Die­ser Blog heißt ja „Jugend Ohne Film“ und da wird man dann natür­lich ganz beson­ders auf­merk­sam, wenn der frisch­ge­ba­cke­ne Oscar-Gewin­ner Micha­el Han­eke anläss­lich der Robert Bres­son-Retro­spek­ti­ve im Film­mu­se­um Wien äußert, dass für die meis­ten sei­ner Stu­den­ten (Jugend) an der Film­aka­de­mie die Film­ge­schich­te mit Quen­tin Taran­ti­no begin­nen wür­de. Auch der Direk­tor des Film­mu­se­ums, Alex­an­der Hor­wath äußer­te kri­tisch, dass für vie­le das Kino heut­zu­ta­ge einem Gefäng­nis gleich­kom­me und man­che es bevor­zu­gen wür­den Fil­me jeder­zeit und über­all sehen zu kön­nen statt in einer kon­zen­trier­ten Form. Die bei­den stimm­ten ein in einen Abge­sang auf ein ver­ges­se­nes Kino von Meis­tern wie Bres­son, Anto­nio­ni, Tar­kovs­kiy, Hitch­cock oder Paso­li­ni. Sol­che Frei­hei­ten, so Han­eke, kön­ne man sich heu­te gar nicht mehr neh­men, weil man das Pro­dukt dann schlicht und ergrei­fend nicht ver­kau­fen wür­de. Heu­te gäbe es weder Regis­seu­re vom Kali­ber eines Bres­son, noch gäbe es noch so etwas wie einen ästhe­ti­schen Skan­dal. Wenn ein Film einen Skan­dal aus­lö­sen wür­de, dann auf­grund sei­ner The­ma­tik. Als Bei­spiel nann­te Han­eke Lars von Trier.

Micha­el Haneke

Alex­an­der Horwath


So viel Respekt die­se bei­den gro­ßen Män­ner der Film­welt ver­die­nen, so vehe­ment muss man ihnen bei eini­gen ihrer Aus­füh­run­gen wie­der­spre­chen.
 

1.Jugend ohne Film
Mou­ch­et­te
Han­eke mach­te klar, dass es auch nicht wei­ter schlimm sei, wenn sei­ne Stu­den­ten kein grö­ße­res film­ge­schicht­li­ches Wis­sen hät­ten. Er klang dabei, als habe er kei­ne Wahl. So mein­te er, dass es pro Jahr­gang immer 2–3 Stu­den­ten gäbe, die alles ken­nen. Den Rest inter­es­sie­re es ein­fach nicht, weni­ge wür­den sich noch begeis­tern las­sen für ein ande­res Kino. Hängt aber nicht das Aus­blei­ben einer ästhe­ti­schen Revo­lu­ti­on genu­in mit der feh­len­den cine­as­ti­schen Bil­dung der Film­stu­den­ten zusam­men? Wer „Brea­king Bad“ schaut, wird am Ende tech­nisch ordent­li­ches Kino machen kön­nen und noch viel bes­se­re und erfolg­rei­che­re Seri­en. Wer Taran­ti­no bis zum Abwin­ken fei­ert, wird Fil­me machen die Zita­te zitie­ren und es ist nur logisch, dass dar­aus kei­ne neue oder pro­vo­zie­ren­de Ästhe­tik erwächst. Was ich sage ist nicht, dass man bei der Aus­wahl an prak­ti­schen Film­schu­len ein zu gro­ßes Augen­merk auf eine fil­mi­sche Bil­dung legen soll­te. Was ich sage ist, dass es eigent­lich durch­aus die Auf­ga­be einer jeden Film­schu­le sein soll­te den Stu­den­ten die­se Bil­dung mit­zu­ge­ben. Wenn Film als Kunst wei­ter­ge­hen will, auch in unse­ren west­eu­ro­päi­schen Gefil­den, bedarf es eini­ger cine­as­ti­scher Grund­kennt­nis­se. Vie­le Nach­wuchs­fil­mer wis­sen nicht, was es schon gege­ben hat und was mög­lich ist. Wie, außer durch einen völ­lig bescheu­er­ten und frü­her oder spä­ter auf­flie­gen­den Zufall sol­len sie noch etwas Neu­es kre­ieren? Die Ant­wort suchen vie­le Film­schu­len in der Per­sön­lich­keit der Stu­den­ten. Die Suche also nach Wun­der­kin­dern, die sich bes­ser von eini­gen weni­gen Mei­len­stei­nen beein­flus­sen las­sen, als von mög­lichst vie­len. Die mit 20 Jah­ren ein mög­lichst ereig­nis­rei­ches Leben gehabt haben müs­sen. Eine Lie­be zum Kino wird weder geför­dert noch gefor­dert. War­um soll­te das Kino also über­le­ben? Schließ­lich sind Film­stu­den­ten die Zukunft des Films. Wenn sie lie­ber „How I met your mother“ schau­en, als „L’eclisse“ dann wer­den sie auch eher „How I met your mother“ dre­hen. (Noch­mal: Das muss wirk­lich nicht falsch oder schlecht sein; es geht nur mit dem Ver­lust des­sen ein­her, was man Kino nennt; trau­rig vor allem des­halb, weil vie­le dann ihr „How I met your mother“ Kino nen­nen.) Und da Micha­el Han­eke am län­ge­ren Hebel sitzt und einer der ver­ant­wort­li­chen Aus­bil­der des deutsch­spra­chi­gen Nach­wuchs­films ist, fragt man sich: War­um bil­det man Leu­te aus, die mit ziem­li­cher Sicher­heit das zer­stö­ren wer­den, was man selbst liebt, über was man sich selbst defi­niert und was man selbst als Kino bezeich­net? Es kann doch nicht sein, dass die Leu­te, die es ver­stan­den haben den Fes­ti­val-Markt mit cine­as­ti­scher Kom­pro­miss­lo­sig­keit zu regie­ren, begin­nen Talen­te zu för­dern, die genau das nicht tun. Und es soll mir kei­ner mit dem: Aber es gibt doch mehr als Kunst­ki­no oder anspruchs­vol­les Kino-Argu­ment kom­men. Seri­en, Fern­seh­spie­le, Meg­ablock­bus­ter. Das ist ein völ­lig ande­res Gebiet. Dafür soll­te es auch eine ande­re bezie­hungs­wei­se gar kei­ne Hoch­schul­aus­bil­dung im Bereich Regie geben. Oft wer­den Autoren aus­ge­bil­det, deren Autoren­schaft sich auf ihr Auf­tre­ten beschränkt. Muss man die Film­ge­schich­te bezie­hungs­wei­se die Film­land­schaft ken­nen, um wert­vol­le Fil­me zu dre­hen? Ich den­ke zumin­dest, dass ange­hen­de Regis­seu­re, die mit Bres­son oder Anto­nio­ni nichts anfan­gen kön­nen auch nicht ihr Erbe antre­ten kön­nen. Wenn es eine Jugend ohne Film gibt, dann hat Han­eke mit dar­an schuld.
2.Keine Regis­seu­re mehr
Leos Car­ax


