Text: Rai­ner Kienböck 
Mei­ne Streif­zü­ge durch die Wie­ner Kino­land­schaft führ­ten mich die­se Woche in ein Co-Working-Space (einer die­ser fan­cy Orte, wo man als Gra­phic Desi­gner oder App-Pro­gram­mie­rer einen Arbeits­platz mie­ten kann, um sich dann in Wohn­zim­mer­at­mo­sphä­re mit gleich­ge­sinn­ten Hip­stern sei­nem Tage­werk zu frö­nen) in Hüt­tel­dorf (einem Stadt­teil Wiens, der sich, gelin­de gesagt, weg vom Schuss befindet).
© St. Bal­bach Art Pro­duk­ti­on 2014

Dort ver­an­stal­te­te das Film­ar­chiv Aus­tria (film​ar​chiv​.at) ein Film­scree­ning im Rah­men ihres „Kino der Orte“-Projekts. Anders als in den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren, als Orte auf­ge­sucht wur­den, an denen man Kino nor­ma­ler­wei­se nicht ver­mu­ten wür­de, wer­den die­se Jahr sie­ben ehe­ma­li­ge Spiel­stät­ten, die nun­mehr als Sex-Kinos, Schuh­ge­schäf­te oder eben Büros die­nen, wie­der für zwei Aben­de bespielt. In mei­nem Fall han­del­te es sich um das frü­he­re Kino Baum­gar­ten (auch Baum­gart­ner Bio-Thea­ter und Baum­gart­ner Licht­spie­le). Vom ehe­ma­li­gen Kino­saal ist nicht mehr viel zu erken­nen – kaum vor­stell­bar, dass hier vor 60 Jah­ren 574 Kino­gän­ger Platz fan­den. Das Kino schloss 1966, ein­zig die Bal­ko­ne zu bei­der Sei­ten des Saals sind noch aus die­ser Zeit erhal­ten. Behelfs­mä­ßig hat man Laut­spre­cher auf­ge­stellt – Büro- und Gar­ten­ses­sel die­nen als Bestuh­lung – auch Kas­sa und Bar­be­trieb sind improvisiert.
In die­ser hip­pen Umge­bung wird Giu­sep­pe Tor­na­to­res „L’Uomo del­le Stel­le“ auf­ge­führt, ein Film, der sich mit dem Fil­me­ma­chen aus­ein­an­der­setzt – wie so vie­le Fil­me in der Rei­he. Die Kura­to­ren der Pro­gramm­rei­he, Tho­mas Ball­hau­sen (der mir danach noch Rede und Ant­wort stand) und Karin Moser, haben bewusst Fil­me aus­ge­wählt, die sich mit dem Kino aus­ein­an­der­set­zen. Der ers­te „Ort des Kinos“, das ehe­ma­li­ge Eos-Kino auf der Land­stra­ßer Haup­stra­ße wur­de mit Tor­na­to­res „Nuo­vo Cine­ma Paradi­so“ wie­der zum Leben erweckt. Im Baum­gart­ner Bio-Thea­ter konn­te man die­se Woche noch Woo­dy Allens „Pur­ple Rose of Cai­ro“ sehen.
Die­se The­ma­ti­sie­rung des Kino­raums, das Zurück­wei­sen einer rein inhalt­li­chen Dis­kus­si­on von Film und Kino impo­niert und gefällt mir – das gebe ich offen zu. Als Wer­muts­trop­fen bleibt, dass der Film in deut­scher Fas­sung, in digi­ta­ler Ver­si­on gezeigt wur­de – eigent­lich ein Sakri­leg die­se hei­li­gen Hal­len so zu bespie­len, doch der prak­ti­schen Umsetz­bar­keit geschul­det. Gera­de ein Film wie „L’Uomo del­le Stel­le“, der so stark die fil­mi­sche Mate­ria­li­tät behan­delt, bleibt aber ein fader Bei­geschmack. Ich ver­ste­he die Ent­schei­dung – anhand der herr­schen­den Licht­ver­hält­nis­se und ohne Pro­jek­ti­ons­ka­bi­ne und ande­ren tech­ni­schen und räum­li­chen Ein­schrän­kun­gen wäre ein ana­lo­ges Bespie­len wohl unmög­lich gewe­sen, die deut­sche Fas­sung zu zei­gen war trotz­dem ein Affront – mei­ne ein­zi­ge Erklä­rung dafür ist die Demo­gra­phie des Publikums. 
© St. Bal­bach Art Pro­duk­ti­on 2014

