Im Rah­men des Ham­bur­ger Film­fests habe ich mich mit den bei­den öster­rei­chi­schen Künst­lern Flo­ri­an Sedmak (F) und Ana­tol Bogen­dor­fer (A) auf ein län­ge­res und äußerst sym­pa­thi­sches Gespräch zu ihrem Film „Inne­re Blu­tun­gen“ getrof­fen, der die­ses Jahr das Crossing Euro­pe Fes­ti­val in Linz eröff­net hat. In ihrem Film mischen sie in einer hyp­no­ti­sie­ren­den Wei­se Super‑8 Found Foo­ta­ge und vor­ge­le­se­ne Zei­tungs­ar­ti­kel aus den Jah­ren 1965–1975 und zeich­nen damit zugleich ein bedroh­li­ches Bild öster­rei­chi­scher Ver­gan­gen­heit, als auch ein hei­mi­sches. Am Ende steht ein fas­zi­nie­ren­der Film, der sich ganz fest im öster­rei­chi­schen Film­schaf­fen zwi­schen Found Foo­ta­ge Roman­tik und dem seidl­schen Ernied­ri­gungs­ki­no eta­bliert und defi­ni­tiv sehens­wert ist. 
So, schal­ten wir mal die­ses Gerät ein…
A: Sound­check 2,3, Pegel passt.
F: 5,7,9,3.
Passt. Das Bild, das mir seit dem Scree­ning eures Films nicht mehr aus dem Kopf geht, ist das Bild die­ses mensch­li­chen Kör­pers, der über einem Dorf schwebt. Was ist das für ein Bild und woher habt ihr das?
F: Das haben wir von einem Freund von mir. Das ist er im Alter von 8 oder 9 Jah­ren im Frei­bad von Bad Goi­sern, wie er vom Sprung­turm springt. Sein Vater hat ihn foto­gra­fiert und ihn halt so erwischt, dass das Becken unten abge­schnit­ten ist. Ich fin­de auch, dass da etwas Magi­sches isst. Das alte Haus, die Ber­ge im Hin­ter­grund. Das war ja auch die ers­te Pha­se, erst mal Bild­ma­te­ri­al für das Vor­ha­ben auf­zu­trei­ben. Das lief alles nach dem Mot­to: Gra­be, wo du stehst. Ich habe ein­fach im Bekann­ten­kreis gefragt, ob ich für den besag­ten Zeit­raum (1965−1975) pri­va­tes Foto­ma­te­ri­al haben kann. Zu genau dem Bild gibt es auch eine klei­ne Anek­do­te. Mei­ne Angst war ja immer so ein biss­chen, dass das Publi­kum nicht ver­steht, dass die han­deln­den Per­so­nen auf der Lein­wand mit denen im Text nichts zu tun haben, son­dern dass das nur asso­zia­ti­ve Zusam­men­hän­ge sind. Und ganz kurz bevor der Film dann zum ers­ten Mal in mei­ner Geburts­stadt Bad Ischl gezeigt wur­de, hat der Vater des Prot­ago­nis­ten bei mir ange­ru­fen. Er war ganz auf­ge­bracht und woll­te wis­sen, wo das Foto her ist. Er hat­te es in einer Zei­tung gese­hen und ist dann extra dafür in die Redak­ti­on gefah­ren und hat gefragt, woher sie das Foto haben. Er konn­te sich das nicht erklä­ren, wie ein Foto, das er vor 40 Jah­ren auf­ge­nom­men hat, plötz­lich in die Zei­tung kommt. Die Zei­tung hat ihn dann an mich ver­wie­sen und es kam raus, dass sein Sohn ihm gar nichts davon erzählt hat­te. Da wur­de mir klar, dass mir der Sohn vier Foto­al­ben sei­ner Fami­lie in die Hand gedrückt hat­te, ohne irgend­wem einen Ton dar­über zu sagen. Da wird man natür­lich ner­vös, ob noch mehr Tret­mi­nen im Film lau­ern. Aber bis jetzt kam nichts mehr in die­se Richtung.
Wie genau seid ihr an das gan­ze Mate­ri­al gekom­men und wie viel war es? 
