Friaulische Kassiber: Sedimentgestöber

Bei San Pie­tro ist der Taglia­men­to von eisi­gem Cele­s­te. Sein Fluss­bett erstreckt sich wie ein stein­ge­wor­de­ner Oze­an zwi­schen zwei Klip­pen, auf denen alte Befes­ti­gungs­an­la­gen den nächs­ten Krieg erwar­ten. Wir stol­pern zwi­schen den sich auf­tür­men­den Schlamm- und Kalk­stei­nen, in die sich das süd­lich stür­zen­de Was­ser ein­ge­schrie­ben hat: Ril­len, Ker­ben und Lebens­li­ni­en in die­ser grob­kör­ni­gen Abla­ge­rungs­ge­sell­schaft. Du fin­dest einen Kie­sel mit den Jah­res­rin­gen einer Rin­de. Du steckst ihn in dei­ne Jacken­ta­sche, als kön­ne er dir die Zukunft voraussagen.

Ich zäh­le die Jah­re: Zwei­hun­dert­tau­send­jäh­ri­ge Schot­terab­la­ge­run­gen, vier­hun­dert Jah­re ins Gefäl­le ein­tau­chen­de Sand­stei­ne, ein­hun­dert­zehn­tau­send Jah­re seit der Ver­glet­scherung, sich seit Jahr­tau­sen­den zer­set­zen­des Geröll, ein­hun­dert­und­zehn Jah­re seit ein ver­blu­ten­der Sol­dat der öster­rei­chisch-unga­ri­schen Armee den Stein zwi­schen sei­nen Fin­gern hielt, damit das Ster­ben leich­ter fiel, acht­und­fünf­zig Jah­re seit hier alles über­schwemmt wur­de, nur noch ein paar Jah­re bis zum Bau eines Stau­damms an die­ser Stel­le, zwan­zig Jah­re bis zum nächs­ten Erd­be­ben, das nur die Stei­ne über­le­ben wer­den. Kannst du dir das vor­stel­len, du mit dei­nem Rin­gel­stein in den Taschen und dem Lächeln, das immer nur dem flüch­ti­gen Moment gilt?

Mit­ten im Fluss­bett liegt eine nie­der­ge­ris­se­ne und hier vor lan­ger Zeit ver­san­de­te Wei­de. Schwemm­gut, aber sie blüht. Silb­ri­ge Blü­ten­kätz­chen zit­tern in der Fluss­luft. Die vor Jah­ren aus der Erde geris­se­nen Wur­zeln der Wei­de haben zwi­schen den Stei­nen neu­en Halt gefun­den. Die Kohl­mei­sen und Amseln hal­ten Abstand. Sie zwit­schern ent­fernt von den Zwei­gen der Ufer­e­schen, ganz so, als ahn­ten sie, dass das Was­ser hier jeder­zeit anstei­gen und alles mit sich rei­ßen könn­te: Die Men­schen, die Tie­re, die Geschich­te und all die­se Stei­ne, die sich dann anders­wo abla­gern würden.

Ich weiß nichts von all­dem, bin nur ein Tau­meln­der auf die­sen glit­schi­gen, aus der Erde her­vor­ra­gen­den Kör­pern, den Kno­chen der Erde, den Opfern der Gor­go­nen. Ob sie sich einst wie­der zusam­men­set­zen, zu neu­em Leben erwa­chen? Du stehst neben der Wei­de und ich zäh­le die Stei­ne, die wir zusam­men gese­hen haben.

Dein,
Patrick