Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Il Cinema Ritrovato: Festivaldialog

Das Il Cine­ma Ritro­va­to schickt gera­de letz­te Licht­strah­len auf sei­ne Lein­wän­de. Kurz nach ihrer Abrei­se aus Bolo­gna unter­hal­ten sich Andrey und Rai­ner über ihr Bild die­ses ein­zig­ar­ti­gen Festivals.

Rai­ner: Waren Ingrid Berg­mans Augen wohl wirk­lich so blau, wie es uns das Fes­ti­valsu­jet weis­ma­chen will?

Andrey: Bestimmt für alle, die ihr in sel­bi­ge geblickt haben. Aber ich habe hier bis­lang kei­nen ein­zi­gen Film aus dem Berg­man-Tri­bu­te gese­hen – nicht etwa aus Des­in­ter­es­se, son­dern weil mich das Alter­na­tiv­pro­gramm stets mehr reiz­te. Bolo­gna besteht eigent­lich nur aus Alter­na­tiv­pro­gram­men, fin­dest du nicht? Egal, in wel­chem Film man sitzt, zumin­dest für einen kur­zen Moment juckt einen das Bewusst­sein, einen ande­ren zu ver­säu­men, der womög­lich eben­so span­nend (und eben­so rar ist).

Rai­ner: Ich emp­fin­de das ehr­lich gesagt ganz anders. Natür­lich kann man hier, wie auch bei ande­ren Fes­ti­vals, von einem Scree­ning zum nächs­ten het­zen, aber die beson­de­re Qua­li­tät des Il Cine­ma Ritro­va­to ist für mich, dass hier kei­ne so gespann­te Atmo­sphä­re, son­dern eher Urlaubs­stim­mung herrscht. Da fin­de ich es dann auch nicht so schlimm, wenn ich mal etwas ver­pas­se. Was soll es über­haupt brin­gen, den raren und über­ra­ren Fil­men und Kopien nachzurennen?

Andrey: Nun, die offen­sicht­li­che Ant­wort wäre: Um die Zeit, die einem in die­sem cine­phi­len Schla­raf­fen­land beschie­den ist, voll aus­zu­schöp­fen, um sei­nen Hori­zont zu erwei­tern und sich film­his­to­risch auf den Gebie­ten wei­ter­zu­bil­den, zu denen einem der Zutritt für gewöhn­lich man­gels Ver­füg­bar­keit der hier gezeig­ten Arte­fak­te ver­wehrt bleibt, damit es einen spä­ter nicht reut, dass man einst den ver­lo­re­nen Schlüs­sel zum Werk eines geschätz­ten Regis­seurs oder einer fas­zi­nie­ren­den Peri­ode in Hän­den hielt und ihn acht­los bei­sei­te gewor­fen hat.

Rai­ner: Das ist ein sehr nobles Anlie­gen, aber mich dar­auf zu Las­ten per­sön­li­cher Vor­lie­ben zu kon­zen­trie­ren, wür­de den­ke ich erst recht mei­ne cine­phi­le Ener­gie erschöp­fen, sodass ich womög­lich nach eini­ger Zeit gar nichts mehr mit die­sem Schla­raf­fen­land anfan­gen kön­nen wür­de. Da fol­ge ich im Zwei­fels­fall doch lie­ber mei­nen Lei­den­schaf­ten und ver­zich­te auf einen Film, den ich viel­leicht nie mehr wie­der­se­hen kann (wenn er wirk­lich so rar ist, dass er zu mei­nen Leb­zei­ten nicht mehr gezeigt wird, liegt das womög­lich eh dar­an, dass er nicht all­zu gut ist, aber das ist eine ande­re Fra­ge). Kino soll doch auch Freu­de machen, oder? Die­se Grund­ein­stel­lung spü­re ich hier in Bolo­gna sehr stark.

