Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Víctimas del Pecado von Emilio Fernández

Il Cinema Ritrovato 2018: La Maquina Loca

Der ers­te Besuch beim Il Cine­ma Ritro­va­to kann über­for­dernd sein. Einer­seits der per­ma­nen­te Druck sich zwi­schen den fünf bis sechs gleich­zei­tig lau­fen­den Scree­nings des doch sehr spe­zi­fi­schen Pro­gramms zu ent­schei­den, ande­rer­seits die ein­fa­che Men­ge an gese­he­nen Fil­men zu ver­ar­bei­ten, macht es schwer kla­re Urtei­le zu tref­fen – die Fil­me ver­schwim­men. Ohne grö­ße­re Vor­be­rei­tun­gen und mit nur eini­gen weni­gen Emp­feh­lun­gen streunt man von has­ti­gen Café-Pau­sen unter­bro­chen durch die hit­zi­gen bis stark kli­ma­ti­sier­ten Kino­sä­le. Eini­ge eklek­ti­sche Beob­ach­tun­gen und Ein­drü­cke mei­nes Trei­bens – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Eine neue Restau­rie­rung des nur zum Teil fer­tig­ge­stell­ten Films Daï­nah la Métis­se von Jean Gré­mil­lon, in des­sen Schaf­fen eini­ge Fil­me unrea­li­siert geblie­ben sind oder von ande­ren voll­endet wur­den. Die nicht ver­schol­le­nen 51 Minu­ten wer­fen ein mys­te­riö­ses und düs­ter-poe­ti­sches Bild auf die Fra­ge, was gewe­sen wäre wenn nicht doch mehr vom Film geblie­ben wäre. Ein Schiff bei einer Atlan­tik­über­fahrt, bela­den mit einer Ladung deka­dent-gelang­weil­ter Bour­geoi­se, die sich ihren exo­ti­sie­rend-ero­ti­schen Pro­jek­tio­nen auf die schwar­ze Tän­ze­rin Dinah und ihren Mann (als Zau­be­rer eben­falls Teil der bür­ger­li­chen Unter­hal­tung des Schiffs) hin­ge­ben. Ein Kos­tüm­ball der ver­zerr­ten Gri­mas­sen – ein Bild der Schein­hei­lig­keit des bür­ger­li­chen Lebens – traum­ar­tig und hal­lu­zi­na­to­risch, wie der gan­ze Film. Als Gegen­ent­wurf hori­zon­ta­le Ein­stel­lun­gen in den Maschi­nen­raum des Schiffs. Der wei­ße Pro­le­ta­ri­er begehrt Dinah eben­falls – bringt die­se nach Zurück­wei­sung jedoch um. Nicht gera­de ein­deu­tig ver­han­delt Gré­mil­lon in sei­nem zwei­tem Ton­film die Bezie­hun­gen zwi­schen Klas­sen­ver­hält­nis­sen und Ras­sis­mus. Im poe­tisch-rea­lis­ti­schen Stil erschei­nen die Bezie­hun­gen der Akteu­re erstarrt, wie die lan­gen Ein­stel­lun­gen des sich durch den Atlan­tik drän­gen­den Schiffs, bewegt sich alles bedroh­lich auf das Unaus­weich­li­che zu. Der Ehe­mann bringt den am Schiff gesell­schaft­lich unter ihm ste­hen­den Arbei­ter um, das Bür­ger­tum schaut gleich­gül­tig zu.