A: Was die Bild­ebe­ne betrifft, war es eine lan­ge Suche. Wir haben mit Fotos begon­nen. Zunächst haben wir eben den Bekann­ten­kreis durch­fors­tet, spä­ter haben wir dann Archi­ve durch­gra­ben. Rela­tiv bald haben wir uns dazu ent­schie­den nicht aus­schließ­lich mit Fotos zu arbei­ten, son­dern auch mit Bewegt­bild, weil die 60er und 70er Jah­re gewis­ser­ma­ßen die Hoch­zeit der Hob­by­fil­mer auf Super‑8 waren. Also haben wir begon­nen Anzei­gen zu schal­ten natio­nal und auch über die Gren­zen hin­aus. Wich­tig war uns, dass es sich aus­schließ­lich um Ama­teur­ma­te­ri­al han­delt. Unser Gefühl war, dass wir mit Ama­teur­ma­te­ri­al näher an die Mate­rie ran­kom­men, also ein­fach die­se All­täg­lich­keit jener Zeit zu zei­gen. Die Suche hat sich dann bis in die Mon­ta­ge fort­ge­setzt, ins­ge­samt über 2,5 Jah­re. Das Text­ma­te­ri­al gibt es dann ja auch noch. Dazu ist erst mal zu sagen, dass das alles true sto­ries sind aus der regio­na­len Zei­tung. Dort hat der Flo­ri­an auch mal ein Prak­ti­kum gemacht.
F: Ja, eine freie Mit­ar­beit. Ich bin dann immer wie­der ins Archiv der Stadt­ge­mein­de gegan­gen und habe 11 Jahr­gän­ge der Zei­tung durch­ge­ackert, habe ein­fach alles her­aus­ge­schrie­ben, was mir aus diver­sen Grün­den inter­es­sant schien. Sei es wegen einer spek­ta­ku­lä­ren Bege­ben­heit, sei es eine unfrei­wil­li­ge Komik in der Spra­che, sei es eine gewis­se Aus­sa­ge­kraft für die Zeit, die ich dahin­ter ver­mu­tet habe. Manch­mal haben wir ja auch das Kino­pro­gramm im Film mit die­ser komi­schen Mischung aus Wes­tern, Soft­por­nos und ande­ren Fil­men. 200 Sei­ten Text­ma­te­ri­al und 2700 digi­ta­li­sier­te Fotos und 250 Stun­den Super‑8 Film­ma­te­ri­al waren das ungefähr.
Und nach wel­chen Kri­te­ri­en habt ihr dann die Bil­der aus­ge­wählt, die zum jewei­li­gen Text erschei­nen? Ich habe manch­mal the­ma­ti­sche Blö­cke bemerkt, wie bei­spiels­wei­se „Fußball“…aber wie seid ihr da vorgegangen?
A: Es gab kein Dreh­buch, kei­ne Shot­list oder so. Wir haben über 1,5 Jah­re ein­fach eine Expe­ri­men­tier­pha­se gehabt, in der wir nach einer sinn­vol­len Mon­ta­ge gesucht haben, ohne dass das zu offen­sicht­lich und platt wir­ken wür­de. Nach die­ser Pha­se hat­ten wir dann einen roten Faden gefun­den. Wir haben kon­tra­punk­tisch gear­bei­tet und ver­sucht einen Dia­log zwi­schen Bild und Text her­zu­stel­len, der sich mehr ergänzt als auf­ein­an­der passt. Also Din­ge sind zu hören, die nicht zu sehen sind oder umge­kehrt. So kön­nen viel­leicht in der Kom­bi­na­ti­on Din­ge auf­ge­macht wer­den, von denen bei­de Ele­men­te ein­zeln gar nicht spre­chen wür­den. Natür­lich haben wir dann immer wie­der ver­sucht das zu bre­chen, es gibt eben auch kon­kre­te­re Blö­cke wie zum Bei­spiel „Fuß­ball.“. Damit haben wir auch ver­sucht zeit­li­che Quer­ver­bin­dun­gen her­zu­stel­len, wie etwa die Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft 1966 in England.
F: Für mich ist ein span­nen­der Aspekt der Recher­che auch noch gewe­sen, wie die klei­ne regio­na­le Geschich­te dann auch immer wie­der mit der gro­ßen Geschich­te ver­zahnt ist. Da gibt es für mich sehr aus­sa­ge­kräf­ti­ge Bil­der. Zum Bei­spiel eine Iko­ne der öster­rei­chi­schen Innen­po­li­tik, Bun­des­kanz­ler Krei­sky, der ja eine gan­ze Ära in Öster­reich geprägt hat, ist mit Frau und Trach­ten­frau­en auf einem Bild zu sehen und es gibt ein Pla­kat von einem Begeh­ren die 40-Stun­den-Woche zu unter­stüt­zen. Oder ich habe her­aus­ge­fun­den, dass eine Schü­le­rin der Schu­le, die ich besucht habe zur ers­ten Gene­ra­ti­on der RAF in Deutsch­land gehör­te und so wei­ter. Das waren für uns natür­lich auch per­sön­lich ganz auf­schluss­rei­che Aspek­te der Recherche.