Film­vor­füh­rung auf der Piaz­za Maggiore

Andrey: Das resul­tiert wohl auch aus der zuvor genann­ten „Urlaubs­stim­mung“ – das Wet­ter ist schön, das Essen gut und rela­tiv preis­wert, das Pro­gramm im schlimms­ten Fall „bloß“ inter­es­sant, die Atmo­sphä­re ent­spannt (in der Hin­sicht, dass man nicht von sei­ner Umge­bung gestresst wird, wenn man sich nicht stresst – das Gegen­teil von Can­nes), eben­so die Men­schen, die eigent­lich alle im Geis­te Ver­trau­te zu sein schei­nen. Und die alte Uni­ver­si­täts­stadt mit ihrem war­men, röt­li­chen Fas­sa­den­kleid macht den Ein­druck eines offe­nen Cam­pus­ge­län­des, auf dem jeder immer­zu Frei­gang hat. Soweit der idea­li­sie­ren­de Tou­ris­ten­blick, aber ein biss­chen fra­ge ich mich schon, inwie­weit die stei­gen­de Popu­la­ri­tät die­ses „Genuss­fes­ti­vals“ (das ich durch­aus genie­ße) nicht sym­pto­ma­tisch ist für die Ver­la­ge­rung erleb­ter Film­ge­schich­te in exklu­si­ve Domä­nen, wo die sel­te­nen Kopien den Sta­tus erle­se­ner Reb­sor­ten anneh­men und die Pro­jek­ti­on zur Degus­ta­ti­on wird.

Rai­ner: Und inwie­fern ist das ein Pro­blem? Es ist doch schön, wenn Film als Genuss­wa­re wahr­ge­nom­men wird und wann in der Geschich­te gab es denn einen Ort an dem Film­ge­schich­te bewuss­ter erlebt und als Selbst­ver­ständ­lich­keit wahr­ge­nom­men wur­de als hier? Es ist mir nicht klar, wel­ches Alter­na­tiv­pro­gramm du bevor­zu­gen wür­dest – geht es dir um die Kino­er­fah­rung ver­gan­ge­ner Jahr­zehn­te, wo man ein­fach mehr­mals die Woche zur Unter­hal­tung ins Kino ging? Damals war das Bewusst­sein für Film­ge­schich­te und Film als Kunst aber weit weni­ger vor­han­den. Man konn­te vie­le Fil­me sehen, aber fast aus­schließ­lich aktu­el­le. Die zuneh­men­de Mar­gi­na­li­sie­rung die­ser Kino­kul­tur darf und kann man betrau­ern, aber ich sehe in die­ser Spe­zia­li­sie­rung eigent­lich eine gro­ße Chan­ce für die Film­kul­tur, auch wenn sie natür­lich eine zuneh­men­de Eli­ten­bil­dung mit sich bringt, die man bekämp­fen müss­te (all­ge­mein wür­de ich das Il Cine­ma Ritro­va­to aber ohne­hin nie­der­schwel­li­ger ein­stu­fen als zum Bei­spiel das Öster­rei­chi­sche Filmmuseum).

Andrey: „Exklu­siv“ war viel­leicht das fal­sche Wort, aber die­ses Fes­ti­val hat schon etwas von einer Enkla­ve, und Enkla­ven nei­gen immer ein biss­chen dazu, den Rest der Welt zu ver­ges­sen. Ande­rer­seits wird ja viel von dem, was hier gezeigt wird, spä­ter nach außen getra­gen und fin­det sei­nen Weg in die Cine­ma­the­ken. Gibt es eigent­lich etwas aus dem hie­si­gen Pro­gramm, das du beson­ders ger­ne wie­der- und ande­ren zugäng­lich gemacht sehen würdest?

Rai­ner: Inter­es­san­ter­wei­se sind mei­ne Favo­ri­ten alle ohne­hin Wer­ke rela­tiv bekann­ter Fil­me­ma­cher und nicht all­zu schwer zu sehen. So zum Bei­spiel Otto Pre­min­gers Bun­ny Lake Is Miss­ing, Antho­ny Manns The Heroes of Tele­mark oder Rober­to Ros­sel­li­nis Euro­pa ’51. Nichts­des­to­trotz waren auch die spe­zi­el­le­ren Pro­gram­me wert­vol­le Erfah­run­gen, vor allem die Vor­läu­fer des Ira­ni­schen Neu­en Kinos hät­ten sich mehr Prä­senz ver­dient – und Ger­man Con­cen­tra­ti­on Camps Fac­tu­al Sur­vey, nach nun­mehr sieb­zig Jah­ren durch die Arbeit des Impe­ri­al War Muse­ums das ers­te Mal in sei­ner end­gül­ti­gen Form zu sehen, soll­te zu einem Pflicht­film für Mit­tel­schü­ler werden.

