The Real Eighties von Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky

Film Lektüre: The Real Eighties herausgegeben von Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky

Fünf Jah­re ist es her, dass die Lein­wand des Unsicht­ba­ren Kinos für rund ein­ein­halb Mona­te im Glanz der 80er Jah­re erstrahl­te. Von 8. Mai bis 23. Juni 2013 fand die Schau „The Real Eight­ies“ im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um statt. Das liegt so lan­ge zurück, dass ich nicht aus ers­ter Hand davon berich­ten kann. Etwas son­der­haft wirkt des­halb das Timing der Begleit­pu­bli­ka­ti­on, die kürz­lich in der Buch­rei­he des Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­ums und Syn­e­ma erschie­nen ist. Die Autoren von The Real Eight­ies. Ame­ri­ka­ni­sches Kino der Acht­zi­ger­jah­re: Ein Lexi­kon sind sich des eigen­tüm­li­chen Timings aber immer­hin bewusst und posi­tio­nie­ren die Publi­ka­ti­on als zeit­lo­ses Nach­schla­ge­werk jener Spiel­ar­ten des ame­ri­ka­ni­schen Kinos der 80er Jah­re, das sie mit ihrer Schau popu­la­ri­sie­ren wollten.

Wie schon die Schau von vor fünf Jah­ren, will das Buch die­se in der Film­ge­schichts­schrei­bung doch eher belä­chel­te Deka­de des US-Film­schaf­fens – die Aus­läu­fer des New Hol­ly­wood tra­fen auf die Anfän­ge des High-Con­cept-Tent­po­le-Block­bus­ters im Geis­te der Rea­gan-regier­ten Ver­ei­nig­ten Staa­ten – gegen den Strich lesen. Die Kura­to­ren des Kol­lek­tivs The Cani­ne Con­di­ti­on (dazu zäh­len neben den bei­den Her­aus­ge­bern Lukas Foers­ter und Niko­laus Pernecz­ky auch Fabi­an Tiet­ke und Ceci­lia Valen­ti) hat­ten für ihre Schau eine hete­ro­ge­ne Aus­wahl von Fil­men zusam­men­ge­stellt. Dazu zähl­ten Fil­me aus der letz­ten Wel­le der B‑Movies, bevor die­se den Direct-to-DVD-Pro­duk­tio­nen wei­chen muss­ten, Stu­dio­pro­duk­tio­nen mitt­le­ren Bud­gets, wie sie heu­te immer sel­te­ner wer­den (ein viel beklag­ter Zustand, vor allem in der ame­ri­ka­ni­schen Film­pu­bli­zis­tik), Gen­re­fil­men und Wer­ken prä­gen­der Schau­spie­ler des Jahrzents.

An die­sen Ori­en­tie­rungs­punk­ten arbei­tet sich nun auch das dazu­ge­hö­ri­ge „Lexi­kon“ ab. Da gibt es einen Ein­trag zur Pro­duk­ti­ons­fir­ma Can­non Films der israe­li­schen Cou­sins Mena­hem Golan und Yoram Glo­bus (deren Eis am Stiel-Rei­he ihnen inter­na­tio­na­len Erfolg brach­te), eben­so wie zum Phä­no­men VHS, einen Ein­trag zu den Regis­seu­ren Andrej Kon­cha­lovs­ky und Tony Scott, wie zu den Schau­spie­lern Tom Crui­se und Debra Win­ger. Dazwi­schen mehr oder weni­ger umfang­rei­che Bespre­chun­gen ein­zel­ner Fil­me. Von Wil­liam Fried­kins Crui­sing über Fran­cis Ford Cop­po­las Rum­ble Fish bis hin zu Eddie Mur­phys Har­lem Nights wird das Jahr­zehnt quer­beet durch­fors­tet. Wie bei einer Publi­ka­ti­on wie die­ser nicht anders zu erwar­ten, spricht einen dabei ein The­ma mehr, ein ande­res The­ma weni­ger an. Liest man es von Buch­rü­cken zu Buch­rü­cken gleicht die Lese­er­fah­rung dem­entspre­chend einer Ach­ter­bahn­fahrt. Auf zwei­sei­ti­ge Kri­ti­ken fol­gen mehr­sei­ti­ge Essays, die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen berück­sich­ti­gen, auf Wie­der­ver­öf­fent­li­chun­gen zeit­ge­nös­si­scher Tex­te fol­gen Ana­ly­sen, die das Jahr­zehnt mit der Gegen­wart in Bezie­hun­gen set­zen. Mal befruch­ten sich die auf­ein­an­der­fol­gen­den Lek­tü­ren gegen­sei­tig, mal wirkt die Rei­hung für ein­zel­ne Tex­te eher wie eine Hypo­thek. Viel hängt vom eige­nen Inter­es­se und vom eige­nen Erfah­rungs­ho­ri­zont ab. Womög­lich wür­de es hel­fen, wenn ich mehr der bespro­che­nen Fil­me ken­nen wür­de, aber selbst wenn ich die Schau vor fünf Jah­ren flei­ßig besucht hät­te, wären vie­le der Fil­me kaum mehr prä­sent genug im Gedächt­nis, um die Lücken des Lexi­kons (das natür­lich nie erschöp­fend sein kann) auf­zu­fül­len oder befruch­ten­de Quer­ver­bin­dun­gen herzustellen.