Mir hat die­ses Zusam­men­spiel von Bild und Ton außer­ge­wöhn­lich gut gefal­len und dann hat­te ich auch immer die­ses Gefühl einer Flucht­be­we­gung; es war ja nicht nur „Fuß­ball“, es gab auch mal „Urlaub“ und immer wie­der Ele­men­te von außen, die in die Gesell­schaft her­ein­kom­men. Für mich hat sich dadurch Eska­pis­mus, eine Suche nach Aus­we­gen erzählt. Die Leu­te wol­len raus aus der Mit­te Öster­reichs. Und am Ende mit dem Selbst­mord kul­mi­niert das dann. War das ein bewuss­ter Gedan­ke oder ist das nur mei­ne Interpretation?
A: Ich fin­de es eine gute Inter­pre­ta­ti­on, ich müss­te dar­über nach­den­ken. Ob es da tat­säch­lich Eska­pis­mus gab, wüss­te ich nicht, aber wir waren eben nicht nur auf der Suche nach dem Spek­ta­ku­lä­ren. Son­dern es ging dar­um das ganz All­täg­li­che ein­zu­fan­gen. Des­we­gen eben auch die Ama­teur­bil­der. Es hät­te auch schon ambi­tio­nier­te­re Hob­by­fil­mer gege­ben, aber das hat uns nicht inter­es­siert. Mir haben die Hob­by­fil­mer gefal­len, die noch so gefilmt haben, wie man eigent­lich foto­gra­fiert. Man sieht das auch an den Prot­ago­nis­ten, die wis­sen zum Teil gar nicht, was die­ses Gerät vor ihnen ist. Da sind uns natür­lich Schät­ze zuge­fal­len. Wir haben ganz bewusst nach Mate­ri­al gesucht, das viel­leicht für die Geschich­te per se unwich­tig ist, das aber etwas in Kom­bi­na­ti­on mit dem Text erzäh­len könn­te, obwohl die Bil­der häss­lich, ver­wa­ckelt und dre­ckig sind. Der Dreck auf dem Film steht für mich meta­pho­risch auch dafür, dass wir ver­sucht haben einen gesell­schaft­li­chen Dreck unter dem Tep­pich hervorzuholen.
F: Ich fin­de die Inter­pre­ta­ti­on auch sehr inter­es­sant. Ich den­ke, dass der Film auch die Geschich­te einer ganz zöger­li­chen, ängst­li­chen Öff­nung ist. Da gibt es zum Bei­spiel die Fra­ge: Was ist ein Folk Beat? Im ört­li­chen Kino tritt plötz­lich eine Folk Beat Band auf und dann kommt die­ser hoch­kul­tu­rel­le Kri­ti­ker und bespricht das nach Maß­stä­ben, die dort über­haupt nicht grei­fen. Und so gibt es immer wie­der Epi­so­den im Film, die etwas Neu­es in die­se Welt wer­fen und man weiß dann nicht, inwie­fern man es begrü­ßen darf, wie sehr man sich davor fürch­ten muss. Da hat sich eben der Akti­ons­ra­di­us für die Bevöl­ke­rung erwei­tert. Die Zeit der ers­ten Ita­li­en­ur­lau­be war da ja schon vor­bei, das war schon nor­mal, aber man hat dann begon­nen schon ein biss­chen wei­ter zu reisen.
Wür­det ihr euren Film als Gesell­schafts­ana­ly­se verstehen?
F: Ana­ly­se ist viel­leicht zu weit gegrif­fen. Es geht eher dar­um ein Bild zu zeich­nen und hin­zu­se­hen. Ich bin 1970 gebo­ren und ich woll­te mal die 5 Jah­re vor und nach mei­ner Geburt anschau­en. Es ist für mich eine Suche nach mei­nen sozio­kul­tu­rel­len Wur­zeln. Die Foto­al­ben mei­ner Fami­lie wur­den mir mit jedem Anse­hen etwas frem­der. Ich habe mir immer gedacht, dass das doch noch gar nicht so lan­ge her ist und den­noch so unheim­lich weit weg scheint. Es ist irgend­wie so eine ver­dräng­te Zeit, von der aber in der Men­ta­li­tät der Leu­te noch so viel über­lebt hat. So viel hat sich in Öster­reich seit dem nicht ver­än­dert, man muss sich ja nur das letz­te Wahl­er­geb­nis ansehen.
