Il Cinema Ritrovato 2015: Filmkultur alla bolognese

Seit mehreren Tagen bin ich nun in Bologna in einer ständigen Ekstase zwischen Raritäten, Klassikern und großartigem italienischen Essen. Als Neuling hier bin ich mit all den Sensationen konfrontiert, die für die regulären Festivalgänger schon längst zur Gewohnheit geworden sind. Bologna, das ist nicht Arbeit, das ist kein Hetzen von Premiere zu Premiere, sondern entspannte Cinephilie, nur unterbrochen von ebenso entspannten Essenspausen. Die Mehrzahl der Menschen, die mir hier begegnen bezeichnet sich selbst als Urlauber, selbst wenn sie nebenher für das ein oder andere Medium über das Festival berichten. Man nimmt sich Zeit für Bologna und das wirkt sich auf mehreren Ebenen auf die Atmosphäre aus. Einerseits hat man mehr Zeit zum Plaudern, zum gemeinsamen dinieren und weintrinken und andererseits ergeben sich viel substantiellere Gespräche über Film und Filmkultur als man es von Festivals gewohnt ist. Es treffen sich alte Freunde und solche die es noch werden wollen, in einer Art Paralleluniversum, während der Rest der Stadt höchstens von den Open-Air-Screenings am Piazza Maggiore Kenntnis nimmt. Anders als bei den prestigereichen Premierefestivals steht in Bologna keineswegs die Stadt still, wenn das Il Cinema Ritrovata Einzug hält – es ist ein Randphänomen, ein Paradies für Spezialisten. Dennoch laufen mir auch immer wieder Menschen über den Weg, die ganz ohne berufliche Obligationen das Festival besuchen. Sie sind keine Kritiker, keine Archivare, keine Filmwissenschaftler, keine Studenten, sondern pure Cinephile. Sie sind die kritische Masse, deren Liebe zum Kino so vielen großartigen DVD-Labels, Filmmagazinen und Cinematheken, das Überleben sichert. Sie sind Buchhalter und Bibliothekare, Männer und Frauen, die ihren Urlaub damit verbringen ihrer Leidenschaft fürs Kino zu frönen und nebenher Sonne und Tagliatelle (die berühmte Pasta alla bolognese isst man hierzulande nämlich nicht mit Spaghetti) zu tanken.

Sujet Il Cinema Ritrovato 2015

Intellektuell beflügelnd ist die intensive Auseinandersetzung mit der Filmgeschichte ebenfalls. Die vielen kleinen aber sorgsam kuratierten Programme wirken wie Appetithäppchen, die Lust auf mehr machen sollen. Ein bisschen Ingrid Bergman hier (ihre leuchtend blauen Augen zieren das Festivalsujet), ein wenig frühes japanisches Farbkino da, meisterhafte Slapstickkomödien als Zuckerguss und zum Abschluss des Tages ein paar ultrarare sowjetische Filme aus der Tauwetter-Ära. Jeder Tag hält ein anderes Menü bereit, und die Auswahl (427 Titel!) ist so überwältigend, dass man schon nach kurzer Zeit bemerkt, dass es keinen Sinn macht den raren Filmen und nie gezeigten Archivkopien hinterherzujagen und ganz ohne schlechtes Gewissen stattdessen gemütlich auszuwählen, wonach man Lust und Laune hat. Hier ist man nicht in Gefahr den einen Film zu verpassen, der in den nächsten paar Wochen den Diskurs beherrschen wird. Zwar kann man Filme verpassen, die vielleicht Jahrzehnte nicht mehr öffentlich gezeigt werden, aber die Gefahr eine besonders exquisite Pizza zu verpassen, wiegt oft schwerer. Solche Worte aus meinem Mund – das kann nur Bologna!

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