Vor kur­zem habe ich mir im Kino den öster­rei­chi­schen Can­nes-Bei­trag «Micha­el» von Mar­kus Sch­lein­zer ange­se­hen. Er behan­delt das heik­le The­ma Pädo­phi­lie aus der Sicht des Täters. Und er ver­stört damit in glei­cher Wei­ße wie das Mat­thi­as Glaß­ner vor eini­gen Jah­ren in «Der freie Wil­le» (The­ma hier war Ver­ge­wal­ti­gung) getan hat.

Im Gegen­satz zu Glaß­ner hat sich Sch­lein­zer dafür ent­schie­den die wirk­li­chen Ver­ge­hen im Off gesche­hen zu las­sen. Die Wir­kung ist umso scho­ckie­ren­der. Der Zuse­her wird ähn­lich wie bei einem Han­eke-Film dazu gezwun­gen sich vor­zu­stel­len, was genau hin­ter der gro­ßen wei­ßen Türe zum Zim­mer des Jun­gen im Kel­ler geschieht. Die Ver­stö­rung ent­steht durch die Nor­ma­li­tät des All­tags. Die Arbeit, das Essen, das Sin­gen zum Radio im Auto, der Ski­ur­laub. Wür­den wir die­sen Mann als Ver­ge­wal­ti­ger erken­nen? Die­ser Micha­el ist kei­nes­wegs ein sym­pa­thi­scher Mann. Er ist intro­ver­tiert und lächelt kaum. Er hat per­fek­tio­niert nicht auf­zu­fal­len. Die Beob­ach­tungs­ga­be von Sch­lein­zer ist abso­lut beein­dru­ckend. Aller­dings hat er es lei­der nicht ver­mei­den kön­nen die gera­de zu Beginn unheim­li­che Prä­zi­si­on bei­zu­be­hal­ten. Eine eher maka­be­re Sze­ne mit einer Kat­ze scheint eher aus einem ame­ri­ka­ni­schen Psy­cho­thril­ler zu stam­men, genau­so wie ein für mich in keins­ter Wei­se nach­voll­zieh­ba­rer Geschlechts­akt im Ski­ur­laub. Des­halb hal­te ich «Der freie Wil­le» trotz sei­ner deut­lich spür­ba­re­ren Dra­ma­tur­gie für den bes­se­ren, in sich stim­mi­ge­ren Film. Wer aber einen Blick in die See­le von Micha­el wagen möch­te, kann dies beden­ken­los tun. Aber man soll­te gewarnt sein. Im Gegen­satz zu den gewoll­ten Pro­vo­ka­tio­nen eines Lars von Triers wird man hier von der Rea­li­tät pro­vo­ziert. Des­halb stellt sich auch lan­ge nicht so eine Befrie­di­gung an der Depres­si­on ein, wie beim Dänen.

Das High­light des Kino­be­suchs war aller­dings eine Fami­lie, die sich schon im Foy­er merk­wür­dig benah­men. Sie mach­ten Fotos von­ein­an­der und waren ganz auf­ge­regt. Schon in den ers­ten Sekun­den des Films mein­te die Frau, dass ihr schlecht wer­den wür­de. Die Söh­ne (ca. 20 Jah­re alt) tipp­ten über den gan­zen Film in ihrem Han­dy her­um. Der Vater äußer­te sich immer wie­der scho­ckiert. Noch bevor ich mich ernst­haft fra­gen konn­te, wie­so sie sich denn dann als Fami­li­en­film etwas der­ar­ti­ges aus­ge­sucht hat­ten, lös­te sich das Rät­sel von selbst: Sie waren bei einer Sze­ne an einer Gokart-Bahn als Kom­par­sen zu sehen. Und da freu­ten sie sich dann auch unge­mein. Das ist doch mal ein Grund ins Kino zu gehen und sich anspruchs­vol­le Fil­me anzu­se­hen! Mein Tipp an alle, die mehr Leu­te ins Kino brin­gen wol­len: Lasst sie alle mit­spie­len. Erstaun­lich aller­dings, dass sie den Film zu Ende sahen bzw. ihre Fotos im Kino­saal zu Ende twit­ter­ten. Ich glau­be der Vater fand den Film sogar gut. Zurecht.