Außer Abbas Kiaros­t­ami wur­den dann auch nur bereits ver­stor­be­ne Fil­me­ma­cher genannt. Mit der sicher­lich etwas flap­sig dahin­ge­sag­ten Bemer­kung, dass es Regis­seu­re wie eben Bres­son heu­te nicht mehr gäbe, tritt Han­eke sogleich ins nächs­te Fett­näpf­chen. Er bezieht das auf Regis­seu­re, die Film ästhe­tisch wei­ter­brin­gen. Also wenn ich das rich­tig ver­stan­den habe, dann kann man Film nicht mehr wei­ter­brin­gen. Film ist am Ende aller Ent­wick­lun­gen ange­kom­men. Spä­tes­tens mit Cas­sa­ve­tes wur­de alles gemacht, was es zu machen gibt. Heu­te wür­den ande­re Din­ge wie Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen etc zäh­len. Der Ein­druck, den man gewin­nen muss, ist der eines sar­kas­ti­schen Man­nes, der immer noch nicht begrei­fen kann wie er bei einer Preis­ver­lei­hung gefei­ert wer­den konn­te, die gro­ße euro­päi­sche Regis­seu­re wie Berg­man oder Godard aus Pro­test abge­lehnt haben. Bru­no Dumont, Nuri Bil­ge Cey­lan, Cris­ti­an Mun­giu, Chris­toph Hoch­häus­ler, Micha­el Han­eke, Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul, Arnaud Des­plechin, Cris­ti Puiu, Jean-Pierre und Luc Darden­ne, Clai­re Denis, Miguel Gomes, Gas­par Noé, Chris­ti­an Pet­zold, Ange­la Scha­nelec, Alex­an­dr Sokur­ov, Michel Gon­dry, Lars von Trier, Oli­vi­er Assay­as, Wong Kar-wai, Wes Ander­son, Paul Tho­mas Ander­son, Jafar Panahi, Gus van Sant, Béla Tarr, Ulrich Seidl, Abbas Kiaros­t­ami, Leos Carax…diese Lis­te lie­ße sich unend­lich wei­ter­füh­ren. Eine Lis­te von Fil­me­ma­cher, die das Medi­um durch­aus wei­ter­brin­gen, die mit der Ästhe­tik spie­len und sie her­aus­for­dern. Natür­lich gehen ihnen als Bedin­gung ande­re gro­ße Meis­ter vor­aus. Aber auch denen gin­gen ja wie­der Meis­ter vor­aus. Fai­rer­wei­se muss man sagen, dass Han­eke wohl auch genau das gemeint hat. Hor­wath lenkt das Gespräch dann auch gleich auf die feh­len­de Film­kul­tur, die feh­len­de Bereit­schaft über sol­che Din­ge zu spre­chen. War­um aber, Micha­el Han­eke, beschrei­en sie die Unmög­lich­keit eines Kinos, an dem sie selbst inter­es­siert sind? War­um sind bei­de Vor­stel­lun­gen an die­sem Abend („Mou­ch­et­te“ und „Lan­ce­lot du Lac“ völ­lig aus­ver­kauft; war­um sind auch vie­le jun­ge Zuse­her im Kino?) Den­noch muss man sich wohl wirk­lich die Fra­ge stel­len, ob Film jen­seits der tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten und Ver­brei­tungs­wei­sen noch ent­wi­ckel­bar ist. Die Ant­wort kön­nen nur neue Gene­ra­tio­nen von Fil­me­ma­chern geben. Miguel Gomes hat auf der Vien­na­le gesagt: „Wir haben ver­lernt zu träu­men, den Bil­dern zu glau­ben.“ Das Thea­ter hat jahr­hun­der­te­lang immer wie­der neue Ent­wick­lun­gen durch­lau­fen, auch die Schrift­kunst hat stän­dig neue For­men, neue Arten des Erzäh­lens her­vor­ge­bracht. Es kann eigent­lich kaum sein, dass Film nach nicht ein­mal 120 Jah­ren Geschich­te kei­ne neue Spra­che, kei­ne neue Form, kei­nen neu­en Stil mehr haben kann. Die Fra­ge muss eher sein: Inwie­fern wird eine Neu­ent­de­ckung des künst­le­ri­schen Poten­zi­als jen­seits des Mikro­kos­mos fern von Hol­ly­wood über­haupt noch registriert?

