­ren muss, weil es sonst nur noch um das uto­pi­sche Ziel gehen kön­ne, alle Fil­me von der Lis­te zu strei­chen. Was die­ser Art von Kino­lie­be oft fehlt, ist ihr sozia­ler Fak­tor, ihr agi­ta­to­ri­sches Mas­sen­po­ten­zi­al, das Kino pro­pa­giert. Statt­des­sen zieht man sich in sei­ne Käm­mer­chen zurück und betreibt Fil­me­schau­en, als eine Art Mara­thon. Man fin­det vie­le Men­schen, die mit einem lau­fen, aber es geht zu sehr dar­um, wer mehr und was gese­hen hat und zu wenig dar­um zu sehen. Da ich mich selbst nicht frei machen kann von die­sem Drang freue ich mich sehr, dass Rai­ner Kien­böck sich in sei­nem fol­gen­den Bericht als Mit­tel­er­de-Fan­boy outet und das Gefühl über die Ver­nunft sie­gen lässt. Denn irgend­wo liegt in der oft als „Fan­kul­tur“ abge­speis­ten Mas­se an Men­schen, dann doch jenes sozia­le Ele­ment, das der dif­fe­ren­zier­ten Cine­phi­lie abhan­den kommt. Viel­leicht kann man davon eini­ges ler­nen, vom Kino als Medi­um der Mas­sen, das zu Ver­klei­dun­gen und Mit­ter­nachts­an­s­teh­or­gi­en ver­lei­tet. Natür­lich stellt sich im der­zeit ja sehr hef­tig geführ­ten Dis­kurs, wo bei so einem Blog wie „Jugend ohne Film“ die Gren­ze liegt zwi­schen: Da schreibt irgend­ei­ner über Din­ge, die er mag als Fan und da schreibt jemand als Jour­na­list und so wei­ter. Mei­ne Ant­wort dazu ist rela­tiv knapp: Es geht dar­um über Film zu schrei­ben.
A Fanboy’s Life: Mid­night Scree­ning Frenzy
Text: Rai­ner Kienböck

Scha­fe und Lem­min­ge sind sie! Strö­men in die Kino­sä­le um sich gehyp­ten Müll vor­set­zen zu las­sen. Sie mer­ken nicht ein­mal wel­chen Dreck sie da zu sehen bekom­men, und nach­her sind sie hell­auf begeis­tert vom sinn­be­täu­ben­den Spektakel.
Die dum­men Mas­sen, ger­ne sche­re ich sie über einen Kamm und ver­ur­tei­le sie. Des­halb beschämt es mich zuzu­ge­ben, dass auch ich, sel­ten, aber regel­mä­ßig, zum Schaf wer­de. Dafür gibt es zwei Grün­de: Star Wars und Mit­tel­er­de. Mir Film­sno­bis­mus vor­zu­wer­fen ist durch­aus legi­tim, ich gebe offen zu oft nicht ver­ste­hen zu kön­nen, was die Mas­sen an abend­fül­len­den Block­bus­tern begeis­tert oder unter­hält. Ich schei­ne Fil­me mit ande­ren Augen zu sehen, als vie­le mei­ner Freun­de und Kol­le­gen. Doch selbst mei­ne kino­er­prob­ten Augen erlie­gen immer wie­der dem Blend­werk zwei­er Män­ner: Peter Jack­son und Geor­ge Lucas. Über die rare Gele­gen­heit, einen Film unre­flek­tiert anse­hen zu kön­nen – ein zugleich erschre­cken­des und erleuch­ten­des Erleb­nis – han­delt mein Bericht.
Mitt­woch der 11. Dezem­ber 2013, ein gräss­li­cher Tag. Es ist schwei­ne­kalt. Eine hal­be Stun­de vor Mit­ter­nacht ste­he ich auf der Wie­ner Maria­hil­fer Stra­ße und las­se mich noch von einem FM4-Repor­ter über den Sta­tus Quo des öster­rei­chi­schen Films inter­view­en. Eine hal­be Stun­de noch, dann geht es los. Vor­freu­de? Nicht wirk­lich, ich bin kri­tisch ein­ge­stellt. Der ers­te Teil von Peter Jack­sons The Hob­bit-Tri­lo­gie hat mich zwar begeis­tert, doch umso län­ger ich über ihn nach­ge­dacht habe, des­to mehr Feh­ler und Unge­reimt­hei­ten sind mir auf­ge­fal­len. Nichts­des­to­trotz, ich moch­te den Film, und ich mag ihn noch immer – und den­noch, ein wei­te­res Mal wird es Jack­son nicht schaf­fen mich mit solch einem lau­war­men Feu­er­werk zu ban­nen! Im Foy­er tum­meln sich unzäh­li­ge Besu­cher, die auf den Ein­lass war­ten, man erspäht eini­ge Ver­klei­dun­gen und sogar ein paar spit­ze Elben­oh­ren. Lang­sam strö­men die Mas­sen in den Saal, und wäh­rend man noch über die 3D-Bril­len läs­tert und sich über Details des ers­ten Teils beschwert, ver­dun­kelt sich der Saal. Wer­bung. Der Film beginnt. Wie immer im Haydn-Kino ver­sper­ren einem noch kurz die Zuspät­kom­men­den (das Haydn ist wahr­lich die Hoch­burg der Unpünkt­li­chen) die Sicht auf die Lein­wand und ver­hin­dern die sofor­ti­ge Immersi­on. Und dann: der ers­te Blick auf mein gelieb­tes Mit­tel­er­de – der ers­te Gedan­ke: ich moch­te es noch mehr, als es noch nicht größ­ten­teils aus Bits und Bytes bestand – setzt sich mein kri­ti­scher Ver­stand doch durch? Spä­tes­tens nach fünf Minu­ten lässt sich die­se Fra­ge getrost mit Nein beant­wor­ten – die Anzie­hung Mit­tel­er­des ist zu stark. Wie­der bin ich ver­schluckt wor­den von die­ser Effekt­ma­schi­ne­rie, las­se völ­lig unre­flek­tiert die 1en und 0en auf mich ein­dre­schen. Und das Schlimms­te dar­an: es gefällt mir. Etwa 160 Minu­ten spä­ter ste­he ich wie­der auf der Maria­hil­fer Stra­ße. Nach etwa 145 Minu­ten gebann­ten Zuse­hens und 15 Minu­ten krampf­haft ver­schlos­se­ner Augen (galop­pie­ren­de Arach­no­pho­bie hat sei­ne Nach­tei­le) dis­ku­tie­re ich über die Unzu­läng­lich­kei­ten des Skripts, das Über­maß an CGI (Mer­ke: weni­ger Bud­get für Dra­chen­de­sign, mehr für flüs­si­ges Gold) und spot­te über Jack­sons Ent­schei­dung die­ses dün­ne Kin­der­buch zur Tri­lo­gie aus­zu­schlach­ten (man erdich­te ganz ein­fach drei Stun­den an Scre­en­ti­me selbst, die man sei­nen Bud­dies aus Herr-der-Rin­ge-Tagen für Came­o­auf­trit­te zur Ver­fü­gung stellt).
Es ist drei Uhr nachts, und sehr ger­ne wür­de ich noch wei­te­re Stun­den zubrin­gen den Film zu zer­rei­ßen. Er zählt trotz­dem mit zum Bes­ten was das Kino­jahr 2013 zu bie­ten hat – das Schaf in mir hat entschieden.