Text: Rai­ner Kien­böck

Im Fal­le von „Her“ kommt die „Mise­ry“ vor der „Music“. Denn wir sehen Theo­do­re (Joa­quin Phoe­nix) zuerst allein, gedan­ken­ver­lo­ren, trau­rig in sei­nem Büro sit­zen, bevor er im Auf­zug sein Com­pu­ter-Smart­phone-Device-Dings (dazu gleich mehr) anweist einen melan­cho­li­schen Song zu spie­len. „When You Know You’re Gon­na Die“ von Arca­de Fire ertönt, Theo­do­re ent­schei­det sich dann doch für Will Coll­ins‘ „Ali­en Child“.
Der Film spielt in einer nahen Zukunft, in der, und so abwe­gig ist das gar nicht, per­so­na­li­sier­te Betriebs­sys­te­me („ope­ra­ting sys­tems“, kurz OS) als per­sön­li­che Assis­ten­ten fun­gie­ren. Sie emp­feh­len Lie­der und Restau­rants, ver­wal­ten E‑Mails und Ter­mi­ne und geben auch sonst hilf­rei­che Tipps. Gesteu­ert wer­den sie mit­tels Sprach­steue­rung und kom­mu­ni­zie­ren über Sprach­aus­ga­be mit­tels eines klei­nen Ohr­hö­rers. Das OS ist platt­form­über­grei­fend (Arbeits-PC, Home-Enter­tain­ment, und ein Smart­phone-arti­ges Gerät sind alle mit­ein­an­der ver­knüpft) und all­ge­gen­wär­tig im Leben von Theo­do­re, und ver­mut­lich dem Rest der Welt. Annah­men über die Lebens­um­stän­de ande­rer Men­schen in der Welt von „Her“ zu machen, ist jedoch schwie­rig. So all­ge­gen­wär­tig wie das OS in Theo­do­res Leben ist, so all­ge­gen­wär­tig ist Theo­do­re im Film. Kaum eine Ein­stel­lung kommt ohne ihn aus, selbst „estab­li­shing shots“ arran­giert Regis­seur Spike Jon­ze oft so, dass Theo­do­re im Bild ist.
Theo­do­res Lebens­welt bie­tet aber fas­zi­nie­ren­de und daher loh­nen­de Ein­bli­cke in eine nicht-so-fer­ne Zukunft. Medi­en­in­stal­la­tio­nen sind all­ge­gen­wär­tig, die Archi­tek­tur ist far­bi­ger wenn auch kli­ni­scher gewor­den und elek­tro­ni­sche Hel­fer domi­nie­ren den All­tag noch stär­ker als heu­te. Ober­fläch­lich betrach­tet, mag „Her“ wie Kri­tik an der fort­schrei­ten­den Tech­no­lo­gi­sie­rung des Pri­va­ten wir­ken: Statt das ech­te Leben zu leben, stürzt man sich in eine vir­tu­el­le Par­al­lel­welt. Ich wür­de nicht sagen, dass es so ein­fach ist. Viel­mehr haben wir es hier mit einer Cha­rak­ter­stu­die zu tun, die fan­ta­sie­voll und teils mit Sci­ence-Fic­tion-Ele­men­ten, ähn­li­ches the­ma­ti­siert wie wir es aus der Film­ge­schich­te bereits ken­nen. Ein­sam­keit, Tren­nungs­schmerz und unor­tho­do­xe sexu­el­le Vor­lie­ben sind nichts Neu­es, die tech­ni­schen Neue­run­gen der letz­ten Jah­re haben Jon­ze aber zu etwas inspi­riert, das so noch nicht da war.
Theo­do­re ist von sei­ner Frau ver­las­sen wor­den, und als wir ihn tref­fen, noch nicht annä­hernd über die­se Tren­nung hin­weg. Um sich abzu­len­ken besorgt er sich die aktu­ells­te OS-Ver­si­on. Die­se hat eine natür­li­che mensch­li­che Stim­me, so etwas wie eine Per­sön­lich­keit und ist lern­fä­hig. Wie­der ein­mal ein Film, in dem der Traum von A.I. in Erfül­lung gegan­gen ist.Theo­do­res OS spricht mit der sexy, leicht krat­zi­gen Stim­me von Scar­lett Johans­son und tauft sich selbst Saman​tha​.Mit Charme, Wort­witz und einem gro­ßen Ver­ständ­nis für Theo­do­res Pro­ble­me erobert Saman­tha sein Herz und die bei­den befin­den sich schon bald in einer Bezie­hung. Der ech­te Mensch und die kör­per­lo­se, künst­li­che Enti­tät.Wie so oft in der­lei Anord­nun­gen ent­puppt sich das künst­li­che Wesen schon bald als mensch­li­cher und emo­tio­na­ler als der Mensch – das ist die tra­gi­sche Sei­te von „Her“.
Der Film hat aber eine absur­de, komi­sche Sei­te. Ich wür­de in die­sem Fall nicht von einer Komö­die spre­chen, aber Theo­do­res bizar­re Bezie­hung zu sei­nem OS führt zu ein paar net­ten One-Linern („…and now he’s mad­ly in love with his lap­top!“) und zu sehr skur­ri­len Situa­tio­nen (mein Favo­rit: das Dou­ble Date-Pick­nick). In die­sen Momen­ten meint man sich in einem Dreh­buch von Char­lie Kauf­man. Die letz­te Zusam­men­ar­beit der bei­den ist zwar bereits über zehn Jah­re her, Jon­ze kann des­sen Ein­fluss aber nicht abstrei­ten.Ein Kauf­man-Film ist es aber dann doch nicht. Dafür feh­len die gro­ßen Ideen und eine Pri­se Wort­witz. Wie bereits erwähnt ist „Her“ zwar ein erfri­schend neu­er Ver­such eines Lie­bes­dra­mas über einen leicht nerdi­gen Ein­zel­gän­ger, aber Jon­ze erfin­det das Rad nicht neu. 
Dafür kann man den Film auf der visu­el­len Ebe­ne zu den Gro­ßen zäh­len. Wer Lie­bes­fil­men kei­ne gro­ßen Bil­der­wel­ten zutraut, wird hier eines Bes­se­ren belehrt. Der Stil des Films ist vom Hoch­haus bis zum Lam­pen­schirm stim­mig. Die nicht-näher spe­zi­fi­zier­te Zukunft sieht aus wie die neue Wirt­schafts­uni­ver­si­tät in Wien. Wem das nicht gefällt, muss wenigs­tens zuge­ben, dass es etwas unge­zwun­gen Futu­ris­ti­sches an sich hat. Man kann nur hof­fen dass DP Hoyte van Hoyte­ma die­ses Niveau auch in Chris­to­pher Nolans nächs­tem Film „Inter­stel­lar“ hält, wenn­gleich er es dort wohl mit einer weni­ger far­ben­fro­hen Umge­bung zu tun haben wird (v.a. wird der Haupt­cha­rak­ter nicht andau­ernd rote Hem­den tra­gen). Hin­zu­zu­fü­gen ist viel­leicht noch, dass in Jon­zes Zukunfts­vi­si­on der ehe­mals alter­na­ti­ve Hips­ter-Style den Main­stream end­gül­tig erobert hat, wes­halb die Mehr­zahl der Men­schen im Film wie Idio­ten ange­zo­gen ist – da wünscht man sich fast kör­per­los zu sein.