Hou Hsiao-Hsien-Retro: A Time to Live and a Time to Die

Bereits zum drit­ten Mal wid­met sich das Öster­rei­chi­sche Film­mu­se­um dem Schaf­fen von Hou Hsiao-Hsi­en. Zuletzt waren sei­ne Fil­me im Dezem­ber 1997 geballt im Unsicht­ba­ren Kino des Hau­ses zu sehen und damals wie heu­te öff­ne­te man die Schau mit „A Time to Live and a Time to Die“ aus dem Jahr 1985, der sich wohl auf­grund sei­ner per­sön­li­chen Fär­bung beson­ders als ers­te Annä­he­rung an die Per­son und das Schaf­fen von Hou Hsiao-Hsi­en eig­net. Damals wie heu­te wur­de der Film im Pro­gramm­heft des Film­mu­se­ums mit der voll­mun­di­gen Ankün­di­gung ver­se­hen, dass es sich um einen der schöns­ten Fil­me der Film­ge­schich­te handele.

Im bis zum letz­ten Platz gefüll­ten Kino begin­nen dann die sen­ti­men­ta­len und doch grau­sa­men Bil­der von Hou Hsiao-Hsi­en, leben­dig zu wer­den. Der Film ist eine Erin­ne­rung an die Kind­heit, das Por­trait einer Fami­lie im länd­li­chen Tai­wan. Ursprüng­lich aus dem Haupt­land kom­mend, lebt die­se Fami­lie in ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen getrennt von ihren Ahnen. Prot­ago­nist ist der jun­ge Ah-ha, des­sen Her­an­wach­sen „A Time to Live and a Time to Die“ von Mit­te der 40er Jah­re bis Mit­te der 60er Jah­re beleuch­tet. Die Schlicht­heit des Lebens und die Scho­nungs­lo­sig­keit des Ster­bens wer­den in ellip­ti­schen Mon­ta­gen beob­ach­tet, die sich wie ein Puz­zle, ja eine Erin­ne­rung vor dem Zuse­her zusam­men­set­zen. Inhalt­lich erin­nert der Film an die Apu-Tri­lo­gie von Satya­jit Ray. Die stil­len Momen­te des Ich-Wer­dens, die Ein­sam­keit und Schön­heit einer Kind­heit wur­de dort mit der­sel­ben Lei­den­schaft und Geduld betrach­tet. In bei­den Film­wer­ken geht es immer um eine indi­vi­du­el­le Hal­tung zur Welt, die Ent­wick­lung einer Wahr­neh­mung, einer Selbst­stän­dig­keit im Ange­sicht der Exis­tenz. Immer wie­der wird Ah-ha durch die­se Welt gespült, von ihrer Wut über­mannt, aber manch­mal bekommt er auch die Chan­ce zu Sein, es sind dies die Momen­te des Wer­dens genau wie bei Apu. Auch bei Ray wur­de der Groß­mutter eine beson­ders herz­li­che Rol­le zuge­dacht. Neben ihr gibt es bei Hou Hsiao-Hsi­en drei Brü­der, eine Schwes­ter, Vater und Mutter.