Den gezeig­ten Film will ich eigent­lich gar nicht näher bespre­chen, nur so viel: Ich hät­te Tor­na­to­re solch ein grim­mi­ges Ende gar nicht zuge­traut. The­ma­tisch pass­te der Film, wie gesagt, aus­ge­zeich­net ins Pro­gramm: Es geht um einen Betrü­ger, der sich als Talent­scout einer Pro­duk­ti­ons­fir­ma aus­gibt und ein sizi­lia­ni­sches Dorf nach dem ande­ren abzockt, in dem er den Bewoh­nern Ruhm und Geld ver­spricht und sie für Pro­be­auf­nah­men bezah­len lässt. Der Traum der Film­kar­rie­re im Film­traum, der im Trau­ma endet.
Aber nicht nur the­ma­tisch war der Film eine gelun­ge­ne Wahl. Bei sol­chen Pro­gram­men ist auch das Publi­kum in Betracht zu zie­hen. Die­ses war alt genug um die letz­te Vor­stel­lung im ursprüng­li­chen Thea­ter noch mit­er­le­ben hät­te kön­nen und tat­säch­lich habe ich am Ein­gang einer älte­ren Dame zuge­hört, die angab als Kind mit ihrer Mut­ter in die­sem Kino gewe­sen zu sein – ihre Gesprächs­part­ne­rin war eine geschätz­te End­zwan­zi­ge­rin, die in dem Co-Working-Space arbeitet.
Damit erfüllt das Pro­jekt auch sei­ne Funk­ti­on als sozia­ler Raum, der unter­schied­li­che Men­schen zusam­men­bringt. Auch das ist laut Tho­mas Ball­hau­sen ein Beweg­grund für die Initia­ti­ve – dem Kino sei­ne zen­tra­le, sozia­le Rol­le der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te zurück­zu­ge­ben. Das Kino soll als ambu­lan­te Form und als Ort the­ma­ti­siert wer­den und ein his­to­ri­scher Dis­kurs soll ent­ste­hen und der inhalt­li­chen Fixie­rung, der cine­phi­le Krei­se so star­ke prägt, etwas entgegenwirken.
© St. Bal­bach Art Pro­duk­ti­on 2014

Alles in allem, trotz schwie­ri­ger Rah­men­be­din­gun­gen eine schö­ne Sache und durch­aus emp­feh­lens­wert. Eine Mischung aus nost­al­gi­scher Ehr­furcht und hip­pem Life­sty­le­ge­fühlt machen das Pro­jekt zu einer tol­len Erfah­rung, wenn auch mit Ein­schrän­kun­gen der Vor­führ­qua­li­tät verbunden.

Für Inter­es­sier­te habe ich hier das wei­te­re Pro­gramm aufgelistet:
Kino der Orte 3: For­tu­na Kino
26.3. „Dèmo­ni“ von Lam­ber­to Bava (Vor­film: „Lumiè­re: Pre­mo­ni­ti­on Fol­lo­wing an Evil Deed“ von David Lynch)
27.3. „Ber­be­ri­an Sound Stu­dio“ von Peter Strickland
Kino der Orte 4: Kai­ser­ap­part­ments in der Hofburg
9. und 10.4. Kurz­film­pro­gramm mit Fil­men der Socié­té Lumiè­re und Besich­ti­gung der Kaiserappartments
Kino der Orte 5: Metro Kino (das sich gera­de im Umbau befindet)
25.4. Kurz­film­pro­gramm von öster­rei­chi­schen Film­zeug­nis­sen der 1910er Jahre
26.4. „Phö­nix an der Ecke“ von Peter Patzak
27.4. „Him­mel oder Höl­le“ von Wolf­gang Murn­ber­ger (Vor­film: „Car­men“ von Anja Salomonowitz)
Kino der Orte 6: Phö­nix Kino
21.5. „Prix de Beau­té“ von Augus­to Geni­na (Vor­film: „Die Film­pri­ma­don­na“ mit Asta Nielsen)
22.5. „Sun­set Blvd.“ von Bil­ly Wilder
Kino der Orte 7: Came­ra Kino (Wäh­rin­ger Bürgertheater)
25.6. „The Last Pic­tu­re Show“ von Peter Bogdanovich
26.6. Kurz­fil­me von D.W. Grif­fith, Gus­tav Traut­schold, Bus­ter Kea­ton und Guy Maddin