A: In dem Sinn ist es dann schon ein ana­ly­ti­scher Film. Aber unser Zugang war weni­ger ein sozio­lo­gi­scher, als ein künst­le­ri­scher. Wir waren ein­fach dank­bar über die­se span­nen­den Geschich­ten aus der Regio­nal­zei­tung. Sie erzäh­len natür­lich etwas über die Zeit, aber wir wol­len dem Zuschau­er selbst über­las­sen, das zu inter­pre­tie­ren. Es ist uns aber klar, dass der Film eine Sicht von unten ist und die Per­spek­ti­ve der Opfer ein­nimmt. Wir woll­ten nicht die Leu­te angrei­fen, die schon damals in der Zei­tung an den Pran­ger gestellt wur­den. Also ana­ly­tisch ja, aber nicht mit kla­rem Schluss oder einer kla­ren Aus­sa­ge, son­dern mit der Mög­lich­keit für den Zuse­her selbst Par­al­le­len, etwa zur heu­ti­gen Zeit zu ziehen.
F: Wir sehen uns bei­de nicht als Meis­ter­den­ker beru­fen, die dann im Nach­hin­ein aus der Posi­ti­on der Spät­ge­bo­re­nen ein abschlie­ßen­des und umfas­sen­des Urteil über eine gan­ze Epo­che fäl­len. Das steht uns nicht zu.
A: Wir haben dafür immer wie­der tol­le Rück­mel­dun­gen bekom­men. Die Vor­stel­lun­gen in Öster­reich waren auch sehr gut besucht und immer wie­der haben uns Men­schen geschrie­ben, die sich zu den Opfern jener Zeit zäh­len und die dann gesagt haben: Dan­ke für die­sen Film, weil er einen Teil einer Wahr­heit auf­zeigt, die in den gan­zen nost­al­gi­schen Fern­seh­re­por­ta­gen nicht auftaucht.
F: Und in Öster­reich und sicher auch in Deutsch­land gibt es ja in den 70er und 80er Jah­ren die lite­ra­ri­sche Tra­di­ti­on des nega­ti­ven Hei­mat­ro­mans und wir woll­ten mit gro­ßer Bestimmt­heit von Anfang an kei­nen nega­ti­ven Hei­mat­film machen. Das wäre zu leicht, da gibt es Blau­pau­sen dazu. Wir woll­ten auch die Son­nen­sei­ten zei­gen, ein­fach den nor­ma­len Schwe­be­zu­stand zwi­schen Son­nen- und Schat­ten­sei­te. Ich fand in einer Kri­tik sehr schön, dass geschrie­ben wur­de, dass das ganz nor­ma­le Glück der klei­nen Leu­te gezeigt wird, ohne es ihnen abzusprechen.
Beim Schau­en kam ein sehr star­kes Gefühl für Rhyth­mus in mir auf. Wie wich­tig ist euch das im Bezug auf Film mit eurem musi­ka­li­schen Hintergrund?
A: Das ist eine ganz wich­ti­ge Ebe­ne, ein Werk­zeug, das man beim Fil­me­ma­chen zur Ver­fü­gung hat. Man ist gut bera­ten, wenn man sich vie­le Gedan­ken dazu macht. Die Ton­spur ist ja per se schon eine ganz wich­ti­ge, weil dort die gan­zen Geschich­ten über Spre­cher erzählt wer­den. Aber für uns war auch die Musik noch­mal ein eige­ner Recher­che­zweig. Auf der einen Sei­te haben wir Musik ein­spie­len las­sen, rela­tiv viel klas­si­sche Volks­mu­sik aus der Gegend, die wir aber auch als sehr schö­ne Musik wahr­ge­nom­men haben. Wir haben uns im Film dar­über auch über­haupt nicht lus­tig gemacht. Ich hof­fe, dass das auch so rüber­kommt. Die Musik bewegt sich zwi­schen Befrem­dung und Schön­heit. Wir haben auch Musik von Andre­as Kurz, einem Avant­gar­de-Künst­ler ein­spie­len las­sen und dann haben wir uns auf die Suche gemacht, was es zu jener Zeit an Under­ground-Pop-Musik gege­ben hat. Aus die­ser gro­ßen Mas­se war es dann viel Arbeit einen eige­nen Rhyth­mus zu finden.