Dainah la metisse von Jean Grémillion

Por que te hizo el desti­no peca­do­ra, si no sabes ven­der el cora­zón singt pas­send dazu Pedro Var­gas in einem Inko­gni­to-Auf­tritt in Víc­ti­mas del Peca­do von Emi­lio Fernán­dez. Einer der bekann­tes­ten mexi­ka­ni­schen Sän­ger besingt als Gast des Nacht­clubs Chan­goo die Misch­po­ke aus Pro­sti­tu­ier­ten, Gangs­tern und Musi­kern. Auch dabei die Sän­ge­rin Rita Mon­ta­ner und Perez Pra­do mit Orches­ter, die den Sound­track die­ses mexi­ka­ni­schen Rum­be­ra Films lie­fern und dabei der kuba­ni­schen Tän­ze­rin und Schau­spie­le­rin Ninón Sevil­la ihre wohl bes­te Haupt­rol­le besche­ren. La Maqui­na Loca – ein Film der Ener­gie aus­strahlt. Die Über­trei­bun­gen, die tem­pe­ra­ment­vol­len Streits, immer etwas zu lan­ge Ein­stel­lun­gen ent­wer­fen ein wil­des und zugleich düs­te­res Mexi­co City à la Film Noir. Der Zuhäl­ter und klei­ne Gangs­ter Rudol­fo drängt eine sei­ner Pro­sti­tu­ier­ten ihr Neu­ge­bo­re­nes aus­zu­set­zen. Die eigen­stän­di­ge wie rebel­li­sche Tän­ze­rin Vio­le­ta nimmt sich dem Kind ent­ge­gen Rudol­fos Wil­len an, ver­liert so ihre Stel­le im Nacht­club Chan­goo und nimmt einen Abstieg in die Mit­tel­lo­sig­keit in Kauf. Nach­dem Vio­le­ta dafür sorgt das Rudol­fo ins Gefäng­nis muss, ver­liebt sich der Nacht­club­be­sit­zer Augus­to in sie und sie kann in sei­nem Nacht­club arbei­ten. Nach eini­ger Zeit wird der rach­süch­ti­ge Rudol­fo aus dem Gefäng­nis ent­las­sen, die Geschich­te nimmt ihren gewalt­tä­ti­gen Lauf und am Ende steht Vio­le­ta mit ihrem Sohn wie­der allei­ne da. Neben der zumeist sehr schnell vor­an­schrei­ten­den und manch­mal etwas aus­schwei­fen­den aber doch simp­len Geschich­te, schaff­te es noch Emi­lio Fernán­dez eini­ge län­ge­re Tanz- und Musik­ein­la­gen in den Film ein­zu­bau­en. All das könn­te viel mehr als ein­ein­halb Stun­den ein­neh­men, aber ist gera­de in sei­ner Ver­dich­tung so gut.

Auch in Lucia­no Emmers La Rag­ga­za in Vetri­na, sei­nem letz­ten Film bevor er begann für Fern­se­hen und Wer­bung zu arbei­ten, bil­det das Rot­licht­mi­lieu den titel­ge­ben­den Hin­ter­grund. Hier ist es jedoch Ams­ter­dam, in das sich die ita­lie­ni­schen Gast­ar­bei­ter nie­der­län­di­scher Minen flüch­ten, um der Aus­sichts­lo­sig­keit und Här­te der ent­frem­de­ten Arbeit unter Tage zu ver­ges­sen. Der Film ent­wi­ckelt sich und scheint wie Lucia­no Emmers gesam­tes Werk an einer Schnitt­stel­le unter­schied­li­cher Gene­ra­tio­nen des ita­lie­ni­schen Films zu arbei­ten. Zunächst ein beob­ach­ten­des neo­rea­lis­ti­sches Erkun­den der Milieus ita­lie­ni­scher Arbei­ter in den Nie­der­lan­den. Dabei auch die Fest­stel­lung ihrer gefähr­li­chen Arbeits­be­din­gun­gen, wes­we­gen in Ita­li­en, neben der frei­zü­gi­gen Abbil­dung von Pro­sti­tu­ti­on, nur eine zen­sier­te Fas­sung erschie­nen war. Sobald die Minen­ar­bei­ter Vin­cen­zo und Feder­i­co nach Ams­ter­dam kom­men öff­net sich kurz die Enge ihr ver­meint­lich begrenz­ten Mög­lich­kei­ten. Aus der Arbei­ter-Stu­die wird ein ver­ein­zelt bit­ter-komö­di­an­ti­sches Dra­ma, in wel­chem jedoch alle Akteu­re auf der Suche blei­ben und sich selbst und gegen­ein­an­der letzt­lich nicht fin­den. Auf­grund der Spra­che, auf­grund ihres sozia­len Sta­tus, auf­grund ihrer unter­schied­li­chen Begeh­ren und der Unmög­lich­keit sich von die­sen freizumachen.