Ich will mich nicht zu sehr an die­ser zeit­li­chen Ver­zö­ge­rung auf­hän­gen, aber sie steht doch sinn­bild­lich für die „for the lack of a bet­ter word“ Belie­big­keit, die die­ser Publi­ka­ti­on zugrun­de liegt. Das klingt nach einem här­te­ren Urteil als es eigent­lich ist. Man­che der Tex­te konn­ten mich näm­lich sehr wohl begeis­tern: Lukas Foers­ters Ein­trag zu „Coun­try“ über die Wel­le von Coun­try-Musik­fil­men in den 80ern oder Dreh­li Rob­niks groß­ar­ti­ger Text zu „Whiten­ess“ in den Fil­men von Zucker-Abra­hams-Zucker oder John Leh­to­nens dif­fe­ren­zier­te Betrach­tung von Syl­ves­ter Stal­lo­ne oder Johan­nes Binot­tos Rück­schau auf das Früh­werk von Micha­el Mann. Die­se Tex­te regen zu eige­nen Ideen an und stel­len Über­le­gun­gen an, die man so noch nicht gele­sen hat. Das wür­den sie jedoch auch, wenn sie für sich ste­hend publi­ziert wor­den wären. Dem Umstand geschul­det, dass eine Viel­zahl von Autoren Bei­trä­ge ver­fasst haben, feh­len Bezü­ge und Quer­ver­wei­se. Kurz, ich ver­mis­se den gro­ßen Rah­men. Das ist natür­lich auch der lexi­ka­len Form geschul­det, aber den­noch hat­te ich sel­ten das Gefühl, dass die Tex­te in irgend­ei­ner Wei­se davon pro­fi­tie­ren in Buch­form auf die­se Art und Wei­se zu erschei­nen. Ande­rer­seits ist die­se Belie­big­keit eine bewuss­te Set­zung. Wenn man sich ein wenig mit den Machern der Schau und der Publi­ka­ti­on aus­ein­an­der­setzt (es reicht auch das Vor­wort zu lesen), wird das deut­lich. So wie Lukas Foers­ter sei­nen Sti­pen­dia­ten-Blog des Sieg­fried-Kra­cau­er-Prei­ses führt, als Samm­lung klei­ner aber fei­ner Beob­ach­tun­gen; oder so wie er sich vor eini­gen Jah­ren posi­tiv über die wuchern­de Mas­se an Fil­men auf der Ber­li­na­le geäu­ßert hat, wo man als Besu­cher selbst zum Kura­tor wird/​werden muss, um nicht unter­zu­ge­hen, ist auch die­ses Buch kon­zi­piert: als Ange­bot selbst etwas draus zu machen. Dass das eine bewuss­te Set­zung ist, bedeu­tet aber nicht, dass ich es unbe­dingt gut heiße.