Ja, bei mir kam dann ein ganz ein­drück­li­cher hyp­no­ti­scher Sog auf. Die Erzähl­stim­men selbst fand ich sehr span­nend. Sie haben die Arti­kel zwar nicht sar­kas­tisch vor­ge­tra­gen, aber man hat ihnen manch­mal eine Freu­de beim Lesen ange­merkt, in der Art und Wei­se wie Wor­te aus­ge­spro­chen wur­den und so wei­ter. Wie war da die Arbeit für euch?
F: Das ent­springt einer akus­ti­schen Vor­stel­lung mei­ner Kind­heit. Die Sonn­tag­nach­mit­ta­ge habe ich immer bei mei­ner Mut­ter in der Küche ver­bracht und war beim Kochen dabei und da hat sie immer das Lokal­ra­dio lau­fen las­sen. Und da gab es immer die Wunsch­kon­zer­te und die sind in so einem ganz ver­lo­gen-freund­li­chen Ton­fall mode­riert wor­den. Und daher wuss­te ich sofort, dass die Tex­te so gespro­chen wer­den müs­sen. Und tat­säch­lich sind zwei der Spre­cher pen­sio­nier­te Rund­funk­mo­de­ra­to­rin­nen und einer ein loka­ler Schau­spie­ler. Die haben sofort was mit die­ser akus­ti­schen Asso­zia­ti­on anfan­gen kön­nen und das dann auch per­fekt umgesetzt. 
A: Sie haben fan­tas­ti­sche Arbeit geleis­tet. Es hat auch gar nicht lan­ge gedau­ert und wir hat­ten eine sehr kur­ze, inten­si­ve Zeit mit­ein­an­der. Sie haben das für sehr wenig Geld auf­ge­nom­men. Wir haben danach noch etwas nach­be­ar­bei­tet und wir haben natür­lich Unmen­gen an Mate­ri­al, was wir dann nicht ver­wen­det haben. Einen zwei­ten Teil wer­den wir aber trotz­dem nicht machen.
Ich habe mein Review für Nisima­zi­ne bereits vor unse­rem Inter­view geschrie­ben und habe dort euren Film so ein biss­chen in einen öster­rei­chi­schen Kon­text gesetzt und zwar hät­te ich euren Film schon-ent­ge­gen eurer Aus­sa­gen-mit die­ser typisch öster­rei­chi­schen Ver­ach­tung der eige­nen Ver­gan­gen­heit, die zugleich eine Form von Patrio­tis­mus ist, gese­hen. Viel­leicht kommt das aber auch nur bei mir, als Deut­schen so an. Da spielt natür­lich auch ein gewis­ser schwar­zer Humor mit rein. Ein wenig hat es mich dann auch an Stos­sek 68–86 erin­nert. In wel­cher Tra­di­ti­on wür­det ihr euch denn da sehen?
A: Stos­sek 68–86 ist natür­lich ein ganz tol­ler Film und auch auf der lite­ra­ri­schen Ebe­ne gibt es mit Tho­mas Bern­hard natür­lich einen von uns bei­den sehr geschätz­ten Men­schen, der eine sol­che Tra­di­ti­on viel­leicht auch gegrün­det hat. Aber es ging uns nicht unbe­dingt dar­um groß auf den Tisch zu hau­en, son­dern eher her­aus­zu­fin­den, wie ein All­tag zu die­ser Zeit war. Aber gar nicht nach dem Mot­to, dass wir lin­ken Städ­ter das 2013 alles bes­ser wissen.
F: Ich woh­ne eh auf dem Land.
A: Also ich kann viel mit die­sen „Mach kaputt, was dich kaputt macht“ Fil­men anfan­gen, aber in ers­ter Linie ging es uns dar­um nicht. Und wur­de auch mal zuge­schrie­ben-und damit konn­te ich sehr viel anfan­gen-dass auch eine gewis­se Zärt­lich­keit in die­sem Film zu hören und zu sehen ist. Wir gehen eben nicht mit dem Vor­schlag­ham­mer an das The­ma her­an. Viel­leicht kom­men wir aber mit fei­ne­ren Werk­zeu­gen zu dem glei­chen Schluss. Das müs­sen ande­re her­aus­fin­den. Es ist sicher auch kein Hap­py-Hei­mat­film gewor­den. Der Film tut auch weh und es war uns von Anfang an klar, dass er weh­tun darf.
