Friaulische Kassiber: Das Grab von Pasolini

Cjasarse, Cjasarsa oder Casarsa della Delizia, so lautet der Name des bei Regen ziemlich trostlosen Ortes, an dessen Rand der Dichter und Filmemacher Pasolini begraben liegt. Wir sind dort hingefahren an einem Sonntag. In einer Kneipe haben sich ein paar graugekleidete Gestalten getroffen, Atalanta gegen Juventus lief auf den Bildschirmen. Wir haben durch die Fenster geschaut und nur Männer gesehen. Du hast nichts gesagt, ich auch nicht. Vielleicht haben wir an die Fußballliebe Pasolinis gedacht. Ein paar Zitate von ihm standen an der Außenfassade der Spelunke, du hast sie nicht übersetzt.

Der Friedhof liegt am Ortsrand. Auf dem Parkplatz bildete sich eine riesige Pfütze. Es regnete ohne Unterlass. Wo sich die Alpen erheben sollten, war nur grauer Dunst. Wo sich die Landschaft zur Bucht von Grado öffnen sollte, war nichts zu sehen. Der Regen macht alles gleich, die Richtungen werden abgeschafft. Ich weiß nicht, ob dieser Niederschlag den in den Feldern wachsenden Weinreben bekommt oder nicht. Ich kenne mich nicht aus mit Wein. Wir sind auf den Friedhof gegangen. Es war niemand dort. Wir haben gedacht, dass wir das Grab schnell werden finden können. Schließlich ist Pasolini ein berühmter Intellektueller und aus Wien sind wir Opulenz in Fragen der betuchten Verwesung gewohnt. Ich habe dich beobachtet. Du bist leise geworden, ich glaube, du hast mehr Ehrfurcht vor den Toten als ich.

Der Friedhof von Cjasarse ist nicht ungewöhnlich für diese Gegend, in der Pasolini viel Zeit verbrachte, vielleicht seine glücklichsten Tage verlebte. Eine viereckige, mauerumrandete Grundform, kiesweiße Wege, symmetrisch aneinandergereihte Gräber, in der Mitte ein asphaltierter Trauerplatz, dann nach links und rechts verlaufende Mauern aus anderen, glätteren Steinen. An jeder Nische ein Name und Plastikblumen. In der Friedhofsmauer ein paar größere Gräber, Familien und Ehrenbürger. Bei den Mauernischen konnten wir uns kurz unter einem Dach vor dem Regen verstecken. Wir blickten um uns. Wo sollte das Grab sein?

Als mein Blick über die provinzielle Symmetrie wanderte, diese mit künstlichen Pflanzen und Marmor erheuchelte, katholische Erhabenheit, erinnerte ich ein Gedicht von Pasolini, das ich einmal gelesen hatte. Darin beschreibt er, wie er sich auf einen Grabstein setzt und masturbiert. Mir hat dieses Gedicht viel gegeben in der Jugend. So genau weiß ich nicht weshalb. Bei diesem Dichter trifft mich oft zuerst die Geste, die Polemik. Das wollte er wahrscheinlich so. Ich höre seine Worte dann gar nicht mehr, vergesse seine Bilder. Mir bleibt, dass er sich getraut hat. Er hat die ungeschriebenen Gesetze ausgehebelt, laut denen wir bestimmte Dinge nicht sagen, damit wir es zusammen aushalten. So wollte ich auch sein. Ich wollte einer sein, der sich traut. Heute würde ich mich lieber nichts mehr trauen, meine Gesten irgendwo im Schweigen finden. An guten Tagen glaube ich, dass das an einer gewonnenen Einsicht oder Bescheidenheit liegt. An schlechten Tagen fürchte ich, mich angepasst zu haben. Pasolini wüsste es, denke ich.
Wir haben uns auf die Suche nach dem Grab gemacht. Du bist durch eine Reihe Gräber gegangen, ich durch die andere. Irgendwann habe ich es gesehen. Ein unscheinbarer Stein unter einem Lorbeerbaum. Daneben der Stein seiner Mutter, die er so liebte. Jemand hat einen Brief dort niedergelegt. Ich weiß nicht, ob er an Pasolini oder die Mutter gerichtet war. Kurz dachte ich, dass wir ihn lesen sollten. Du hättest ihn übersetzen können. Aber es war zu nass und wahrscheinlich haben wir zu viel Anstand. Ob sich wohl manchmal wer auf diesen Grabstein setzt und masturbiert? Es ist nicht auszuschließen, aber wahrscheinlich wären nur die Faschisten dazu in der Lage, die ja ohnehin regieren in diesem Land. Aber ihnen fehlt an Phantasie und sie haben das Gedicht nie gelesen.

Es hat mich bewegt, dass da einfach dieses recht unscheinbare Grab war. Gerade im Regen sah es aus wie alle anderen auch. Ich denke, dass das im Sinn des Ermordeten war. Wir sind zügig wieder gefahren. Wir sind über den Tagliamento gefahren, durch flaches, wasserdurchtränktes Land, vorbei an Weinreben, geschlossenen Tankstellen und auf Stromleitungen sitzenden Tauben. Ich habe dann begriffen, dass eine Landschaft sich in die Sprache eines Dichters einprägen kann wie in Wein. Aber ich kenne mich nicht aus mit Wein. Du musst mir das übersetzen bei Gelegenheit.

Dein,
Patrick