Apichat­pong Weerasethakul

3.Der „Lie­be“ Herr Haneke
Ben­nys Video

Zum Abschluss stell­te Hor­wath dann eine bedeu­ten­de Fra­ge an Micha­el Han­eke. Bezo­gen auf die feh­len­den Skan­da­le und Kon­tro­ver­sen, die Fil­me heu­te noch aus­lö­sen kön­nen, frag­te er ihn sehr sub­til nach der doch eher freund­li­chen Publi­kums­re­ak­ti­on bei sei­nen letz­ten Fil­men. Bei allem ange­brach­ten und gebüh­ren­den Respekt, den ein Meis­ter des Kinos wie Han­eke ver­dient, muss man sich genau das fra­gen: Wo ist er hin die­ser ver­stö­ren­de Fil­me­ma­cher, der sein Publi­kum ober­fläch­lich betrach­tet zu igno­rie­ren scheint, der kom­pro­miss­lo­se Wer­ke lie­fert, die bis ins Detail prä­zi­siert sind? „Amour“ und „Das wei­ße Band“ wir­ken wie zwei huma­nis­ti­sche Spät­wer­ke eines Regis­seurs, der sei­ne unheim­li­chen Kan­ten und Ecken, die sich eben-und das ist der sprin­gen­de Punkt-in einem Angriff auf die Ästhe­tik äußer­ten statt in inhalt­li­chen Tabu­zo­nen, abge­run­det hat. Han­eke scheint an einem Punkt ange­kom­men zu sein, an dem er end­lich ern­ten kann, wofür er so lan­ge gekämpft hat. Und para­do­xer­wei­se wirkt er nun selbst wie jemand gegen den man kämp­fen muss. Nicht weil sei­ne Fil­me schlecht wären oder weil sie sei­nem Ide­al der völ­li­gen Publi­kums­frei­heit nicht ent­spre­chen wür­den, son­dern weil er nun zu wis­sen scheint, was er tun muss, um Erfolg zu haben. Fil­me­ma­cher auf der Suche haben mehr Kraft in ihren Wer­ken. John Cas­sa­ve­tes war zum Bei­spiel immer auf der Suche. Es ist eine abschre­cken­de Per­fek­ti­on bei Han­eke, die einst eine genia­le Per­fek­ti­on war. Abschre­ckend, weil er sie so genau bedie­nen kann, dass die ein­ge­impf­te mensch­li­che Note fast com­pu­ter­ge­neriert wirkt. „Amour“ wirkt stel­len­wei­se der­art durch­kom­po­niert und den­noch iden­ti­fi­ka­ti­ons­stif­tend, dass man sich fragt, ob es schon jemals einen kal­ku­lier­ter wir­ken­den Film gege­ben hat. Er ant­wor­te­te nicht wirk­lich auf die Fra­ge. Er sei ledig­lich über­rascht gewe­sen, dass er für „Fun­ny Games“ bra­ven Applaus bekom­men habe. Die letz­ten bei­den Fil­me glie­dern sich retro­spek­tiv sicher­lich her­vor­ra­gend in das gro­ße Oeu­vre von Han­eke ein und das hier soll auch kei­ne Kri­tik an einem Mann sein, der nicht zu kri­ti­sie­ren ist. Aller­dings stel­len sich ein paar Fra­gen und die habe ich hier­mit gestellt.
Amour

Den­noch war der Blick auf Bres­son mit Han­eke und Hor­wath ein gro­ßes Erleb­nis. Hier über Robert Bres­son selbst zu schrei­ben, bedarf dage­gen weit mehr als eini­ger Zeilen.