F: Für mich war das dann im Ergeb­nis die Bestä­ti­gung, dass wir in Öster­reich aus so einer unbe­hol­fe­nen, feh­ler­haf­ten Gesell­schaft auch kom­men und von denen auch bis zu einem gewis­sen Grad geprägt sind. Ein Freund von uns hat bezo­gen auf den Film Ach­tern­busch zitiert: Die­se Gegend hat mich kaputt­ge­macht und ich blei­be so lan­ge bis man es ihr ansieht. Dar­um geht es aber für mich nicht. Natür­lich kom­men Leu­te im Film vor, die von der Gegend kaputt­ge­macht wor­den sind und die trotz­dem lan­ge geblie­ben sind. Auf der ande­ren Sei­te gibt es tota­les Grau­en vor tota­li­tä­ren Ver­hält­nis­sen, die ja bis heu­te noch spür­bar sind in vie­len Gesell­schafts­krei­sen. Das hat­te dann bestimmt damit zu tun, dass vie­le damals noch Kriegs­er­fah­rung hat­ten und sich nie kri­tisch damit aus­ein­an­der­ge­setzt haben oder trau­ma­ti­siert waren. Aber es ist auch fas­zi­nie­rend, was es vor 40 Jah­ren noch an Frei­räu­men gege­ben hat, Din­ge, die nicht regle­men­tiert waren und die heu­te zu einem abso­lu­ten No-Go gewor­den sind. Din­ge, die man mit dem Auto machen konn­te zum Bei­spiel. Oder auch die Bil­der im Film von spie­len­den Kin­dern, die auf mich eine ganz star­ke Wir­kung haben. Ich selbst war als Kind noch stun­den­lang unbe­auf­sich­tigt drau­ßen und bei mei­nen eige­nen Kin­dern tue ich mir mit stän­di­gem Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein und wegen hoch­ge­schau­kel­ter Ängs­te ein­fach schwer. Unse­re Kin­der­ge­ne­ra­ti­on ist unter stän­di­ger Auf­sicht. Da haben sich vie­le Din­ge im Lauf der Zeit verschoben.
A: Die­se Ambi­va­lenz woll­ten wir eben auch im Film zei­gen. Auf der einen Sei­te die auto­ri­tä­ren Struk­tu­ren samt Ton­fall in der Zei­tung und auf der ande­ren Sei­te die­se Frei­hei­ten, die es heu­te nicht mehr gibt.
Bei mir kommt im öster­rei­chi­schen Kino ein­fach auch das Gefühl auf, dass nicht groß um die The­men her­um gere­det wird. Ihr sagt immer gleich: Das sind wir. In Deutsch­land sagt man ger­ne: Okay, da ist jemand der ist so, der könn­te auch was mit uns zu tun haben.
A: Der Schmäh spielt da sicher auch noch mit rein.
F: Trotz­dem ist die NS-Ver­gan­gen­heit in Deutsch­land viel frü­her und ehr­li­cher in Angriff genom­men wor­den als in Österreich.
Abschlie­ßend wür­de ich mich dafür inter­es­sie­ren wie die Arbeit für euch im Zwei­er­ge­spann funk­tio­niert. Wie funk­tio­niert das und strei­tet ihr ab und an?
F: Wir set­zen auf stren­ge Arbeitsteilung.
A: Das war jetzt unse­re zwei­te Zusam­men­ar­beit. Die ers­ten gro­ßen Recher­che zu Tex­ten und so wei­ter hat Flo­ri­an allei­ne gemacht und hat mir ein gro­ßes Ver­trau­en geschenkt und die­sen Stoff gege­ben und gesagt: Mach einen Film dar­aus. Dann haben wir immer wie­der gespro­chen über 3 Jah­re. Die Mon­ta­ge habe ich dann allei­ne gemacht. Ganz am Ende kam Flo­ri­an noch­mal dazu. Gestrit­ten haben wir nie. Ab und an habe ich mir Sor­gen gemacht, ich woll­te zwi­schen­zeit­lich hin­schmei­ßen, ich habe kei­nen Weg mehr gese­hen durch die­ses wahn­sin­nig vie­le Mate­ri­al. Aber dann woll­te ich Flo­ri­an nicht ent­täu­schen und ich wuss­te, dass es ein guter Film wer­den konn­te und ich glau­be, dass es ein guter Film gewor­den ist.