A time to live and a time to die

Dabei voll­zieht sich die Hand­lung rund um das Leben, Über­le­ben und Ster­ben der Fami­lie in Tableaus und Ran­sprün­gen. Die Tableaus, das sind zurück­hal­ten­de Bil­der vol­ler Anmut, die immer etwas von der Umge­bung mit erzäh­len. Es han­delt sich oft um tota­le Ein­stel­lung an Orten, die man im Lauf des Films ken­nen­lernt, weil sie immer wie­der aus dem­sel­ben Blick­win­kel gezeigt wer­den. Der Baum an der Stra­ße, das Later­nen­licht über dem Haus, der Fahr­rad­hof an der Schu­le. So ver­mag Hou Hsiao-Hsi­en ein Gefühl von Hei­mat zu ver­mit­teln. In die­ser Hei­mat des Films bewe­gen sich die Figu­ren so natür­lich als wäre es kein Film son­dern ein kla­rer Moment der Erin­ne­rung, der nur von den ellip­ti­schen Schnit­ten gebro­chen wird, als kön­ne man der Welt nicht mehr fol­gen, als kön­ne man sich nur an Momen­te erin­nern. „A Time to Live and a Time to Die“ ist ein Film des Moments. Häu­fig wur­de ein Ver­gleich mit Yasu­ji­rō Ozu bemüht, der auch unmög­lich von der Hand zu wei­sen ist. Die Nüch­tern­heit und for­ma­lis­ti­sche Stren­ge und die Beto­nung der klei­nen Regun­gen, die den Bli­cken der Kame­ra nie ent­ge­hen, ohne dass sie betont wer­den wür­den, erin­nern an den japa­ni­schen Meis­ter. Aber für Hou Hsiao-Hsi­en ist eine Aus­ein­an­der­set­zung mit der Kind­heit auch ein sen­ti­men­ta­les Unter­fan­gen. Immer wie­der schnei­det er in Nah­auf­nah­men, immer wie­der springt er aus den Tableaus in die Gesich­ter, die sich der Rea­li­tät aus­ge­lie­fert, ver­lo­ren und doch lie­bend durch die Welt bewegen.

Der Film ist vom Ges­tus eines Ver­zei­hens aller Taten geprägt, er voll­zieht sich in der Ver­gan­gen­heits­form wie eine Alters­weis­heit, ein Blick zurück voll nost­al­gi­schem Lächeln und Bedau­ern. Pas­send dazu ertönt ein ein­gän­gi­ges Gefühls­the­ma, das die oft wort­lo­sen Mon­ta­ge­se­quen­zen trägt. „A Time to Live and a Time to Die“ droht zu tran­szen­die­ren in eine Sphä­re, in der die Per­sön­lich­keit nur mehr ein Sym­bol für etwas Grö­ße­res ist. Ein uni­ver­sel­ler Ton des Her­an­wach­sens ist nicht von der Hand zu wei­sen, man wird sich selbst auf der Lein­wand erken­nen hier und dort. Schon der inter­na­tio­na­le Titel erzählt nicht von Indi­vi­du­en son­dern vom Leben an sich. Der Blick des Regis­seurs ist daher nie­mals ein Blick aus der ers­ten Per­son. Er nähert sich der Fami­lie wie ein ent­fern­ter Ver­wand­ter. Nur die Nah­auf­nah­men ver­ra­ten sei­ne Zunei­gung und sei­nen Schre­cken über das Leben und Sterben.

A Time to live and a time to die

Die Figu­ren wer­den durch ihre Bewe­gung und Posi­tio­nie­rung im Raum cha­rak­te­ri­siert. So sitzt der Vater zumeist im sel­ben Stuhl am Rand des Bil­des. Die Groß­mutter liegt in ihren letz­ten Tagen immer auf der­sel­ben Mat­te. Ein Bru­der kriecht in der ers­ten Hälf­te des Films fast durch­ge­hend über den Boden. Der jun­gen Frau, für die sich Ah-ha inter­es­siert begeg­net er immer an der­sel­ben Stel­le im Ort. Es wird bewusst, dass die­se Men­schen leben, weil man sie im glei­chen Atem­zug wie ihre Umge­bung und ihre Zeit ken­nen­lernt. Die Bil­der sam­meln sich nicht nur in der eige­nen Wahr­neh­mung, son­dern im Gedächt­nis, sodass man von einer geteil­ten Erin­ne­rung spre­chen kann. Man hat das Gefühl, dass die grau­sams­ten Momen­te in die­ser Erin­ne­rung warm­ge­hal­ten wer­den, eine Wär­me, die sich durch den Schre­cken zieht, sodass man ihn nicht mehr berüh­ren kann und den­noch tief in sich trägt.