Die Anord­nung der Tex­te, die Aus­wahl der The­men, ja, sogar die zeit­li­che Beschrän­kung auf die Jah­re 1980 bis 1989 zeu­gen von einer Belie­big­keit, der sich die Tex­te nicht ent­zie­hen kön­nen. Gera­de bei der Betrach­tung ein­zel­ner Regisseur‑, Pro­du­zen­ten- oder Schau­spie­ler­bio­gra­phien wird deut­lich, dass sich ein ein­zel­nes Jahr­zehnt film­his­to­risch nur schwer iso­lie­ren lässt. Das geht so weit, dass es in eini­gen der Bei­trä­ge län­ger um das Werk in den Vor- und Fol­ge­jahr­zehn­ten geht, als um die Arbei­ten, die tat­säch­lich in den 80ern ent­stan­den sind (sie­he „Jona­than Dem­me“ oder „Andrej Kon­cha­lovs­ky“). Per se wür­de ich es nicht ver­ur­tei­len, dass die Tex­te sol­cher­art aus­fran­sen, sie tun es aber in einer Regel­mä­ßig­keit, dass die zeit­li­che Fixie­rung letzt­lich will­kür­lich wirkt.

Das weckt Zwei­fel, die sich wie­der­um an ande­rer Stel­le zu Wort mel­den. Ist Tom Crui­se nicht eben­so prä­gend für die 90er wie für die 80er? War­um kein eige­ner Ein­trag zu Reagan(-onomics), wenn er in den ver­schie­de­nen Ein­trä­gen so oft vor­kommt, wie kein ande­res The­ma. War­um kei­ne tief­ge­hen­de Ana­ly­se des Aero­bic-Booms des Jahr­zehnts, obwohl das eines der ers­ten Din­ge ist, das mir in den Kopf kommt, wenn ich an die 80er den­ke. War­um wird weder Fame, Foot­floo­se, Flash­dance noch Dir­ty Dancing mit einer Sil­be erwähnt? Wenn Tom Crui­se und des­sen Kas­sen­er­fol­ge Teil einer alter­na­ti­ven Film­ge­schichts­schrei­bung sein kön­nen, war­um dann nicht die popu­lä­ren Pop­fil­me die­ses Jahr­zehnts? Wie­so gibt es einen eige­nen Ein­trag zu den Komö­di­en von Zucker-Abra­hams-Zucker, aber nicht zu Natio­nal Lam­poon? Das sind natür­lich For­de­run­gen, die mit mei­nen per­sön­li­chen Asso­zia­tio­nen zusam­men­hän­gen. Aber sie wir­ken berech­tigt, ange­sichts einer Publi­ka­ti­on, die auf mich eben­so wie ein Resul­tat per­sön­li­cher Asso­zia­tio­nen wirkt. Dass die­se Asso­zia­tio­nen noch dazu nicht von einer ein­zel­nen Per­son stam­men, son­dern von einer gan­zen Hor­de von Autoren, macht die Sache nicht besser.

Nun klingt mein Ver­dikt doch um eini­ges stren­ger, als ich das vor­hat­te. Das möch­te ich aber eigent­lich nicht so ste­hen las­sen. Denn das Buch liest sich gut. Erkennt­nis­ge­win­ne und eine Fül­le an neu­em Fak­ten­wis­sen nimmt man auf jeden Fall auch mit. Es gelingt den Her­aus­ge­bern sehr wohl, ihre Sicht auf die 80er zu trans­por­tie­ren. Wenn man sich ein wenig in der Film­ge­schich­te und der deutsch­spra­chi­gen Film­pu­bli­zis­tik aus­kennt, reicht dafür frei­lich schon ein Blick in die Film­lis­te der Schau und die Autoren­lis­te der Publi­ka­ti­on. War­um genau die­se Sicht­wei­se aber mehr „real“ sein soll, erschließt sich mir nicht ganz. Es ist nach­voll­zieh­bar wie das Kura­to­ren­kol­lek­tiv zu die­ser indi­vi­du­el­len und per­sön­li­chen Per­spek­ti­ve auf das fil­mi­sche Jahr­zehnt kom­men. Gegen den Anspruch auf Ver­all­ge­mei­ner­bar­keit ihrer Beob­ach­tun­gen, wür­de ich mich aber weh­ren. Denn auch durch die Buch­pu­bli­ka­ti­on wird nicht wirk­lich deut­lich, war­um die Les­art der Kura­to­ren und Her­aus­ge­ber ande­ren vor­zu­zie­hen wäre.