Ein Fix­punkt des Fes­ti­vals war die mor­gend­li­che Rei­he Cine­ma­li­be­ro. Latein­ame­ri­ka­ni­sches und afri­ka­ni­sches Kino unter den Vor­zei­chen ihrer Koope­ra­ti­on an einer Deko­lo­ni­sie­rung und Kri­tik an neo­ko­lo­nia­len Ver­hält­nis­sen. Der argen­ti­ni­sche Film Pri­sione­r­os de la Tier­ra sticht hier zu Beginn her­aus. Die The­ma­ti­sie­rung der Skla­ven-ähn­li­chen Arbeits­ver­hält­nis­se indi­ge­ner Arbei­ter auf den Mate-Plan­ta­gen des nörd­li­chen Argen­ti­ni­ens und ein Auf­stand die­ser scheint 1939 im kon­ser­va­tiv gepräg­ten Argen­ti­ni­en pro­gres­siv und außer­ge­wöhn­lich. Gekrönt von einer unge­wöhn­li­chen Rache­sze­ne des Mensù-Hel­den, wel­cher den wei­ßen Plan­ta­gen­auf­se­her mit dem deut­schen Namen Köh­ner über meh­re­re Minu­ten aus­peitscht. Hec­tor Baben­cos Pixo­te, A Lei Do Mais Fra­co beein­druckt durch das Oszil­lie­ren von Nähe und Gewalt, wel­che die ver­las­se­nen und aus­ge­setz­ten Jugend­li­chen und Kin­der einer Reform­an­stalt in Sao Pau­lo erfah­ren müs­sen. Hier bau­en sich neue Bezie­hun­gen auf und wer­den durch die gesell­schaft­li­che Här­te wie­der desta­bi­li­siert. Ver­trau­en wird in einer kor­rup­ten und gewalt­tä­ti­gen Gesell­schaft zu einem pro­ble­ma­ti­schen Gefühl. Auf eine Kind-Per­spek­ti­ve baut auch Moham­med Lakhdar-Hami­nas Film Waqai Sana­wat Al-Djamr. Nicht nur das wie Lakhdar-Hami­na im Gespräch angibt den Film aus Tei­len sei­ner eige­nen Kind­heits­er­in­ne­run­gen kon­stru­iert zu haben, son­dern auch da der Film zeigt, wie die untrag­ba­re Unge­rech­tig­keit einer ras­sis­ti­schen Klas­sen­ge­sell­schaft sich in die Akteu­re ein­schreibt. In ihre Bio­gra­fien, in ihre Leben und beson­ders in die der Kin­der. Der Film beschreibt durch zeit­li­che Sprün­ge und Epi­so­den die Poli­ti­sie­rung der alge­ri­schen Land­be­völ­ke­rung anhand der Geschich­te eines Bau­ern der Kaby­lei. Es geht um den Weg der Alge­ri­er zum Kampf gegen die fran­zö­si­sche Kolo­ni­al­macht. Der Alge­ri­en­krieg selbst wird dabei im Gegen­satz zu ande­ren anti­ko­lo­nia­len Fil­men größ­ten­teils ausgespart.

In Yil­maz Güneys tür­kisch-kur­di­schen Wes­tern Seyy­it Han spielt die Rache eine ande­re Funk­ti­on. Sie ist nicht die Befrei­ung von einer Unge­rech­tig­keit durch die Umkehr der Macht­ver­hält­nis­se, son­dern sie ist der End­punkt eines tra­gi­schen Ver­lusts evo­ziert durch die Enge patri­ar­cha­ler und fami­liä­rer Struk­tu­ren. Der Out­law Seyy­it Han kommt nach lan­ger Zeit in sein Dorf zurück, nach­dem er aus­zie­hen muss­te, um sei­ne Fein­de los­zu­wer­den, die ihm ein ruhi­ges Leben mit sei­ner Ver­spro­che­nen Keje nicht ermög­licht hät­ten. Keje wur­de jedoch mitt­ler­wei­le dem rei­chen Bau­ern Hay­dar ver­spro­chen. Als er rea­li­siert das Keje Seyy­it liebt, ent­wirft er ein Kom­plett an des­sen Ende der Tod Kejes durch Seyy­it steht. Es kün­digt sich ein lan­ger Show­down an aus wel­chem nie­mand lebend ent­kommt. Ein Wes­tern, eine Mär­chen und immer wie­der lang­sa­me fast doku­men­ta­ri­sche Ein­stel­lun­gen der dörf­li­chen Gesell­schaft und ihrer Bräu­che. Der teil­wei­se ver­kürz­ten Sto­ry und den nicht sehr ent­wi­ckel­ten Cha­rak­te­ren zum Trotz gelingt es Güney mit Seyy­it Han sozi­al­kri­ti­sche Posi­tio­nen über die Macht­lo­sig­keit der Frau in einer qua­si-feu­da­lis­ti­schen Gesell­schaft zu ent­wer­fen und dar­über hin­aus in einer Zeit als die kur­di­sche Spra­che in der Tür­kei ver­bo­ten war mit Keje eine kur­di­schen Namen in sei­nem Film unterzubringen.

Klei­ne und grö­ße­re Wider­stän­de zie­hen sich durch einen Groß­teil des Gese­he­nen. Jenes das nicht ganz passt, aus der Rol­le fällt, unvoll­endet ist – die­se unab­ge­schlos­se­nen und limi­na­len For­men wer­den bis zum nächs­ten Jahr mein Bild vom Il Cine­ma Ritro­va­to beherrschen.