«The Heroes of Tele­mark» von Antho­ny Mann

Andrey: Vie­le der Fil­me, die du genannt hast, sind digi­tal restau­riert wor­den und wur­den hier als DCP gezeigt. Ros­sel­li­ni und (soweit ich weiß) auch Pre­min­ger sind schon seit Län­ge­rem auf Blu­ray erhält­lich. Ich mache mir dann doch eher Sor­gen, dass es so etwas wie die Rena­to-Cas­tel­la­ni-Schau nie über die Gren­zen Ita­li­ens schafft. Obwohl das jetzt nicht alles Meis­ter­wer­ke waren, ergän­zen sie das neo­rea­lis­ti­sche Uni­ver­sum um einen inter­es­san­ten Aspekt. Und bei den gan­zen Tech­ni­co­lor-Vin­ta­ge-Prints sowie den japa­ni­schen und sowje­ti­schen Farb­fil­men wür­de ich mich auch freu­en, die­se film­spe­zi­fi­sche Visual­pracht anders­wo strah­len zu sehen. Ande­rer­seits fand mei­ne inten­sivs­te Kino­er­fah­rung hier im Rah­men einer Digi­tal­pro­jek­ti­on (und außer­halb eines Kinos) statt, beim Scree­ning der restau­rier­ten Fas­sung von Roc­co e i suoi fratel­li auf der Piaz­za Maggiore.

Rai­ner: Wenn man es von die­ser War­te aus betrach­tet, kann ich mich dir nur anschlie­ßen: mehr Tech­ni­co­lor-Vin­ta­ge-Prints braucht das Land. The Heroes of Tele­mark war allein durch die absurd hohe Qua­li­tät der Kopie eine außer­ge­wöhn­li­che Kino­er­fah­rung. Lei­der wur­de die Vor­füh­rung die­ses Films, wie auch vie­le ande­re durch inkom­pe­ten­te Pro­jek­tio­nis­ten gestört. Wahr­schein­lich zei­gen sie des­halb Jahr für Jahr mehr digi­ta­le Kopien…

Andrey: Die weni­gen Digi­tal­pro­jek­tio­nen, die ich besucht habe, wur­den auch nicht wesent­lich pro­fes­sio­nel­ler gehand­habt. Wenn ich mich recht ent­sin­ne, habe ich hier über­haupt kei­ne ein­zi­ge Vor­füh­rung erlebt, die nicht von irgend­wel­chen Stö­run­gen, Defek­ten oder ande­ren Irri­ta­tio­nen geplagt war – der plötz­li­che Wet­ter­sturz wäh­rend des Scree­nings von Lou­is Mal­les Ascen­seur pour l‘échafaud am Tag unse­rer Ankunft war offen­bar ein Mene­te­kel, sei­ner som­mer­wil­den Schön­heit zum Trotz. Auch mit den Beginn­zei­ten nahm man es nie so genau, aus­ufern­de Ein­füh­run­gen mit hin­ken­den Über­set­zun­gen führ­ten peri­odisch zu Ver­zö­ge­run­gen, ich hör­te sogar von einer 40-minü­ti­gen Ver­spä­tung. Eigent­lich ist die­se orga­ni­sa­to­ri­sche Schlud­rig­keit absurd bei einem der­art osten­ta­tiv cine­phi­len Fes­ti­val, aber bezeich­nend für Bolo­gna ist auch, dass es dies­be­züg­lich kaum böses Blut gibt, gera­de mal ein lei­ses Raun­zen. Am Ende ist man immer noch froh, hier zu sein.